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Der Übermensch ist nichts weiter als ein Ersatzteil


Andrea Curd Sauerberg

Laut Brecht ist in den Anfängen das Radio ein Demonstrationsobjekt der Bourgeoisie, die ihre eigene Dummheit darin zur Schau stellt.

"Ein Mann, der etwas zu sagen hat, und keine Zuhörer findet, ist schlimm dran. Noch schlimmer sind Zuhörer dran, die keinen finden, der ihnen etwas zu sagen hat."

(B. Becht, Radiotheorie)

Heute sind TV-Sendungen mit Zuschauern im Studio an der Tagesordnung. Wie im Theater oder auf der Sporttribüne werden die Spektakel life miterlebt. Wichtiger als das Erlebnis vor Ort ist bei solchen Produktionen, dass das Auge der Kamera zwischendurch das Publikum erfasst und man so selber einmal im Fernsehen kommt. Das Fernsehen gibt vor demokratisch zu sein, indem es einzelnen Bürgern Zutritt gewährt, sie befragt, oder wie in Big Brother etc. selber agieren lässt. Die Quotenabfrage ist ein Marketingtool und hat ebenfalls mit Demokratie nichts zu tun, da die Ausrichtung der Sendungen sich am Mainstream, an der Konkurrenz ausrichten und nicht an einem Bildungsauftrag. Sicher, es kommt auf die Moderation und die Gäste an, auf welchem Niveau ein Talk, eine Sendung stattfindet und Diskussionssendungen sind in der Regel auf pro und contra gestrickt. Schlimmer sind all die Brot und Spiele-Sendungen, in welchen es etwas zu gewinnen gibt, Nullgehaltsendungen, Moneypornos wie “Deal or No-Deal“. Im weiteren natürlich all die Beziehungskistentribunale, welche in pseudoreality-mode Kids und Erwachsene aufeinander loshetzen und das Publikum auf der Tribüne als Richter fungiert. Politarenen werden absichtlich mit Protagonisten besetzt, welche die höchsten Einschaltquoten generieren, egal wie bescheuert sie sind. Wer sich in einer Medien-Demokratur nicht an die Spielregeln des Rituals hält, hat keine Chance gewählt zu werden. Junge Talente werden in Durchlauferhitzern zu Stars hochgeschraubt, um sie dann wie in Gefangenschaft aufgezogene Schimpansen in der Wildnis auszusetzen. Dort angekommen, wenn überhaupt, fallen sie in der Regel elendiglich von der Liane. Neueren Datums ist auch der Begriff Comedy als allgemeine Desemantisierung des Adjektivs lustig. In Comedy lacht man erst, wenn einem das Lachen vergangen ist. In den Anfängen des TV gab es eine Sendung mit dem Titel: “Es darf gelacht werden“. Stummfilme von Chaplin über Billy Bevan, Laurel und Hardy bis hin zu Buster Keaton waren angesagt. Da heute Komiker vom Format z.B. der Marx Brothers selten geworden sind, heisst es neu: “Es muss gelacht werden“, das ist dann eben Comedy. Der seit 12/11 etwas angeschlagene “american way of life“ hat der Welt Serien wie “24“ gebracht. TV-Folterspots die uns ahnen lassen, was es heisst, wenn einem in dieser Maschinerie die notwendige Antwort auf eine Frage fehlt. Da hatte es der Ketzer vor dem Inquisitor noch relativ einfach. Er konnte seiner Ketzerei abschwören, er konnte einfach gestehen. Als Krönung der Selbstbezüglichkeit von Medien, veranstalten diese ihre eigenen Olympiaden in der Aufmachung von Awardshows! Der Award ist ein Ding, das auf kein Designmöbel passt und trotzdem aufgestellt wird. "Der Award ist der Hundekuchen nach erfolgreicher Dressur" (K.C: Broom).

Der grosse Zulauf zu all diesen Sendungen gibt ein erbärmliches Bild von einer Gesellschaft ab. Wenn man bedenkt, dass ein einzelner beinahe das Monopol über die Dummheit besitzen darf (Berlusconisierung), muss man sich nicht wundern, wenn das Ende der Bourgeoisie der Anfang eines neuen Lumpenproletariats sein wird. Das Proletariat (vom lat. proletarius „der untersten Volksschicht angehörend“) bezeichnete die gesellschaftliche Schicht der Landlosen (Besitzlosen), welche aber nicht versklavt waren. Für Letzteres gibt es im Morgen keine Garantie.
1985 hat Neil Postman die Frankfurter Buchmesse mit der Rede “Wir amüsieren uns zu Tode“ eröffnet. Er vertrat die These, dass das Fernsehen die Urteilsbildung der Bürger gefährde und der Zwang zur Bebilderung zu einer Entleerung der Inhalte von Politik und Kultur führe. Er prägte dafür den Begriff "Infotainment". In diesem Zusammenhang beklagte Postman die Infantilisierung der Gesellschaft.


Für Baudrillard, der die Möglichkeit einer Medientheorie im Grunde negiert, ist sein “Requiem für die Medien“ eigentlich eine Anti-Medientheorie. Bei ihm sind Massenmedien intransitiv, verhindern die Vermittlung (anti-mediatory) und produzieren Nicht-Kommunikation (non-communication), da kein wechselseitiger Austausch stattfinde; dazu fehle eine wichtige Grundlage, die wechselseitige Beziehung zwischen Sender und Empfänger. Medien "verbieten" für immer eine Antwort und jeden "Austauschprozess" (trading process).
Es gibt daher keine Medientheorie, da bisher kein Ansatz die Medien in ihrer Gesamtheit erfassen konnte; insbesondere negiert Baudrillard die emanzipatorischen medientheoretischen Ansätze Brechts, sowie Enzensbergers ( Medienbaukasten), als auch die Auseinandersetzung McLuhans mit dem Manipulationspotential der Medien. Als Beispiel für die alternative und subversive Form des Massenmediums bezeichnet Baudrillard die Strasse, da sie kein Träger von Botschaften sei, sondern die Dinge zeige, wie sie seien und die unmittelbare Interaktion und Kommunikation mit der Möglichkeit zur Antwort biete.

Nach Baudrillard ist es unmöglich, die Medien zu demokratisieren, zu infiltrieren oder Einfluss auf sie zu gewinnen; die einzige mögliche Veränderung sei das Wiederherstellen der Antwortmöglichkeit im Kommunikationsprozess, was Baudrillard als Revolution bezeichnet.

K.C. Broom (Das Ganze ist das Dumme) widerspricht nun in letzter Instanz auch noch diesem Prozess. Broom spricht der Revolte seinerseits jegliches Konzept der Kommunikation ab und bezeichnet diese als ebenso intransitiv wie die Medien. Die brennenden Autos in den Banlieus französischer Grossstädte sowie die Graffitis der “Cool-Killers“ an den Mauern, sind für Broom keine Kurorte der Intersubjektivität, aber auch nicht der Revolte. Die Strasse sei nicht das Medium der Revolte und habe selber in der Tat keine Botschaft, zeige aber auch nicht das, was sie vorgebe zu zeigen. Was sich da als die unmittelbare Interaktion und Kommunikation mit der Möglichkeit zur Antwort ausgebe, sei nichts anderes als die Vorwegnahme der Simulation des Ereignisses durch die Medien selbst. Mit anderen Worten, die Jungs wollen wie die Zuschauer auf der Studiotribüne durch das Medium Fernsehen Realität werden. Im Glauben, nur wer einmal durch eine braun’sche Röhre oder neuerdings durch LCD- oder Plasmascreen gewandert ist, sei real und werde als Realität wahrgenommen, setzten diese Leute alles daran sich zu realisieren. Dieser Trugschluss sei fatal, da der Zuseher längst nicht mehr zwischen Spielfilm (Entertainment) und Tagesschau (Infotainment) unterscheiden könne. Die einzelnen Subsysteme der Gesellschaft, längst zu autopoietischen Hauptsystemen geworden, drehten sich selbstreferenziell im Kreis. So seien denn die Medien primär für die Medien da, die Künstler für die Künstler, die Gewerkschaften für die Gewerkschaften, die Manager für die Manager, die Gesetze für die Gesetze, die Kirchen für die Kirchen, die Parteien für die Parteien usw. Der Mensch selber sei nur noch ein bedeutungsloser Wasserträger dieser Systeme, dies gelte sogar für Leute wie Berlusconi. Er (der Mensch) sei dies noch so lange, bis er eines Tages durch etwas Effizienteres, schlicht und einfach Besseres, ersetzt worden sei. Dieser Prozess sei nicht mehr aufzuhalten, da der Mensch längst nicht mehr als Einzelwesen existiere, sondern nichts anderes sei, als ein Teil seines jeweiligen Systems. Geht einer kaputt, kommt ein anderer nach. Broom nennt den Gegenwartsmenschen denn auch despektierlich Ersatzteil. Nachgefragt, ob es denn gar keine Rettung gäbe? Broom: “Keine, oder wollen Sie die Medien abschaffen, Grossanlässe verbieten oder gar das Handy, die kabellose Hundsleine der Sado-Masogeneration? Diese Alternative ist uns allen zu totalitär oder wie die Jungen sagen - voll (zu) krass -, damit können und wollen wir nicht umgehen. No chance…..“

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