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31. Jan. 2008

Ärzte in Grenzen

Diese Tage lese ich in einer Gratiszeitung ein Inserat von Dr. Beat Richner, den meisten bekannt als Beatocello oder als Chef der Kinderspitäler Kantha Bopha in Kambodscha. Seine Anklage im Inserat richtet der Doktor an die Adresse der WHO. Genozid durch arme Medizin in der armen Welt für arme Leute! Ist ein Artikel wert, denke ich betroffen. Meine Frau und Bekannte von uns spendeten auch schon übezeugt für Kantha Bopha und ich begann mit meiner Recherche. Schon bald stiess ich auf die Diplomarbeit von Martina Furrer vom Pharmazeutischen Institut der ETH Zürich mit dem Titel: Die Chloramphenicol-Kontroverse zwischen Dr. med. Beat Richner und der WHO. (Zweitklassmedikamente für die dritte Welt?)

Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit

Alfred Bürki für Berenanews Schweiz

Wer hat’s erfunden? Definitiv ein Deutscher! Besser, ein damals noch Deutscher aus der Nähe bei Colmar im Elsass. Also ein Franzose aus heutiger Sicht. Albert Schweitzer schreibt man mit tz. Als Kind war ich immer der Meinung, der Mann mit dem Schnurrbart und den weissen Haaren, der grosse Arzt, der den Schwarzen im Urwald half und denen wir halfen, wenn wir unseren Batzen dem Sonntagsschulnegerlein gaben, damit es schön mit dem Kopfe nicke, mit anderen Worten artig danke sage, sei natürlich ein Schweizer, ja sei gar eine Art von Überschweizer, der im Namen trug, was wir von Geburt an auch waren, eben Schweizer. Da die Schweizer keinen eigentlichen Führer hatten, hingen sie den General auf, seine Photografie natürlich und auch diese von Kennedy und ab und zu die von Dr. Schweitzer oder gar die von Henry Dunant. Dunant war definitiv ein grosser Schweizer und wie Albert Schweitzer auch er Träger der Ehrendoktorwürde als auch des Friedensnobelpreises.

Die romantisch-primitiven Lebensbedingungen in Lambarene waren das verklärte Ambiente einer paradiesischen „Brüderlichkeit“ von hilfsbedürftigen Eingeborenen und älteren euroamerikanischen „Brüdern“ und zahmen Antilopen. Dieses Bild steigerte die Spendenbereitschaft der euroamerikanischen Öffentlichkeit. Es ist fraglich, ob Schweitzer die Folgen dieses Zusammenhanges zwischen Bedarfsdeckung und Bedarfsweckung von Spendenbereitschaft in seiner ganzen Breite und Tiefe erkannt hat.

Im Zeitalter der Castingshows und der Awarditis jener neodarwinistischen Variante der Zuchtbullen- oder Milchkuhprämierung, werden jährlich herausragende Schweizer zu Überschweizern gemacht, frei nach dem Motto, was für das Fleckvieh gut ist, ist für Fernsehen des Bauernstaates teuer. Im Zuge dieses Medienspektakels ist neben dem Aidsarzt Ruedi Lüthy ein weiterer “Arzt in Schweizer Grenzen“ prämiert worden, der Musikclown Beatocello, Dr. med. Dr. h.c. Beat Richner. Richner, der in Kambodscha seine medizinische Hilfe tausenden von kranken Kindern gewährt. Er praktiziert eine Medizin nach westlichen Standards. Wie Albert Schweitzer, neigt auch Beatocello zu Zitaten. Eines davon ist: „Mit der Strategie der armen Medizin in der armen Welt für arme Leute ist die reiche Welt nicht nur schuldig am Tod von Millionen von Opfern, sie verpasst auch den Frieden!“

Uns harmlosen Spendern sagt die Chloramphenicol-Kontroverse nicht viel. Wir nehmen zur Kenntnis, dass dieses Medikament ein Ersatzantibiotikum ist und dass es inzwischen bessere aber auch teurere gibt.

Überlassen wir den Disput, namentlich die Nebenwirkungen von Chloramphenicol betreffend, den Fachleuten. Was mich jedoch mehr beschäftigt hat, ist die Kontroverse um die ganze Basismedizin. Ich habe verstanden, dass Richner in seinem Alleingang diese weitgehend als Zweitklassmedizin abwertet, während ihm seine Kontrahenten entgegenhalten, seinen Projekten fehle die Nachhaltigkeit. Wie ist das zu verstehen? Die Kinder kommen in Scharen krank nach Kantha Bopha zu Dr. Richner, werden dort auf hohem Niveau medizinisch betreut und gesund gepflegt, um danach wieder in ihr Dorf, in ärmste Verhältnisse, zurück zu kehren. Der nächsten Krankheit steht somit Tür und Tor offen, ausgenommen all jene Krankheiten, gegen die die Kinder während ihrem Aufenthalt im Spital geimpft worden sind. Basismedizin ist Prävention, Gesundheitserziehung, Aufklärung über sexuell übertragbare Krankheiten, sowie erste Hilfe vor Ort, saubere Brunnen usw. Auch für Martina Furrer sind Projekte mit dem Fokus auf Nachhaltigkeit längerfristig sinnvoller als Richners Projekte.
Der Kinderarzt hält dem entgegen: „Für diese Kinder, die wir jetzt retten, spielt es doch gar keine Rolle, ob das Projekt in zwei Jahren noch existieren kann oder nicht. Deshalb ist die Nachhaltigkeit vom Individuum her gesehen Unsinn.“ Problematisch so Furrer, sei auch wenn Beatocello Kinderspitäler aufbaut an Orten, wo bereits staatliche mit Kinderabteilung geplant sind.

Liest man sich als Laie durch dieses Hickhack, so kommt man nicht umhin anzunehmen, dass es sich hier um massive PR-Aktionen handelt. NGOs arbeiten nun mal mit Spendengeldern. Dieser hart umkämpfte “Markt“ kennt mittlerweile die Strategien der Aufmerksamkeitsökonomie wie jedes andere Unternehmen. Unternehmen wie Beatocello oder “Menschen für Menschen“ von Karlheinz Böhm, leben von herausragenden Köpfen. Aber wie schon bei Albert Schweitzer bewundern die Spender auch eine gewisse “berufsbegleitende“ Bescheidenheit bei diesen Wohltätern. Wenn nun Richner sein Flächenbombardement über den Westen und seine Bürokratien herunterprasseln lässt wie ein ex 68er, gleichzeitig aber denselben in die Finken pinkelt, anstelle kollegial zu kooperieren mit anderen, die es nicht schlechter meinen als er, dann stinkt das nach Konkurrenzkampf aus den Socken der Omnipotenz und hinterlässt einen unabsehbaren Kollateralschaden. Martina Furrer danach gefragt, ob sie noch für Richner spenden würde, antwortet enttäuscht mit nein. Schade, vielleicht verpasst auch Beatocello den Frieden, oder gar den Friedensnobelpreis.