<font size="1" color="#cc3a1e">Beispiel: Uhrzeit anzeigen</font>

Herbert Distel

Grossmeister des Zitats

“rasiert euch!“

Dr. Gabi Zaun-Fertel

Hat Peter Bürger unrecht? In der Theorie der Avant Garde beschreibt er das Scheitern der Avantgarde (der Dadaisten etc.), deren Ziel es war, die Kunst in die Lebenspraxis zurückzuführen. Kunst sollte sich demnach nicht mehr als elitäre Sektiererei am Rande der Gesellschaft, wenn auch am goldenen Rande, verstehen. Kunst durch Jedermann für Jedefrau und umgekehrt. Maxime: Handle so, dass dein Handeln gleichzeitig auch Kunst sein könnte, so du denn das Sensorium für das Besondere im Alltäglichen hast. Dass der Kunstbetrieb sofort alles vereinnahmt und somit der allgemeinen Lebenspraxis entreisst, na ja - . Aber ist es heute nicht so, dass der Markt, zu dem der Kunstmarkt auch gehört, an oberster Stelle im kapitalistischen Weltbild steht? Oder sehen Sie noch ein anderes Weltbild? Markt ist demnach pure Lebenspraxis. Dass wir uns gegenseitig ETWAS (z.B. Arbeit) verkaufen ist längst Alltag, sofern wir ETWAS haben.

Trotzdem, meine Damen und Herren, etwas scheint zu fehlen in diesem Kalkül. Die Poesie ist ein Geist, der eingehaucht werden will. Man nehme z.B. einen herkömmlichen Hermann Nitsch, der auf dem Wiener Naschmarkt Leber, Tomaten, Fische, Trauben etc. einkauft, um diese dann auf einer weiss gedeckten Tafel vor Kunst-Studenten der Städelschule Düsseldorf auszubreiten, die Tomaten vor deren Augen zermanscht und den roten Brei anschliessend über eine silberne Makrele tröpfeln lässt, das ist schon was. - Das ist was anderes, als wenn Sie, meine Damen und Herren, einige Tomaten kaufen und diese zu einem Sugo verarbeiten, um diesen dann auch noch einfach unter Teigwaren gemischt aufzuessen. Als ob gerade ihr Stoffwechsel Kunst wäre. Sie sehen, meine Damen und Herren, ohne den Hohepriester kommen auch Sie nicht aus. Nun, auch das Orgien Mysterien Theater eines herkömmlichen Nitsch ist im Grunde eine Nebensache im Weltenlauf, wenn man einmal davon absieht, dass es Menschen gibt, die verhungern und dies nebenbei gesagt leider auch als Lebenspraxis.

Die Postmoderne lebt, wie wir alle wissen, vom Zitat. Ein Original ohne Zitat entbehrt heute jeglicher Originalität! Der dies sagt, muss es wohl wissen. Einer, der am Scheideweg der Moderne hin zur Postmoderne, einen „Pfahl“ ins Fleisch der Kunst getrieben hat. Nachdem er das Ei des Kolumbus sprichwörtlich auf dem Atlantik verloren und dann in spektakulärsten Aktionen wieder gefunden hat (Berena News wird davon noch ausführlich berichten), hat er in einem Ready-Made Korpus 500 seiner Kollegen und Kolleginnen als Original zitiert. Das Schubladenmuseum, das die letzten zwei Jahrzehnte der Moderne konserviert wie Manzoni seine eigene Künstler-Scheisse in der Büchse, ist sein Werk. Dieses Schubladenmuseum ist einerseits selber noch Moderne, andererseits der Sockel der Postmoderne. (So jedenfalls Bertheim, der bekannte Kunsthistoriker von Berena). Herbert Distel heisst dieser “Alchemist“, der in der Folge (der Folgen) auf den Meister Marcel Magnus (genannt Duchamp) dieses monumentale Kleinod geschaffen hat. Leider steht es im Kunsthaus Zürich etwas verkannt im Abseits (oder gar im Depot). Das kommt davon, wenn man Kunst an Provinzstädte(*1) verschachert. Die Geschichte wird es aber wieder entdecken und gebührend an die Oberfläche bringen, daran lässt Bertheim keinen Zweifel.

Schubladenmuseum (HD)

Bertheim verweist weiter auf Lyotards Paradox: Ein Werk muss zuerst postmodern sein, um modern zu werden. Damit hat Lyotard, der zu Unrecht Vater der Postmoderne genannt wird (wie er, glaube ich, selber sagte), nur die Moderne selber skizziert. Ein Werk muss nach seinem Paradoxon seiner Zeit voraus sein, also eine Novität sein. Das Neue war aber eh schon das Paradigma der Moderne. Duchamp seinerseits hat mit den Ready-mades Neues eingeführt, nämlich, dass das Beliebige Kunst sein kann. Dieser Gestus war das Neue in seiner Kunst, im Grunde nichts anderes als die Naturalisierung des Stilllebens (dies ist eine Pfeife).

Das Buch von Karin Thomas ("Kunstpraxis heute" ,1972) endet mit dem Distel Credo: Die Werke von 500 Künstlern als Arbeitsfeld für einen einzelnen. Kunst durch die Kunst, also "Betriebssystemkunst", welche die Kunst selber zitiert und zum Inhalt hat und macht. Damals noch nicht so gesehen und empfunden, war es eben auch wieder zuerst postmodern, um dann modern zu werden. Gleichzeitig aber war das Neue daran, dass die Kunst selber als Inhalt auftrat, somit das Neue nicht mehr alleine zählte, sondern das Zitat ebenbürtig wurde. Sicher war Kunst auch schon mal Gegenstand von Kunst, z.B. in LHOOQ von Duchamp. Damit wurde aber die Postmoderne als Epoche noch nicht ausgelöst. Der Stress, immer origineller sein zu müssen, war erst mit Herbert Distel auf einmal aus der Welt geschafft. So jedenfalls Bertheim aus Berena: "Distel hat den Teufelskreis der Moderne radikal durchbrochen, ja ihr die Luft rausgelassen, die Zähne gezogen. Denkmäler setzt man für Vergangenes, das sagt ja schon der lustige Grabstein von Distel, das Granitei für "Canaris", aus." Das Ende der Moderne, so Bertheim weiter, sei aber nicht das Ende der Kunst an sich, denn die Kunst an sich gebe es gar nicht, habe es gar nie gegeben und sie könne somit auch nie zu Ende sein. Damit hat Bertheim ein neues Paradox in die Welt gesetzt.

Distel der Universal-Künstler, der Komponist von "Railnotes" und "La Stazione", Distel der Filmemacher von “die angst die macht die bilder des zauberlehrlings“ usw., hat nach langer Kontemplation und Askese ein Werk für jedermann geschaffen. Ein Multiple würden wir denken, doch es ist mehr als das herkömmlich bekannte Kunstding für Jedermannundfrau. Es ist gleichzeitig ein kategorischer Imperativ und Schmuckstück für die Frau von Welt, die Dame, die Königin, die Braut, aber auch für den Mann von Welt. Maxime: Rasiere dich und die Welt wird dich mit deinen eigenen Augen sehen! Nun, wir müssen tiefer eindringen, tiefer in die Kunstgeschichte, meine Damen und Herren. Rrose Sélavy (Eros c’est la vie, Duchamp) hat mit “LHOOQ“ ein zweideutiges Werk geschaffen, dem er das nicht weniger zweideutige Werk “rasée“ hinterhergeschickt hat. Herbert Distel nimmt nun das Rasieren als eine durch und durch der Lebenspraxis verpflichtete Tätigkeit wieder auf und distribuiert weltweit ein silbernes(*2) Medaillon mit der Gravur “rasée“ (für die Königin). Silber steht in der alchemistischen Tradition für den Mond. In vielen alten Mythen ist der Mond auch das weibliche Urprinzip. Der Transformationsprozess indes verlangt nach Handlungen, verlangt nach der Rasur. Auch wenn Distel sich darüber weiter ausschweigt, Berena News folgert als mögliche Handlung radikaler Poesie den Urschrei der Zölibatäre, Handelsreisenden, Trompeter von Säckingen und anderswo, Käse-Käser und Welschheuer, Forscher und Doktoren der Zahnmedizin, Könige und Generäle sowie Ombudsmänner und Kranführer usw. usw. der weltweit heisst: fameux sans cheveux!

Erweben kann man das Medaillon 3,0 x 1,8 cm, echt Silber, von H.D. monogrammiert und datiert, Euro 333.-inkl. Silberkette und Versand.

bei: wikkerink

(*1)Der Schriftsteller Peter Bichsel hat einmal (sinngemäss) gesagt, das Städtchen Zürich meine, es sei eine Grossstadt (Weltstadt?), das mache es so provinziell.

(*2)Der Stein der Weisen lässt alle Metalle zu Gold werden. Saturn, der Herrscher der untersten Schwelle wird traditionell mit Blei gleichgesetzt, dem finsteren, zu wandelnden Stoff der Alchemie. Mond und Sonne dagegen, die im obersten Geschoss regieren, stehen für Silber (Mond) und Gold (Sonne) und symbolisieren zugleich die beiden höchsten Stufen des Transformationsprozesses. So bestätigt der Sonnenlauf uns Jahr für Jahr erneut, wie die Wandlung vom Niedersten zum Höchsten Blei zu Gold werden lässt. Dieses himmlische Phänomen war sichtbarer Beweis für den alchemistischen Grundsatz, wonach Blei im Innersten reinstes Gold ist, was besagt, dass das Edle im Rohen enthalten ist, ebenso wie das Gute im Bösen. So verstanden enthält selbst Hass bis zur Unerträglichkeit verdichtete und verhärtete Liebe, die aber durch Wandlung jederzeit wieder daraus hervorgehen kann, ebenso wie Neid zu Wohlwollen und Geiz zu Großmut transformiert werden kann.