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Die Schweiz, der Herzschrittmacher Europas?

"Koitus" von Rudi Schär (Panzer 68 beim Liebesspiel)

Das Ende von 68

Elo Jo Mauri

Kürzlich antwortete Präsident Bolar auf die Frage, wo er denn die Grenzen Europas ziehen würde, mit: "Rundherum um die Schweiz". Auf dem Rückweg nach Sehnah sitze ich im Flugzeug und grüble an meinem Artikel über den Schweizer Film herum. Was interessiert unsere Leser in Sehnah der Schweizer Film? Ein Grounding haben wir beinahe selber erlebt. "Vitus" - ja, ein schöner Film, da lässt sich was machen und Bruno Ganz ist auch bei uns längst kein Unbekannter mehr. Ansonsten was soll's, schon der einheimische Film kommt kaum über die Runden. Seit Franko Pimm Filmchef ist, ist die Branche aufgemischt, ist das Lager gespalten. Etwas anderes schwirrt mir im Kopf herum, das Intermezzo in Solothurn zwischen dem CH-Kulturminister und dem CH-Pimm und Sohn des Preisträgers Jean-Luc Bideau. Der CH-Filmchef Nicolas Bideau hat dem Festival einen Abschlussabend mit Etikette verpasst. Konfirmandenanzüge, Krawatten und Leihgarderoben waren angesagt. Gut, einige der geladenen Gäste haben solch Tuch für Kirchgänge, Opernbälle und Aktionärsversammlungen sowie Abdankungen zu Hause. Aber eben, die einfachste Vorstellung von Kunst ist die Mimesis. Das Nachäffen von Hollywoodialitäten. Es ist sattsam bekannt, dass weltweit die Opernhäuser, Konzertsäle etc. voll sind von Leuten, die nett angezogen trotzdem keine Ahnung von Musik haben. Es wird ihnen heutzutage auch einfach gemacht, alles wird vorgeklatscht. Die Zeiten, wo in italienischen Häusern die Tenöre noch mit Tomaten beworfen wurden, sind endgültig vorbei. Aber eben, mit einem Publikum das in Belcanto eine Rasierwassermarke vermutet, müssen wir nachsichtig sein. Al fine - nicht da capo, kam also in Solothurn jener Satz , der eine mittlere Kulturrevolution des 20.Jahrhunderts mit der Walliser Fastnacht verwechselte. 68 ist endlich vorbei. Krawatten und Crevetten sind in. Es darf sogar Golf gespielt werden. Der Umweltminister warnt: "Bitte pro Golfschläger nur einen Porsche Cayenne anschaffen!" Der bittere Ernst ist endgültig weg. Die Firmen sind schon bald so gesundgeschrumpft, dass man mit dem Erlös pro Firma zwanzig CEOs bezahlen könnte. Das Kokain verdrängt endlich und zu unser aller Glück das lähmende Haschisch der Sozialmüllgenerationen. Kokain auch die Cineastendroge N°1? Vorsicht Glatzenträger, der Haartest greift auch am Schamhaar. Aber wer will denn heute noch jemandem an die Wäsche? Laut neusten Messresultaten wäre eine Kokain-Recyclingfabrik am Schaffhauser Rheinfall ein lukratives Unternehmen. Kartelle reserviert euch die Schürfrechte! In einem Land, das vom Wintersport lebt, ist der Schnee wichtig. Die Klimaerwärmung drängt den Schweizern den Kunstschnee förmlich auf. Habe mich schon gefragt, ob man auf Kokain auch snowboarden kann? Schwarzer Smoking oder weisses Dinnerjacket, das ist hier die Frage. Auf schwarz zeichnet das weisse Pulver gut, also aufgepasst, nicht niesen! Hat 68 etwas mit Klamotten zu tun frage, ich mich. Man müsste Joschka Fischer fragen und nicht Nicolas Bideau, geboren 20.Juli 1969, Sohn des Schauspielers Jean-Luc Bideau.

1969 als das Kind Nicolas zur Welt kam, war 1968 vorbei, das ist eine historische Tatsache. Als das Kind Nicolas gezeugt wurde, war der heisse Mai 68 auch schon Geschichte. Es muss also irgendwann im Oktober geschehen sein. Gehen wir von nassen, nebligen Spätherbsttagen aus, wo vor grauer Urzeit der Opferkönig schon das Zeitliche gesegnet hatte. Tiefer wollen wir nicht eindringen. Es war aber noch 1968.

Hier eine Filmkritik zu Jonas 2000, in der der Vater Bideau mitspielte:

Alain Tanner beschreibt auf tragikomische Weise das Lebensgefühl von Vertretern der Generation, aus der die Rebellen der späten Sechzigerjahre kamen. Vier Männer und vier Frauen gründen eine Kommune auf einem Bauernhof bei Genf. Trotz immenser Verschiedenheit, ist ihnen ein heftiges Missvergnügen an der Gegenwart gemeinsam. So setzen sie alles auf einen ungeborenen Sohn, der Jonas heissen soll. Wenigstens er, so hoffen alle, soll in 25 Jahren in ein besseres Jahrtausend hineinwachsen.

Nun wissen wir es, nun kennen wir die Botschaft. Kommune, Bauernhof, Rebellen. Aber auch Hippies Flower Power, Rock'n Roll und freier Sex, dass es nur so von den Wänden trieft. Der Schock von Zabriskie Point in den Gliedern der Altvorderen lebt auch noch nach im Geiste des CH-Kulturministers. Sein Ziehsohn gibt alles her, um den heiklen Auftrag zu erfüllen. Wenn die grosse Flut kommt, oder der Krieg um die Ressourcen, werden alle zu der Musik von Jerry Garcia im Sonntagsanzug vor den Herrn treten und das dank dem kleinen Nicolas alias Jonas, dem Messias der Hippigeneration. Aber wer war Jerry Garcia und die Grateful Dead? Wer war Michelangelo Antonioni? Wer war Marcuse, Adorno, und Horkheimer? Lieber Jonas oder Nicolas, diese Herren Professoren trugen alle meist Anzug und Krawatte und waren trotzdem die Väter von 68 so wie der Erziehungsminister Ihr "Ziehvater" ist. Was Sie da von der Kanzel predigen, ist 68 für die Sonntagsschule. Dass der CH-Film oft langweilig bis peinlich war/ist… gut, gut hat aber mit 68 nichts zu schaffen. An der Schweiz ist 68 etwa so vorbeigezogen wie die beiden Weltkriege. Dafür hattet ihr eine Fichenaffäre, die zeigte, dass eure Stasi sich mit der DDR fast messen konnte. Ansonsten, wer nichts erlebt, hat auch nichts zu erzählen und sich nur in Selbstherrlichkeit zu baden, wird cineastisch oder auch sonst wie kulturell keine Spuren hinterlassen. Es sei denn, ein paar Kondensstreifen am Firmament, erzeugt von viel warmer Luft, seien auch Kultur und genügen dem Land hinter den sieben Bergen. Im Zusammenhang mit dem momentanen Aufblühen des CH-Films kommt mir Klaus Schädelin, der Autor des jüngst verfilmten Jugendbuches "Mein Name ist Eugen" in den Sinn. Er war es, der mir ein Jahr vor seinem Tod noch gesagt hat, "68, das war eine ganz wichtige Sache!" Er ist der lebendige Beweis dafür, dass es in der Schweiz Leute gibt, die Geschichten zu erzählen wissen. Vieles was heute für die meisten Jonasse eine Selbstverständlichkeit ist, war es vor 68 nicht. Einiges hat dann auch in arge Sackgassen geführt. Dass aber ein Mythos durch Aufklärung nur in einem neuen Mythos aufgeht, wissen wir ja auch seit damals. Wenn ein anderer Schweizer einmal gesagt hat: "Kleider machen Leute", so wollte 68 damit aufräumen und nur ein wenig aufzeigen, welche nackten Tatsachen oder eben welch Machwerk unter solchen Tüchern oft steckt. So sind nicht nur neue Mythen entstanden, sondern auch neue Clichés. Und die traurigste aller Erfahrungen bezüglich 68 ist die, dass die halbherzige Gleichstellung der Geschlechter in das "Patriarchat", dieses nur noch gestärkt hat, nach dem Motto "cosi fan tutte". Wir sind weit entfernt von einer herrschaftsfreien Kultur.

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