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26.04.2017

Als Simulacrum ist das Phantasma fortpflanzungsfähig

A.F. Grazi Interview 27.3.2017

AFG: Mit mir sitzen vier Leute, die sich 1991 zu der Künstlergruppe ABCZ zusammen gefunden haben. Zwei Frauen, ein Mann und ein sogenannter Transmann genannt Z. Die Gruppe trat bereits zwei Jahre nach der Gründung mit einer damals spektakulären Ausstellung an die Öffentlichkeit. Die grossformatigen Fotoarbeiten erinnerten zum Teil an die Bilder von Barbara Kruger (* 26. Januar 1945 in Newark, New Jersey) der US-amerikanische Konzeptkünstlerin, die ebenfalls für ihre grossformatigen Plakate und Installationen bekannt geworden ist.

Inwieweit seid ihr beeinflusst von ihrem Werk und von dem von ihr aufgelegten Buch Picture/Readings aus dem Jahr 1978. Wer will antworten? Du Z?

Z: Klar kannten wir ihre Arbeiten und wir haben zuerst gezögert mit den Schriftzügen. B hat uns aber dann mit dem ersten Entwurf überzeugt. Es war das Bild “UNTITLED“. - C, unser Mann fürs Grobe, hatte einem Püppchen einen Bleistiftspitzer übergezogen. A hat dieses umgehend auf den Scanner gelegt mit einem schwarzen Hintergrund, so entstand der erste „Dollscan“. Es war eben dann B, sie hat den roten Schriftzug “Untitled“ eingefügt und einen Plot ausgedruckt. So war es klar, die meist überdimensionierten Titel gehörten dazu.

Barbara Kruger

AFG: Das heisst die Puppenarbeiten auf schwarz sind auf dem Flachbettscanner entstanden?

Z: Fast ausschliesslich. Das hat auch etwas sinnlich Klaustrophobes. Wer schon einmal in einer MRI-Röhre gelegen ist, kann das gut nachvollziehen.

AFG: Ihr habt ja damals keine Interviews gegeben. Berühmt geworden ist euer Ausspruch bezüglich Inhalte: “Können Sie nicht lesen?“ Warum redet ihr heute darüber?

B: Inzwischen ist viel geschrieben worden und wir sind älter geworden. Kunst wirkt einmal dann, wenn sie neu ist und danach wirkt sie so, als wäre sie immer schon da gewesen. Seit diesem ersten Dollscan hat sich die Welt radikal verändert.

AFG: Ihr habt ja dann noch die Serie “little Hollywood die Welt des DAN“ produziert, danach ist es ruhig um euch geworden.

Z: Ja wir haben einfach aufgehört. Du bist eine der ganz wenigen, die unsere Identitäten kennt und was wir heute machen. Wir haben immer schon mit unserem Galeristen Bertheim gearbeitet, der uns Anonymität zugesichert hat. Vermittelt hat uns damals HUS, der ein Seminar gegeben hat an der Kunsthochschule Berena.

AFG: Ihr habt ja 2006 den grossen Kunstpreis erhalten, zu einem Zeitpunkt, wo ihr schon nicht mehr „existiert“ habt. Damals habt ihr den Preis wie Pussy Ryot mit Strickmasken entgegen genommen.

Z: Showtime.

AFG: Warum habt ihr euch für die Anonymität entschieden?

A: Wir wollten eine Einheit bleiben. ABCZ sollte nicht an Gesichter zugeordnet werden, wir sind keine Popgruppe. Anders gesagt, wir sind keine Glanz und Gloria Einheit. Wir sind lediglich das ES und das Überich der Gesellschaft. (Allgemeines Gekicher)

AFG: Nun zu den Intensionen. Wo unterscheidet ihr euch von z.B. Barbara Kruger?

Z: Ich denke Barbara arbeitet mit Sätzen. Wir arbeiten viel konventioneller mit Bildtiteln und Gefühlen, wir arbeiten mit Wörtern. Unsere Bilder wirken in dem, was sie als Assoziationen zulassen. Gerade „UNTITLED“ lässt verschiedene Deutungen zu. Als C damals damit kam, hat er aber nur gesagt: “Schaut mal wie cool.“ A hat entsetzt fragend ausgerufen: “Hallo? Wie cool ist das denn?“ Und er versicherte uns, er habe sich nichts dabei gedacht, der Spitzer hätte einfach auf den Kopf gepasst.

AFG: Die geschundene Kreatur Mensch ist wohl die meist verbreitete Interpretation. Die von euch umgebauten Puppen verweisen auf die Perversionen der plastischen Chirurgie, sagt z.B. Bertheim. Ich für mich bevorzuge die Idee einer Maschine, die uns abrichtet und zuspitzt auf gesellschaftliche Erwartungen, was sagt ihr denn dazu?

Z: Ich denke das Bild sagt ganz einfach mit Artaud: Written poetry is worth reading once, and then should be destroyed. Let the dead poets make way for others.

AFG: Artaud ist immer wieder mal für etwas gut.

Z: Wie “UNTITLED“

AFG: Hat mir jemand von euch eine ernsthafte Intension bezüglich eures Werkes anzubieten? In unserem Vorgespräch hast du Z den Pierre Klossowski erwähnt. Ich zitiere euch hier aus einer Rezension der FAZ, ihr könnt vielleicht etwas dazu sagen.

In einem von Michel Foucault überschwänglich gelobten Essay - "das höchste Werk unserer Epoche" - geht der französische Philosoph Pierre Klossowski hinter Freud und Marx zurück und zugleich über Adorno hinaus. Unter dem Titel "Die lebende Münze" kündigt er die vorbehaltlose Aufklärung der Verkettung von Trieb- und Industriekultur an. Um diese hervorzukehren, holt er Marquis de Sade gleichsam aus dem Irrenhaus wieder heraus, in welches dieser auf Veranlassung Napoleons gesteckt worden war, und meint, dass die vom Namensgeber des Sadismus ausführlichst beschriebenen Perversionen weniger pathologisch als längst der Normalfall geworden sind.

Und am Schluss noch:

Wenn man Klossowski zustimmte, wäre das Konsumzeitalter also der vollendete Sadismus: "das Prinzip der Produktion bis zum Äussersten, das einen Konsum bis zum Äussersten fordert: zerstörbare Objekte produzieren, den Konsumenten daran gewöhnen, die Idee eines haltbaren Gegenstandes zu verlieren".

B: Stimmt, wir standen unter dem Eindruck dieser Schrift. Es ist klar, dass wir die Bilder durchexerzierten. Aber grundsätzlich entstanden sie intuitiv. Das Zerlegen der Puppen, um diese verkehrt zusammen zu setzen, verweist natürlich auf das, was Pierre Klossowski in der lebenden Münze zum Besten gibt. Die Puppen sind ja auch schon Surrogat oder Simulacrum. Sie verweisen auf die Fortpflanzung und tun so, als appellierten sie an den Fortpflanzungs-, den Muttertrieb. Aber spätestens mit Barbie ist die Puppenindustrie auf den Geschmack gekommen und flugs wurde aus der Mutter Kind das Shopping-Gender-Monster Barbie. Das Kind soll zuerst konsumieren lernen. Kinder gebären kommt später und wird dann als folkloristischer Anlass vom Restposten Natur automatisch nachgeliefert. Als Simulacrum ist das Phantasma fortpflanzungsfähig. Das Resultat wird sofort in der KITA abgegeben, das verlangt die Wachstumsideologie, der Tauschhandel. Und exakt nach dem Prinzip der Dialektik der Aufklärung wird der Mythos der Ungleichheit aufgeklärt, um einem neuen Platz zu machen, dem der Ökonomie. Die befreite Frau wird analog dem Mann in den Verwertungsmechanismus eingespiesen. Die lebende Münze muss Junggeselle bleiben, die Kinder der Hure Mensch sind abgefallen vom Prozess. Die Ökonomie ist die Perversion des Menschen, die Junggesellenmaschine per se.

AFG: Welches ist euer Lieblingsbild?

ABCZ: Sklave!

AFG: Besten Dank für das Interview.

Ausstellung ABCZ 2017 im NAMO