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19. Juni 2007

“Kunst kommt von (bezahlen) können“

Au Wei-Weia oder die nackte Kunst

Gabi Zaun-Fertel

Wenn diese Tage die Documenta 12 in Kassel ihre Tore öffnet, werden 1000 Chinesen mehr in Kassel herumsitzen. Ihr Leben wird sich verändern sagt Ai Wei Wei und hat natürlich recht. Menschen verändern sich während sie in den Tag hinein leben. Der eine kriegt Schnupfen, die andere ein Kind, jene Falten usw, das ist ganz normal. Natürlich, die 1000 Wei Wei’schen Chinesen werden in ihren “Ferien“ in Kassel - diesen Aufenthalt hätten sie sich wohl nie leisten können - zu anderen Menschen. Kunst ist also in der Lage Menschen zu verändern, so der Künstler. Für die 1000 Chinesen lassen wir das einmal so stehen, wünschen ihnen und dem ganzen Kunstwerk das sie nun mal sind, einen wunderschönen Aufenthalt in der bezaubernden Stadt Kassel, dem Traum jedes mitteleuropäischen Touristen. In beinahe jedem Hotelzimmer in Kassel träumt sich jeder beliebige kreative Tourist (ein Widerspruch in sich zwar) locker wunderbare weisse Sandstrände und Palmen ins Kissen. Sogar den Touristen des Jahres 2006 von Sehnah, Urs Lüthi, zieht es immer wieder mal nach Kassel.

Seit einiger Zeit treibt ein gewisser Spencer Tunick mit nackten Menschenrudeln sein Unwesen in der Kunstszene. Offensichtlich ist er in den grossen Kunstarenen Biennale und Documenta nicht angekommen. Auch er verwandelt Menschenmassen in Kunst, in nackte Kunst. Sicher hätte Tunick nur allzu gerne die tausend Wei Wei’schen Chinesen vor dem Fridericianum in Kassel zu einer Pyramide der Nacktheit aufgetürmt. Berena News schlägt ihm als Alternative ausgezogene Eskimos auf einer Eisscholle vor.

Kunst kommt von bezahlen. Dies hat kein geringerer als der Kunsthistoriker und Kritiker Claude Bertheim gesagt. Ein Künstler der heute der Kunstwelt noch einen Pfahl ins Fleisch jagen wolle, der müsse ganz ordentlich in die Tasche greifen. Offensichtlich hat die Stadt Kassel dies für Ai Wei Wei getan, oder hat er gar die Aktion selber finanziert? Bei Tunick machen die Leute (Annahme der Redaktion), gratis mit. Logo, so viele Ärsche an einem Haufen kriegen die so schnell nicht wieder vor die Linsen.

Vor vielen Jahren stand in einer Kunstzeitschrift ein Artikel von einem Autoren, der schreibend gerade über Los Angeles und dann über die Wüste von Sonoma und Marin Counties flog. Unten sah er zuerst die Millionen-Villa von Protestsänger Bob Dylan. Dann in der Wüste: “Running Fence“ von Christo. Der Autor stimmte ein Hohelied auf den Künstler der poetischen Verpackung an und lobte in allen Tönen dessen Projekte. Er hob hervor, dass Christo diese mit dem Verkauf seiner Grafiken und Collagen finanziere. Dylan dagegen komme ihm in seiner Millionenbehausung vor wie jeder beliebige amerikanische TV-Prediger, der Wasser predige und Wein trinke.

Der Schweizer Herbert Distel war neben Christo einer der frühen Künstler, welcher mit Sponsoring und PR Mitteln Kunstwerke von internationalem Aufsehen inszenierte. Distel schickte 1970 ein 3 Meter langes weisses Polyester-Ei über den Atlantik. Wie Christo setzte auch er eine Skulptur der rohen Natur aus und weckte so haufenweise poetische Assoziationen. Das Spektrum der unterschiedlichen Interessen für die Sache war gross: Technik, Abenteuer, Geografie, Kunst und Spekulationen verschiedenster Färbungen. Eines aber blieb für die allermeisten bestehen: ein Fragezeichen. Und damit, bewusst oder unbewusst, war es auch immer eine Beschäftigung mit einer Form von Kunst.



Im Gegensatz zu den Kunst-Wiederholungstätern die den einmaligen Erfolg zu einer Masche ausbauen, belässt es Distel bei dieser einen Reise und “erforscht“ die Welt fortan mit anderen künstlerischen Mitteln.

Wer nun meint das Ei sei in unserer schnelllebigen Zeit vergessen gegangen, der beisst wortwörtlich auf Granit.

BerenaNews_48

Laut Bertheim wird die Szene immer mehr durch das Geld regiert. In den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts startete HUS zusammen mit seiner Frau ein Projekt, das nie zur Ausführung gelangte. Das Duo hatte alle Schweizer Grossbanken angeschrieben, um an das Material für eine Skulptur zu kommen. Sie wollten eine temporäre Plastik aus einer Million Einfrankenstücken ausstellen. In Briefwechseln die der Redaktion vorliegen, wurde den beiden aus den Direktionsetagen der führenden Schweizer Banken mitgeteilt, dass die Kunstförderung ihrer Häuser nichts mit der Geldwirtschaft zu tun hätte und dass diese sich lediglich auf Ankäufe im Kunstmarkt beschränke. Dies spiegelt die hohe ethische und moralische Haltung wieder, die man weltweit den Schweizer Banken ja auch zugesteht. HUS wendete sich in der Folge an Harald Szeemann, den er um Unterstützung bei der “Materialbeschaffung“ bat. Dummerweise hat er in dem Schreiben an Szeemann den Satz geschrieben, dass (die) Kunst nach dem Event direkt durch Geld ersetzt werden könne. Das Kunstwerk, welches in diesem Falle materiell zu 100% aus Geld bestehe, und den Inbegriff von Vermögen darstelle, liefere dazu den endgültigen Beweis. Diese Transformation hat dem Harry nicht gefallen und eine schriftliche Kunst-(theoretische)Tirade endete mit den Worten: “Beginnen sie zu sparen!“ (Redaktion im Besitz des Schreibens)

Dem sei denn auch nichts entgegen zu halten, wäre es nicht derselbe Szeemann gewesen, der anlässlich der Expo 2002 im Auftrag der Schweizer Nationalbank ein Projekt in Sachen Geldwirtschaft inszenieren durfte, in welchem er so ganz nebenbei Schweizer Banknoten geschreddert hatte. Natürlich alles selber zusammengespart! So demonstrierte er aller Welt, dass die Kunst Herr der Lage und er Herr der Kunst war und dass diese sehr wohl dem Geld zu trotzen wusste, wenn er selber Hand anlegte.

Bertheim dazu weiter: “Um das Jahr 2000 hat das OK (Offenes Kulturhaus Oberösterreich) eine Ausstellung mit dem Titel Sozialmaschine Geld gemacht. Ein Künstler namens O.J. Adler (s. Bild) hat damals unter dem Titel: “Das Dagobert Duck Syndrom“, in 2 Millionen Schilling Münzen gebadet. Aber was sind schon Schillinge? Taler ja, Dollar ja, Schweizer Franken ja - aber Schillinge(?), klingt wie Heringe oder sonstige Schwarmfische. Da der ausrangierte Schilling dem Euro zum Opfer gefallen war, dürfte dieses Material etwas einfacher zu beschaffen gewesen sein. Der Titel “Dagobert Duck Syndrom“ könnte ja mitunter auch kritisch aufgefasst werden, ist aber um das Jahr 2000 bereits bitterer Ernst. Das Bad in der Knete ist längst affirmatives Wunschdenken in Künstlerkreisen. Es gibt nirgends grössere Salon-Huren als beim Künstler-Pack. Schlimm ist deren doppelte Moral, da sind mir deren Kunden die Manager noch lieber, bei denen weiss man wenigstens woran man ist."

Der Sommer 2007 sei ein so genannter Kunstsommer. Biennale in Venedig, Art in Basel, Documenta 12 in Kassel und die Skulpturenausstellung in Münster. Der poetische Gehalt all dieser Events ist um einiges kleiner als der des Knut-Events am Anfang dieses Jahres. Wenn Kunst einem kleinen Eisbären nicht mehr die Stange halten kann, dann pfeift sie aus dem letzten Loch und möge doch 1000 Chinesen knuddeln wer will.