<font size="1" color="#cc3a1e">Beispiel: Uhrzeit anzeigen</font>

14. Nov. 2007

Tell im Visier

Tell, ein Einwanderer aus Oberfranken?

Margarethe Harnischmacher

Die internationale Aufmerksamkeit, welche 2007 dem mysteriösen Bienensterben anhaftete, zeigt das ungebrochene Interesse an einer Tierart, die für menschliches Leben, ja Überleben von grosser Wichtigkeit ist. Umso interessanter wird bei Lichte besehen die Tatsache, dass zwei Wissenschaftler der Universität Berena unlängst ein Papier veröffentlichten, welches nicht nur in der Fachwelt Beachtung fand, sondern auch Forscher benachbarter Disziplinen aus der Reserve lockte.

La dolce vita: Honig und Wachs

Theodor B. Sanftleben, Agrarwissenschaftler, und Joseph Cramer, Kulturhistoriker, haben eine Arbeit über zwei zentrale Ressourcen des Mittelalters, den Bienenwachs sowie den Honig vorgelegt(1.). Wenn in unseren Tagen, den Tagen des Halogens, der Bienenwachs zugegebener Massen eine marginale Rolle spielt, war dazumal die Biene jenes Tier, welches dem vornehmen Haushalt, namentlich dem des Vogtes, dem des Fürsten oder gar des Bischofs oder Abts Licht spendete, ohne dass Helligkeit von dem zweifelhaften Geruch nach ranzigem Schafs- oder Rinderfett begleitet wurde.

„Im deutsch/römischen Reich“, so die Autoren, „zu Zeiten Karls des IV, dem wohl wichtigsten Kaiser des Mittelalters“, sei die Imkerei hoch im Kurse gewesen. “La dolce vita“, wörtlich genommen, war damals noch nicht Verdienst heimischer Zuckerrüben, sondern vielmehr jener der fleissigen Biene und ihrem Wirt, dem Zeidler.

Honig und Wachs, zwei wertvolle Produkte, die das Zeidelmännchen oder der Zeidler (zeideln, Honig schneiden), wie der Imker im Althochdeutschen genannt wurde, in den Wertefluss mittelalterlicher Ökonomie einbrachte. Der Umgang mit den Bienen war aber nicht die einzige Aufgabe dieser Zunft (2.). Beim Studium der alten Akten des Zeidelgerichtes in Feucht sowie bei der Durchsicht des Findmaterials in den Archiven und Datenbanken der Stadt Nürnberg stiessen die beiden Forscher auf eine seltsame Geschichte.

Tellmanns Zeidelhube

In der Nähe zu Feucht, am nördlichen Rande eines stattlichen Waldes, soll sich im 13. und 14. Jahrhundert die Zeidelhube eines Zeidlers namens August Wilhelm Tellmann befunden haben. Zu seiner Zeit bewirtschafte er diese in der vierten Generation. Der Urgrossvater Tellmanns hiess noch Dellenmann, was soviel bedeutet wie der Mann von der Delle (leichte Vertiefung). Tellmann wird als kratzbürstiger, grobschlächtiger Hüne beschrieben, “dem bis anhin seiin keiin Weibsbild in die stark Arme gegangen, so hätten die sich gefürcht“. (Zeidlerchronik, Nürnberg 1342). Wehe dem Wachs- oder Honigdiebe, der im Revier des Tellmann sich zu freveln anschickte! Ihm war ein tückisch Los beschieden. Von Glück konnte dieser reden, wenn sein Häscher ihn vor das Zeidelgericht zu Feucht schleppte statt ihn an Ort und Stelle mit dem Knüppel zu erschlagen, um ohne Federlesens seine Gedärme um den Beutestamm zu girlandisieren, während er den Rest des Kadavers den Bären und Füchsen beliess. Einmal, so der Volksmund, habe er einen Dieb an den Beutebaum gefesselt und diesem anschliessend mit der Armbrust einen Apfel vom Haupte geschossen. Da der erste Pfeil drei Zentimeter über dem Apfel in den Baumstamm geschlagen sei, habe der Schütze die Armbrust ein zweites Mal gespannt und einen weiteren Pfeil auf den Apfel abgeschossen. Dieser habe dann zum Glück den Apfel getroffen, so dass Tellmann sich mit dem Resultat zufrieden gab und den Frevler hätte laufen lassen. Damit habe er dann in der Schenke geprahlt.

Ob Wahres an dieser Geschichte sei, bezweifeln die beiden Autoren, da zu diesem Zeitpunkt die Wandersage des Mönch Saxo Grammaticus, vom dänischen Meisterschützen Toko, längst in aller Zeidlermunde war. Auf der anderen Seite, so fügen sie an, seien es doch gerade solche Geschichten, die simple Gemüter zur Nachahmung anregten. Die nötige Brutalität und Kaltblütigkeit habe August Tellmann ja an anderer Stelle durchaus bewiesen. Nun sollen wir (so mahnen die Autoren) aber nicht voreilig ungerecht sein, sondern wir müssten uns das Mittelalter, mit seinen dunklen Gebräuchen, plastisch vor Augen führen.

Die Vogelhändler

Öffentliches-zur-Schau-stellen von Delinquenten jeglicher Couleur, in allen Variationen, sei an der Tagesordnung gewesen(3.) . Hinrichtungsveranstaltungen fanden aber regen Zulauf und waren zuweilen ein „gefundenes Fressen“ für Gaffer, welche sich an diesem Spektakel in leiblicher Anwesenheit ergötzten. Die Zeidelhube des August Tellmann war ein stattliches Gehöft. Mitunter hätte er einen Knecht und bis zu fünf Tieglitzer unter seinem Regime geführt. Die Tieglitzer sind im Sinne heutiger Saisoniers zu verstehen, welche damals Frondienste für den Burggrafen zu leisten hatten und von den Zeidlern angefordert werden konnten. Ihre Aufgabe war es, auf Beutebäume aufzupassen und Bienen fressende Meisen einzufangen. Die Meisen welche die Tieglitzer in der Zeidelweide, so wurde der Wald mit den Beutebäumen genannt, gefangen hatten, mussten dem Zeidelmeister lebendig abgeliefert werden. Dieser durfte die Vögel an vagabundierende Vogelhändler weiterverkaufen, welche diese als gefiederte Freunde ihrerseits, zur Erquickung der Burgjungfern, an den Burgen der Umgebung feil hielten. Tellmanns Hube war eine sogenannte Mutterhube oder Zeidelmutter ohne Töchter, ein Unternehmen, welches keine Lehnhuben an Pächter weiter vermietete. Tellmann musste Honiggeld und Dienste direkt an die Stadt Nürnberg, d.h. den Burggrafen, leisten. Sogenannte Zeideltöchter hatten der Zeidelmutter Honiggeld und Dienste abzutreten. Hin und wieder habe es Händel gegeben, mit eindringenden Bauern. Der Bauer Friedland Schlicksbier habe behauptet, er sei einem Fuchse gefolgt, welcher sich in die Zeidelweide des Tellmann abgesetzt habe. Zwei Tieglitzer hätten sofort den Zeidelmeister alarmiert und dieser habe den Bauern mit Verdacht auf Wilderei dingfest gemacht. So sagte denn ein altes Sprichwort: “Wenn der Bauer einen Hasen erwischt im Kraut, so muss er es büssen mit der Haut.“ Die Strenge früher Jagdgesetze machte aber auch Ausnahmen. So hiess es etwa: “Allen Thieren ist Friede gewirkt außer Bären, Wölfen und Füchsen.“ oder: “An einem Fuchs bricht man keinen Wildbann.“ Als das Landgericht Nürnberg den Bauern freisprach, da er offensichtlich noch kein Wild erlegt hatte und seine Steinschleuder als Waffe für grösseres Getier für untauglich erklärt wurde, man ihm alsdann Glauben schenkte, er habe den Fuchs gejagt, der ihm eine seiner Legehennen verfilzt habe(die Federn wurden von der Frau Schlicksbiers als Indizien vorgelegt), sei der Tellmann dermassen aus der Haut gefahren, dass er anschliessend im Wirtshaus reichlich „dem Wein zugeprochen“ habe, auf dass ihn seine Tieglitzer hätten nach Hause befördern müssen.


Als die Tieglitzer später den Fuchs in seinem Bau stellten und entsprechende Federn vom Schlicksbierschen-Huhn vorfanden, dies dem Tellmann berichteten, so sei dieser eigens losgezogen und habe der Bauernfamilie ein Quäntchen Honig gebracht und sich in aller Form entschuldigt. Das Bauernleben in dieser Zeit war wohl nicht besser bestellt, als es in der Kosmographie von Sebastian Münster vom 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts beschrieben wird(4.) . Ein grosses Ärgernis für die Zeidler sei aber auch das Jagdrecht der Edelleute gewesen, die sich oft aus purer Langeweile in den Wäldern herumtrieben. So habe denn der Tellmann immer etwas despektierlich gesagt: “Wo Edelleute sind, da sind auch Hasen.“ Zu seinen Tieglitzern habe er aber ein sehr gutes Verhältnis gehabt, vorausgesetzt sie hätten etwas getaugt. Da er alleine war, kein Weib hatte, mit dem er dem Tranke hätte zusprechen können, hat er seinen Met mit den Tieglitzern geteilt.

Der Bär, der Honig und die Armbrust

Einmal, so stehe geschrieben im Gerichtsprotokoll zur Aussage des Tieglitzers Bonifaz Gruber, habe er sich mit seinem Kumpanen Johannis Bracher auf der Meisenpirsch befunden und der Johannis habe gerade auf einem Beutebaum eine Falle errichtet, als ein Brauner (Braunbär) sich auf Honigsuche derselben Buche näherte. Er, Bonifaz, sei in der Folge schreiend zur Zeidelmutter gelaufen und habe nach Tellmann gerufen, was das Zeug gehalten habe. Tellmann habe flugs die Armbrust und das grosse Zeidelmesser umgeschnallt und sei ihm in den Wald gefolgt. Als sie bei der Buche angekommen seien, wäre der Bonifaz schon ganz nah der Krone gewesen und der Bär habe sich angeschickt ihm zu folgen. Da habe der Tellmann kurzerhand einen Pfeil auf den Braunen abgegeben, dass dieser brüllend sich nach unten bewegt habe. „Das angeschossen Tier“ sei dann aber auf den Tellmann losgegangen und habe sich aufgerichtet und mit den Pranken dem Zeidlermeister einen dermassen „fürchterlichen Hieb“ verpasst, dass das Blut nur so gespritzt habe. Da habe der Tellmann mit letzter Kraft dem Bären das Messer durch den Hals gestossen. Er, Johannis selber, habe sich keine 50 Schritte an das Geschehen herangewagt und der Bonifaz sei halb ohnmächtig vom Baume gestiegen.

1348 Das Pestjahr in Nürnberg

Als 1348 die Pest die Stadt Nürnberg erreichte(5.) , habe der Tellmann den Familien seiner Tieglitzer Unterkunft gewährt und keinen Menschen näher als 5000 Schritte an die Zeidelmutter herangelassen. So sei der schwarze Tod an ihnen vorbeigezogen und „Kind und Kegel“ hätten überlebt.

>



Bis anhin war Tellmann ein Verehrer Karls IV, jedoch ein Verächter der niederen Obrigkeiten. So sei in den Akten verbrieft, dass Tellmann des öftern seine Privilegien aufs Spiel gesetzt hatte. Etwa mit Sprüchen wie diesem: “Gott hat den Kaiser eingesetzt, um seine Vasallen kümmere ich mich.“ Der viele Met hat ihn grössenwahnsinnig gemacht, meinen die Autoren. So kam es denn, wie es kommen musste. Als Karl IV später die Einkünfte der Zeidler, das Reichshoniggeld, an Arnold von Seckendorf, dieser weiter an den Burggrafen von Nürnberg verpfändete, war es schlecht bestellt um den Zeidelmeister Tellmann. Es geschah in der Schenke “Zum Weinkrug“, am Hauptweg zu Feucht, Richtung Abend, in einer Bauernschenke, die ihren Nachruhm ihren hervorragenden Bratwürsten, den sogenannten Bauernseufzern, verdankt. Diese Bratwurst, so genannt, weil sie oft zu Flatulenzen geführt habe, war nebst Blut und Leberwurst die Leibspeise Tellmanns, und er habe nach deren genüsslichem Verzehr des öfteren seinen Gasen freien Lauf gelassen. Natürlich floss auch Wein in Strömen.

Als ein Büttel aus dem Weingut des Burggrafen mit seinem Gefolge, einem heruntergekommenen Knappen und einer Prinzessin aus dem ehemaligen Hause eines ortsbekannten Raubritters von Berg - Raubritter nannte man die Edelleute, die sich um Hab und Gut gebracht hatten, sei es durch das Würfelspiel oder durch Hurerei und Trunksucht - am Nebentisch breit machten, habe es sich zugetragen, dass Tellmann statt den Gruss zu erwidern, seiner Bedrängnis freien Lauf gewährte und die Flatulenz sich sowohl olfaktorisch als auch akustisch in der Schenke ausbreitete. Die Dame habe sich in vornehme Blässe gekleidet und sich angewidert abgewendet, der Büttel dagegen habe sich vor Tellmann aufgebaut und ihn zur Räson bringen wollen, worauf Tellmann einen gehörigen Rülpser nachschickte und ihm entgegnete: “Eher würd ich diin Chappen grüssen, als deiin Nuss ehren!“ Nun nahmen die Dinge ihren unvermeidlichen Lauf. Der Büttel habe den Knappen, welcher wie Tellmann selber ein Mann von kräftiger Statur gewesen sei, auf den Zeidelmeister angesetzt. Tellmann habe den Angreifer in der Folge dermassen entstellt, dass der Schenkenwirt die Ordnungshüter gerufen habe, welche den Zeidelmeister zuerst in den Luginsland- und dann in den Fröschturm zu Nürnberg verschleppten. Unterwegs habe Tellmann zetermordio Flüche auf Gott, den Burggrafen und dessen Büttel ausgestossen.

Tellmann am Pranger

Da sein Vergehen nicht in den Ahndungsbereich des Zeidelgerichtes fiel, wurde er vom Strafgericht in Nürnberg zu 5 Tagen Pranger und anschliessend einem Jahr schweren Kerker verurteilt, bei Absprache sämtlicher Rechte und Privilegien. Der Hauptpranger lag an der Südseite des Rathauses, der Bauernpranger mitten am Hauptmarkt. Tellmann kam, so besagt die Überlieferung, an den Hauptpranger(6.). Er habe wild um sich geschlagen und es hätten ihrer 4 starke Männer bedurft, um ihn ans Eisen zu schlagen. Wiederum war es der Volksmund, welcher von ehemaligen Honigdieben zu erzählen wusste, dass diese mit faulen Äpfeln nach seinem Haupte warfen. Es war in der zweiten Nacht, Tellmann sei beinahe schon in einem Müllhaufen von faulem Obst untergegangen, als die beiden Tieglitzer Johannis und Bonifaz auftauchten. Bonifaz war ein Mann, der mit Eisen umzugehen wusste. Er habe die Schlösser mit einem Eisenhaken ohne viel Aufwand aufzubrechen gewusst.

Johannis habe dem Tellmann seine Armbrust mit dem Köcher und den Pfeilen gebracht und ein paar Kleider und eine Wegzehrung.

Tellmann auf der Flucht

Keine tausend Pferde würden ihn in diesen Landen halten, er wolle nach Italien, dort gebe es einen Honig, davon träume man hierzulande nur, gab Tellmann seinen Rettern zu bedenken. Erst auf dem Totenbett hat Bonifaz, Johannis war schon vor ihm gegangen, einem Mönch diese Geschichte anvertraut. Dieser hat sie in die Annalen des Zeidelschlosses zu Feucht niedergeschrieben. Leider haben sich diese Passagen nicht in situ erhalten. Man mutmasst, sie seien im Zweiten Weltkrieg verschwunden. Aber zurück zu Tellmann: In Italien ist er wohl nie angekommen, das zumindest ist verbrieft. Wo er auf der Strecke geblieben ist, das wissen die Götter.

Soziokulturelle Aspekte volkskundlicher Forschung

Die hier referierte „Venia legendi“ des Tellmann gibt einen Vorgeschmack auf jene grössere Auswahl von Begebenheiten, welche die beiden Wissenschaftler in ihre Arbeit eingebettet haben. Wir kürzen an dieser Stelle, um nicht noch mehr der gleichermassen unterhaltsamen wie lehrreichen Geschichte über August Wilhelm Tellmann vorwegzunehmen. Aufgrund des weit gefassten soziokulturellen Horizonts volkskundlicher Forschung überraschen die Autoren mit bislang in ihrer Bedeutung unterschätzten Fakten.

Dies ist, aufgrund der guten Quellenlage, umso erstaunlicher. Das Zeidlerleben kann auf eine lange Darstellungstradition zurückblicken. Einschränkend sei die Frage erlaubt, ob Tellmann tatsächlich das typische Zeidelmännchen repräsentiert. Wenn sich nun heutige Imker mit der Gestalt des Tellmann unter Umständen nicht identifizieren können, so ist dies wenig verwunderlich.

Sexualität semantisch

Gebräuche und Sitten waren in der Neuzeit einem starken Wandel unterworfen. So schreibt etwa Norbert Elias in seinem Standardwerk “Über den Prozeß der Zivilisation“: Das Vorrücken der Schamschwellen bewirke, dass „die Gewaltbereitschaft allmählich sinke (gegenüber Mitgliedern der eigenen Gesellschaft); die Sexualität zunehmend stärker kontrolliert bzw. unterdrückt und tabuisiert werde; beim Essen und Trinken die Formen strenger, "feiner" würden (z. B.: differenziertere Esswerkzeuge); die Ausscheidungsfunktionen ebenfalls zunehmend tabuisiert und "dem Blick anderer Menschen entzogen“ würden.

Man kann sich fragen, welche Entwicklung unsere moderne Zivilisation seit der Studie von Elias genommen hat. Dafür muss man nicht nur dem „Pöbel“ aufs „Maul“ blicken, denn heute bringt es sogar ein Gymnasiast fertig, das Wort “geil“ in einem Satz fünf mal zu plazieren.

Kehrt die Sexualität als Desemantisierungsorgie in den Sprachraum oder gar in die Lebenspraxis zurück?

Von Tellmann zu Tell

Auf der Hand liegt nun aber sicher eine gewisse Parallele zu einer ganz anderen Geschichte, nämlich zu dem Mythos von jenem bärtigen Gesellen, der die damalige Urschweiz für die Abgesandten der Habsburger unsicher gemacht hat. In dieses Bild hätte Tellmann nicht schlecht gepasst und der Name Tell in der Urschweiz (abgeleitet aus Tellmann) war so ein unstrittiges Mannsbild, dass es nicht eigens im Geschlecht erwähnt werden musste, das liegt auf der Hand.

Nun wissen wir aber alle, dass Tell keine historisch verbriefte Person war, sondern ein Mix aus Wunschdenken der Eidgenossen und einer Lebenslüge aus dem Geiste des deutschen Idealismus. Werden wir nun durch die neusten Erkenntnisse aus dem Ressort der Imkerforschung eines Besseren belehrt? Wie erklären wir uns den Zuwachs, die hoch gelobte und stark verbesserte Bienenwachsversorgung des Klosters Einsiedeln und der umliegenden Kirchen in den Jahren nach Tellmanns Flucht in den Süden? Und was Tellmanns Manieren angeht, in der Urschweiz, wäre er nicht sonderlich aufgefallen, höchstens sein Dialekt hätte nicht in den Chor der Schweizer Töne gepasst. Hinzu kommt natürlich die allgemeine Xenophobie der Berg- und Tal-Leute. Da war schnell mal einer ein “Fötzel“ (7.). Dass sich Tellmann dort wohl gefühlt haben könnte, lesen wir an anderer Stelle: „Der grösste Stolz dieser vierschrötigen Urschweizer war von jeher, dass sie nie von den Gebräuchen ihrer Vorfahren auch nur um ein Haarbreit gewichen sind, dass sie die einfältige, keusche, biedere und tugendsame Sitte im Strome der Jahrhunderte unverfälscht bewahrt haben. Und das ist wahr, jeder Versuch, der Zivilisation ist an den granitenen Wänden ihrer Felsen und ihrer Schädel ohnmächtig abgeprallt. (...)“(8.)

Aber eben, wie schon Bruno Bettelheim festgestellt hat: „Kinder brauchen Märchen.“


1.)

T.B. Sanftleben, J. Cramer: Das Zeidelwesen im Mittelalter. In: Jahresbericht des Instituts für Kulturwissenschaften, TU Berena, Sehnah 2006, S. 15 – 46.


2.)

In “des Heiligen Römischen Reichs Bienengarten“, wie die Gegend um Nürnberg genannt wurde, kamen dem Zeidelwesen auch Ordnungsaufgaben der Waldpflege zu. Die Zeidler saßen nach freier Erbleihe auf zahlenmäßig beschränkten, unteilbaren Zeidelgütern, die sich im Lorenzer Reichswald zu ganzen Zeideldörfern weiterentwickelten. Es gab schließlich 27 Zeideldörfer mit 92 Zeidelgütern. Kaiser Karl IV. verlieh den Zeidlern 1350 neben über das Bienenregal hinausgehenden Waldnutzungsrechten und Zollfreiheiten im Honighandel ein eigenes Zeidelgericht in Feucht . Als äußeres Zeichen dieser Privilegierung erhielten sie die Erlaubnis zur Führung der Armbrust und werden meistens auch mit einer solchen dargestellt. Die bekannteste Darstellung finden wir im Wappen der Ortschaft Feucht, das Zeidelmännchen in grüner Tracht mit Zipfelmütze und Armbrust, auf einem Bienenkorb stehend

3.)

Die wohl brutalste Strafe, um nur eine zu nennen, wenn auch gerade eine der grausamsten, sei das Pfählen gewesen. Dem komplett nackten Verurteilten wurde ein mit Fett eingeschmierter Pfahl in den Darm oder die Vagina eingeführt. Durch Aufstellen von eben diesem, wurde ein qualvoller Tod aufgrund der körperlichen Schwerkraft , durch das Durchbohren des Körpers herbeigeführt. Die oft tagelang dauernde Prozedur, wurde jedoch nicht all zu oft angewendet.

4.)

Da heißt es: "Der viert Standt ist der Menschen, die auf dem Felde sitzen, und in Dörffern, Höfen und Wylerlin (Weilern), und werden genannt Bawern, darumb das sie das Feld bauwen. Diese fürn ein gar schlecht und niederträchtig (erbärmliches) Leben. Es ist ein jeder von dem andern abgeschieden und lebt für sich selbst mit seinem Gesind und Vieh. Ihre Häuser sind schlechte Häuser von Kot und Holz gemacht und mit Strow gedeckt. Ihre Speiß ist schwarz ruken (Roggen) Brot, Haberbrei oder gekocht Erbsen und Linsen. Wasser und Molken ist fast ihr Trank. Ein Twilchgippe, zwen Buntschuch und ein Filzhut ist ihre Kleidung. Diese Leut haben nimmer Ruh. Früh und spat hangen sie der Arbeit an. Sie tragen in die nechste Stadt zu verkauffen, was sie Nutzung überkommen auf dem Feld und von dem Vieh und kauffen ihn dagegen was sie bedörffe. Ihren Herren müssen sie oft durch das Jahr dienen, das Feld bawen, säen, die Frucht abschneiden und in die Schewer führen, Holz bawen und Gräwen machen. Was solch harte Dienstbarkeit in dem armen Volk gegen ihren Obern bringe, ist man in kurz verruckten Jaren wol innen worden."

5.)

Pest-Wellen gab es in Nürnberg in den Jahren 1348, 1437, 1491, 1522, 1562, 1585 und 1634. Dem schwarzen Tod fielen jedes Mal Tausende zum Opfer. Durch Flucht auf das Land versuchte man der Ansteckung zu entkommen. An den Stadttoren zu Nürnberg wurden die Karren nach Leichen untersucht und die Geissler (rel. Fanatiker) wurden nicht eingelassen.

6.)

Der Pranger war ein hölzener Pfahl oder eine Steinsäule, auch eine Schandbühne, an der die zu Schändenden mit Eisen gefesselt waren. Oft hatte der Geschändete auch ein Schild um den Hals, auf dem aufgemalt war, was er verbrochen hatte - die meisten Leute konnten nämlich nicht lesen. Wer am Pranger stand, durfte nicht mit Steinen beworfen werden, geschlagen, getreten oder verletzt werden. Man durfte ihn nur beschimpfen und mit weichen, fauligen Lebensmitteln o.ä. bewerfen

7.)

Fremder, Mundart: frömdä Fötzu

8.)

Friedrich Engels Sündenregister der Urschweiz (1847)

Zum Thema:

Ausstellung «Tell im Visier» in der Schweizerischen Nationalbibliothek

Ab dem 15. November zeigen rund hundert Plakate in der Schweizerischen Nationalbibliothek, wie populär Wilhelm Tell in der Werbung war und ist. Die Ausstellung «Tell im Visier» macht auch die entscheidenden Entwicklungen der Plakatkunst sichtbar.