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"Wir brauchen keinen Gott"

"warum man jetzt Atheist sein muss" von Michel Onfray

Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch

schwarzes Quadrat 1912

Yves Klein

IKB65

HUS

Einfleischung 1991 (dead/alive)

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Ein Gespräch zwischen A.C. Sauerberg und H.C. Broom

S:« Les phrases s’envolent. Les mots bourdonnent. Grondent. Se bousculent. C’est du rap métaphysique. Du slam philosophique. Du funk phénoménologique. De la soul ontologique. » so trompetete es in le monde, was halten Sie von dem Buch, das in Frankreich solch einen Erfolg erzielt?

HCB: Halbe/halbe, kann ich da nur sagen.

S: Wie ist das zu verstehen?

HCB: Zum einen ist es wichtig, dass Religion nicht nur durch die Kirchen thematisiert wird und die Tradition der Religionskritik wieder etwas Wind in die Segel bekommt. Sie haben mich ja in Ihrem letzten Beitrag zum Thema gebührend zu Worte kommen lassen. Ich möchte nur wiederholen, dass aus der Wissenschaft her eine steife Brise auf die Metaphysik zu weht. Zum anderen ist das Buch, von dem wir hier sprechen, nicht viel mehr als alter Wein in neuen Schläuchen, um nicht zu sagen, kalter Kaffee mit viel Schnaps.

S: Sie meinen Schnapsideen?

HCB: Nein natürlich nicht. Mit Schnaps meine ich Feuerwasser im Gnostikerhals, oder sinngemäss Öl ins Feuer gegossen. Gerade die katholische Kirche hat nun jahrelang ein Marketing betrieben, welches sich sehen lässt. Der durch Johannes Paul den II. hervorgebrachte Personenkult des Vatikanstaates darf sich in der Geschichte der Propogandaministerien sehen lassen und interessant ist, dass das Label Papst sogar übertragbar geworden ist, oder kennen Sie den Nachfolger von Olaf Palme?

S: Politiker versus Papst, there is any difference? Oder sehe ich das falsch?

HCB: Ich meine Palme als Figur wie etwa Kennedy, sozusagen als Mensch hinter dem Titel.

S: Klar verstanden. Das Label Papst hat durch Woytila neue Kraft erhalten, die übertragbar ist. Die Menschen wollen das Papamobil mit Superman sehen.

HCB: Richtig, guter Vergleich, Superman! Der Superman-Darsteller Christopher Reeve ist nun gestorben, lebte lange total gelähmt im Bett, starb und nun darf man das Label Superman mit neuem Aktionist wie Phönix aus der Asche steigen lassen. Er erstrahlt in altem Glanz und das Märtyrium des Vorgängers gibt dem neuen das Potential der heiligen Reinkarnation.

S: Der Streifen kommt ja auch mit einem arg gerüttelten Mass an Kruzifikation einher. Ein Wunder, dass nicht Mel Gibson für die Regie zeichnet!

HCB: Habe ihn nicht gesehen. Any way. - Was mich an dem Buch ein wenig stört, sind die Tiraden. Man wirft mir dies zuweilen auch vor bei meinen Vorträgen. Gut finde ich, dass das Buch Absatz findet und das Thema im Aufwind steht.

S: Sie meinen Tiraden wie diese, wenn Onfray etwa verkündet: Nur Kinder brauchen Religionen. Als erwachsener intelligenter Mensch müsse man der Realität ins Gesicht sehen, dass nach dem Tod einfach nichts mehr komme. Die drei hauptsächlich kritisierten Religionen kämen allesamt aus dem Wüstensand. Dort, wo man tagsüber schwitze, vor Durst schier umkomme und nachts friere und trockene Datteln kaue, sei eben das Jammertal, aus dem man sich gerne in paradiesische Oasen davonträume, die im Jenseits auf einen warten.

HCB: Ja zum Beispiel. Es käme mir nie in den Sinn eine solche Dummheit zu schreiben. Onfray darf selbstverständlich glauben, dass nach dem Tode nichts mehr kommt, aber er verwechselt Grundlegendes. Sehen Sie, wenn z.B. einer behauptet, Gott sei eine Wesenheit in einem Metauniversum, bestünde aus grünem Schleim, welcher seinerseits aus lauter Neuronen, Synapsen, Transmittern und dergleichen Zeugs bestehe, und zudem schlimmer stinke als hundert Auerochsen, dann mag das eben so schwachsinnig sein, und trotzdem, beweisen kann ihm niemand das Gegenteil. Idiotisch sind also nicht bescheuerte Inhalte eines Geschwafels, idiotisch sind falsche Sätze an sich, denn worüber man nicht sprechen kann, soll man besser schweigen.

S: Wäre da sein Buch nicht leer?

KCB: Nein, er schreibt ja viel über die Machtmissbräuche der anderen Seite. Und wenn es eine Leserschaft gibt, für die diese Mechanismen neu sind, dann hat er schon viel erreicht. Gegen die Religionen wettern ist eine Sache, ist Aufklärung, methaphysisches Zeugs absondern eine andere. Die Dialektik der Aufklärung von Adorno und Horkheimer sagt uns aber, dass die Zertrümmerung des alten Mythos in einen neuen Mythos führt. Aufklärung über die Aufklärung ist zwar unbefriedigend, da alles immer in der Schwebe bleibt, doch wenigstens immer noch irgendwie wahr ist. Adorno sagte ja, das Ganze ist das Unwahre und negierte damit Herrn Hegel. Keine Position darf positiv werden, auch die Gott verneinende nicht.



S: Sie gehen in Ihrem Buch noch weiter und behaupten, das Ganze sei das Dumme.

KCB: Die Aussage schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe. Einerseits meint sie das Ganze im Sinne Hegels, andererseits das (Ganze) menschliche Verhalten an sich, das Weltgeschehen bar jeglicher Vernunft. Wohin der linkshegelianische Kuchen abgedriftet ist, weiss heute ausser den Altstalinisten beinahe jederman. Da jeder meint, er handle aus seiner Sicht vernünftig, z.B. Papst Ratzinger, der nach wie vor Schwule ins kirchliche Abseits stellt - ich glaube zwar, dass er hier weiss, dass es unter Umständen so vernünftig nicht ist. Ratzinger ist ja alles andere als blöd. -

S: (unterbricht KCB) Das wäre aber doch zynisch? Ich meine zynisch im Sinne von jemandem der Ideale hat, aber ganz genau weiß, dass sie nicht realisierbar sind.

KCB: Natürlich wäre das irgendwie zynisch, doch gerade Intellektuelle kaschieren oft Zynismus mit Vernunft.- Wo war ich ? Ah ja ein anderes Beispiel wollte ich noch bringen: Die Selbstmordattentäter, die aus Liebe zu Allah und zum richtigen Glauben sich und andere zu Hackfleisch verarbeiten, da bin ich im übrigen sicher der gleichen Meinung wie Onfray. Bin aber, so glaube ich, Philosoph geblieben.

S: Aber ist Philosophie, die nicht mehr aussagt als dass man nichts aussagen darf noch Philosophie?

KCB: Nichts Methaphysisches meinen Sie? Philosophie war immer schon mehr als Metaphysik. Philosophie ist die Liebe zur Weisheit. Die Philosophie hat im Gegensatz zu den einzelnen Wissenschaften keinen begrenzten Gegenstandsbereich. Allgemein könnte man sie als den Versuch der kritisch-rationalen Selbstüberprüfung des Denkens bezeichnen, als eine methodische Reflexion, die sich inhaltlich tendenziell auf eine Gesamtdeutung der Welt und der menschlichen Existenz richtet. Jeder Versuch, den Begriff „Philosophie“ zu definieren oder den Bereich der Philosophie näher einzugrenzen, ist bereits Gegenstand der Philosophie selbst. Unsere Schwerpunkte liegen heute in der Wissenschaftsethik. Was soll man tun, was soll man lassen, auch wenn es technisch machbar ist. Auf was kann man solche Urteile stützen? Sie können sich denken, wie schwierig das im Grunde ist, da Wissenschaft global ausgeübt wird und Ethiken oft regional ausgelegt werden.

S: Daher die Weltethik von Hans Küng.

KCB: Ja daher. Aber eben, Weltethik ist für mich eigentlich Ethik schon immer, und ich weiss, dass ich mir hier selber widerspreche, ich bin es ja, der da sagt, das Ganze ist das Dumme, weil Vernunft nicht kostenneutral ist und somit nicht globalisiert werden kann. Globalisieren kann man nur Macht, Profit und die daraus resultierende ungerechte Verteilung der Armut.

S: Welche mit der Aufschrift Terror an den Absender zurückgeschickt wird?

KCB: Oftmals ja sicher.

S: Zurück zu Onfray, Sie sind nicht seiner Meinung, dass man heute Atheist sein muss?

KCB: Entschieden nein, denn ob jemand an Gott glaubt, ist nicht relevant. Wie er handelt ist relevant, wen er unterstützt ist relevant, usw.

S: Darf jemand heute Katholik sein, ist das etwas anderes?

KCB: Dies ist in der Tat etwas ganz anderes. Sehen Sie, wir sind Sehnaher Bürger. Wir sind lange nicht mit allem einverstanden was unsere Regierung tut. Wir sind eine Demokratie. Der zivile Widerstand ist erst angesagt, wenn unser Land sich Verbrechen schuldig macht. Dies ist nicht immer leicht festzustellen. Nehmen sie das Beispiel der Schweiz, dem Land, das das rote Kreuz hervorgebracht hat. Das Land mit der originellsten Demokratie nach Sehnah (lacht), diese Schweiz ist im Begriffe eine grosse Dummheit zu begehen, ein neues Ausländergesetz soll kommen, das gegen die Menschenrechte verstösst. Aber eben, was wollen Sie, wenn die Mehrheit der Schweizer in die Tyrannis abrutscht? Katholiken werden nicht einmal gefragt, ob sie einverstanden sind mit der Sexualmoral ihrer Kirche. Wenn diese Moral zum Massensterben in Sachen Aids führt, so müsste die Basis entweder reagieren und den Klerus in einer Revolution stürzen oder aber den Austritt geben, um nicht mitschuldig zu werden an dem, was da von Rom her leuchtet. Der Einzelne ist vor seinem “Gott“, oder besser vor sich selber und nicht vor der Kirche verantwortlich. Aber was ist die Realität, Brot Wurst und Spiele, Ratzi im Papamobil zu Gitarre und Gesang? Bill Gates und insbesondere seine Gattin sind mir da längst glaubwürdiger als der Papst.

S: Kommt mir bekannt vor, die Rede von Bolar in Sachen Todesstrafe klang ganz ähnlich.

KCB: Bolar sass zwei Jahre in meinem Hörsaal.

S: Sie sind also sicher weitgehend der Meinung von Hans Wagner, der da schreibt: – Keine Frage, es war das richtige Buch zur richtigen Zeit am richtigen Ort. – Im unruhigen Frankreich, in Europa, wo von Multikulti geträumt und vom Kampf der Kulturen geredet wird, haben viele offenbar schon lange keine Vorstellung mehr davon, welche Sprengkraft die verschiedenen Heilslehren in sich bergen. Wer liest heute schon noch Kant, den Onfray auch bemüht, oder Nietzsche, Deschner, Russel oder Wyneken?

KCB: Ja schön, beenden wir doch das Gespräch mit Karl Heinz Deschner: Abermals krähte der Hahn.