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Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen
Elo Jo Mauri (Zauberflöte im Opernhaus Zürich 2007)

In einer Kritik zu Ingmar Bergmans Film “das Schweigen“ hiess es in den 60er Jahren:

Ingmar Bergman inszeniert ein Inferno der Angst, Verwirrung und Hilflosigkeit, wobei gerade das Fehlen lautstarker Katastrophen dem Film eine Aura eisiger Kälte und suggestiver Bedrohung verleiht.

Derselbe Bergman inszeniert Jahre später für das schwedische Fernsehen im Barocktheater von Schloss Drottningholm Mozarts Zauberflöte. Ich erinnere mich nur schwach an das viele Grün, an ein Bühnenbild mit viel Gebüsch und Blättern. Gemessen an zeitgenössischen Inszenierungen der Zauberflöte und erst recht gemessen an Bergmans Filmen war diese TV Inszenierung ein heiteres Märchenspiel, ein Kaschperltheater.

Die oben zitierte Kritik könnte nicht treffender auf die Inszenierung von Martin Kušej und das Bühnenbild von Rolf Glittenberg am Opernhaus Zürich übertragen werden, wenn da nicht die störende Musik von Mozart mit im Spiel wäre. Spass beiseite, wie auch immer Nikolaus Harnoncourt die Flöte musikalisch neu und noch neuer verstanden haben will, zurück bleibt Mozart und wird nie und nimmer Alban Berg. So ist man denn zuweilen anfänglich etwas irritiert, wenn die heitere Musik nicht so richtig mitgeht in die kalten Abgründe eines was weiss ich modernen Krankenhaus-Luftschutzkellers unserer Tage.

Theater ist das Gegenteil von “Morells Erfindung“ der ewigen Wiederkehr einer immergleichen Woche. Nicht so das Musiktheater, die Oper. Sie ist ein Zwischending. Partituren bleiben für musikalisch ungebildete Durchschnittskonsumenten auf dem Niveau der Wiedererkennbarkeit einer Melodie sitzen. Wer die Briefarie a) Mozart und b) der Oper Figaros Hochzeit und c) gar der Gräfin darin zuschreibt, diese im Radio losgelöst von einer Inszenierung erkennt, ist schon beinahe ein Opern-Wiedererkenner. Als gesungenes Theater im Umfeld eines Bühnenbildes ist sie aber optisch ebenso variabel wie eine Sprechtheaterinszenierung. Autoren von Dramen und Opern hinterlegen in der Regel Inszenierungsvorgaben. (Vogelfänger tritt auf mit Käfig auf dem Rücken). Bühnenbild wie Inszenierung lassen aber die Überlagerung einer Metageschichte zu. Wenn nun die Musik genial gesetzt ist und der Text ist überholt, oder gelinde gesagt inhaltlich Schrott, so kann dies mit der Inszenierung manchmal korrigiert werden, damit nicht ein Mythos zelebriert wird, der seine Kraft längst verloren hat. Im Zeitalter der Lebensabschnittspartnerschaften wird dies Bildnis, jenes Zugemüse zur Bildnisarie, relativ schnell aus dem Rahmen genommen und ausgewechselt. Nur er, der Rahmen bleibt monogam. Dieser Rahmen ist bezaubernd schön, er verspricht was er hält, nämlich nicht die wahre Pamina, sondern die Ware Paminen. Kušejs fechtendes Männerbündchen erinnert an schlagende Studentenverbindungen und ist überzeugendes Kostümwerk. Man weiss nicht so genau, ob die neuen Illuminaten eher Himmlers Kantinenpersonal entsprungen sind als der Gefolgschaft des Erzpatriarchen Sarastro. Die dem Zeitalter der Aufklärung entstammenden freimaurerischen Werte: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität, gehen heute mit Euphemismen wie Sozialmüll (Maucher ex-Nestlé), Sozialromantik, neoliberalglatt den Bach hinunter. Diese Wörter allesamt aus dem Vokabular einer Opern besuchenden Bourgeoisie unserer Gegenwart, wohlverstanden. Wenn früher der Lindwurm ex cathedra in die drei Stücke Vater, Sohn und heiliger Geist geschlagen wurde, so gehen uns beim säkular-orgiastischen Kušej Freudsche Schlangen die Hosenröhren hoch, als wären wir bei Indiana Jones zu Gast.

Wenn der Graurücken aus dem Planet der Affen da verkündet: “Das Weib dünkt sich groß zu sein, hofft durch Blendwerk und Aberglauben das Volk zu berücken und unsern festen Tempelbau zu zerstören. Allein, das soll sie nicht.“, zeigt Sarastro sein wahres Gesicht und stellt sich in die Reihe mit Jahwe, der in Moses Kapitel 3/16 Sündenfall, folgendes zum Besten gibt: “Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären und dein Verlangen soll nach deinem Manne sein, aber er soll dein Herr sein.“

In der unterkühlten Einöde der Zürcher Inszenierung wurden mir die menschlichen Positionen besser gewahr, als im Bergmanschen übergrünten Blattwerk. Das ausgeleierte Märchen Humanitas hat ausgedient, lebt nur noch im Simpel Papageno unverlogen weiter, als im Vogelzwinger gefangener Vogel seiner selbst, gerade so, als wäre er Nietzsches letzter Mensch mit der Laterne. Als einzigen Sänger möchte ich hier Ruben Drole erwähnen, einen Papageno der “Netrebkoklasse“, einfach in allen Belangen hervor- und herausragend. Die Königin der Nacht, einst bei Schinkel noch grosse Mutter und grosse Göttin, in Zürich an die Wand gespielt, als nuttige Alte, die wie es schien, am liebsten selber Bild würde, im Rahmen des Tamino. „Du bist ja schuldlos, weise, fromm…“ Aber wehe dem zarten Jüngling, die Erbsünde die man mir angehängt hat, mir dem Nachtschattengewächs der Menschheit, dem Weib, sie wird auch über dich und Taminen hereinbrechen. Nur die ewige Liebe könnte euch retten. Weisse Hochzeiten à Euro 30'000.- aufwärts und eine Scheidungsrate von >50% lassen grüssen. Die Feuer- und Wasserproben erleben junge Paare heute auf dem Heimweg von der Disco, wenn Papas Wagen nach der Frontalkollision ausbrennt. Kušej zieht es vor das Auto zu löschen, bevor es zu brennen beginnt und eine nachgestellte Sequenz aus “the Game“ verweist auf die Spassgesellschaft, die es vorzieht, lieber eine schöne Leiche abzuglittern, als im Altenheim dahin zu zittern.

Wenn Bergman unter dem Aspekt der Feindschaft zwischen Königin und Sarastro auch schon mal die Szenen einer gescheiterten Ehe sah, dann gälte für Zürich, bei einem konsequenteren Verlauf der Inszenierung, dass die Menschheit selber als Gescheiterte daraus hervorgegangen wäre. Doch diese Apokalypse ersparte Kušej den Zürchern und stellte das heilige Paar am Ende des Abends nicht mit Peitsche und Hundehalsband in den Vogelzwinger, sondern zurück an den weissen Anfang der Geschichte.

Na dann mal Prost, mach mal Pause mit Coke (dem trefflich roten Wein) und einem Big Mac und dann ab in die Heja mit Papagena zu heiterem Gesang: “Der Waffenhändler bin ich ja, verkaufe Knarren trallalla…..“

„Der Umsturz des Mutterrechts war die weltgeschichtliche Niederlage des weiblichen Geschlechts. Der Mann ergriff das Steuer auch im Hause (und post Engels, im Auto und an der TV Fernsteuerung), die Frau wurde entwürdigt, geknechtet, Sklavin seiner Lust und bloßes Werkzeug der Kinderzeugung. Diese erniedrigte Stellung der Frau, wie sie namentlich bei den Griechen der heroischen und noch mehr der klassischen Zeit offen hervortritt, ist allmählich beschönigt und verheuchelt, auch stellenweise in mildere Form gekleidet worden; beseitigt ist sie keineswegs.“

(Friedrich Engels)

Aus Wikipedia.de übernommen:

Der Musikwissenschaftler Helmut Perl hat umfangreiche Forschungsergebnisse in zwei Werken dargelegt, die neue Interpretationsversuche enthalten und versuchen, Missverständnisse des Werks, in dem oftmals Hanswurstiaden, Kasperliaden und Märchenklischees gesehen würden, aufzuklären. Danach meint das märchenhafte „Ägypten“ der Handlung „Österreich“, wie im Geheimjargon der Illuminaten, deren Mitglied Mozart war. Schon die erste Szene der Oper soll den Schlüssel zum Verständnis enthalten: Prinz Tamino, der Held der Oper, flüchtet vor einer Schlange und fällt in Ohnmacht. Die Schlange ist nach Perl Metapher der Schöpfungsgeschichte, des Sündenfalls, der Vertreibung aus dem Paradies, was das zeitgenössische Publikum sicher verstand: die Szene stellt die Ohnmacht des Menschen vor der Erbsünde dar. Drei schwarz gekleidete Damen (Kirchenvertreter) kommen aus einem kirchenartig aussehenden Tempel und zerteilen die Schlange in drei gleiche Teile. Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist: jedem Zuschauer der Uraufführung im Josephinischen Wien war die Abhandlung eines klerikalen Themas klar. Nach Perls Deutung behandelt die Oper das zentrale Thema der Spätaufklärung aus der Perspektive der Illuminaten, die in Wien zu jener Zeit mit großer Wirkung arbeiteten, bis es dem Ancien Régime zu gefährlich wurde. Nach dem Verbot der Illuminatenorden 1785 in Bayern zerschlug auch Joseph II. den Orden gewaltsam. Zu der Zeit, als die Illuminaten in den Untergrund gingen, entsteht die Zauberflöte mit ihren stark kirchenkritischen Zügen. Perl deutet auch zum dubiosen und plötzlichen Tod Mozarts einen möglichen Verdacht an: Mehr noch als sein angeblicher Widersacher Salieri hätte der Klerus stärkstes Interesse daran gehabt, Mozart zum Schweigen zu bringen. Perl wirft die szenischen Missverständnisse einer Tradition bewusster Fehl- und Uminterpretation vor, sogar Textverfälschungen zum Zwecke der Verharmlosung belegt er. Etwa Vulpius, der Schwager von Goethe, erstellte eine 'entschärfte' Textversion, indem er aufklärerische Textintentionen eliminierte.


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