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Sakrileg: Im Kreuz steckt der Holzwurm
Branding Jesus
ohne Worte

"Das Ganze ist das Dumme"

IInterview A.F. Grazi mit Karl C. Broom 18.5.2006

AFG: In Ihrem Essay das “Ganze ist das Dumme“ sind die Religionen zentral mit einbezogen, können Sie uns kurz erläutern, was den Kern Ihrer Thesen ausmacht.

KCB: Verkürzungen sind immer gefährlich und werden einer Sache selten bis nie gerecht. Aber dies ist eben auch gerade das Kernproblem, welches der Essay anspricht, die Fälschung der Welt beginnt bei den so genannten (verkürzten) Wahrheiten.

AFG: Wie ist das zu verstehen?

KCB: Es gibt fast nur Verkürzungen. Diese werden so “gemalt“, dass nur das erscheint, was erscheinen soll und nicht was letztlich möglicherweise erschienen ist. Wir nennen das Politik. Wie sagte doch schon G. J. Alderson: "Politik ist der Versuch aus allen Lebenslügen die richtige heraus zu finden." Diese Wahrheiten sind oft an so genannte Autoritäten gebunden. Der eloquente Intellektuelle, der mit einer gewissen Arroganz und Besserwisserei z.B. im TV auftritt und selber von sich 100% überzeugt ist, uns allen zu merken gibt, was für Idioten wir doch im Grunde sind, hat er doch überall einen gut auswendig gelernten Wissensvorsprung, - schwupps geben wir uns geschlagen und die vorläufige Wahrheit steht sakrosankt fest. Oder der Sektenprediger, der seine ewigen Wahrheiten, wissend, dass seine Sekte hinter ihm steht, er also nicht alleine "Wissender" ist, zum besten gibt, ohne einen Millimeter vom Dogma abzurücken.

AFG: Böse Frage, sind Sie auch so einer?

KCB: Im reziproken Sinne ja, selber bin ich in keiner Disziplin ein Experte. Ich bin ein Frager oder besser ein Hinterfrager. Mein Problem ist, dass mir die Wahrheiten fehlen.

AFG: Ein Sokrates?

KCB: Danke für die Blumen, aber ich ziehe Sehnahca dem Giftbecher vor.

AFG: Da sehe ich zumindest keinen Unterschied.

KCB: Wie Sie meinen.

AFG: Das Buch oder nun der Film Sakrileg basiert auf der Behauptung, dass Jesus und Maria Magdalena verheiratet gewesen seien. Dass nach dem Kreuztod Christi Maria Magdalena von Jesus schwanger geflüchtet sei usw. Die Nachkommen dieses Kindes wurden dann mit den Merowingern in Beziehung gebracht. Dafür hat ein gewisser Franzose Pierre Plantard (* 1920 - † 2000) mit netten Fälschungen gesorgt. Noch heute gäbe es Abkömmlinge dieses Paares. Der heilige Gral, laut den BBC-Reportern Henry Lincoln, Michael Baigent und Richard Leigh, heisse “San Greal“, verschlüsselt “Sang Real“, also königliches Blut. Plantard selber wähnte sich als solchen Nachkommen. Aber das ist ja alles bekannt, auch die Geschichte der Prieuré de Sion.

Was ist von solchen Geschichten zu halten?

KCB: David Friedrich Strauß hat gesagt: "Das Reich Gottes blieb aus, stattdessen kam die Kirche." Die Heilserwartungen zu Zeiten Christi waren auf das nahe Ende ausgerichtet, auf das jüngste Gericht, das Paradies. Aber auch auf die Parusie, die Wiederkehr Christi. Beide kamen so wenig, wie die UFOs der Geistheilerin Uriella. Aber nun zu Ihrer Frage. Ich persönlich halte von all diesen Geschichten nur gerade soviel, dass es eben Geschichten sind oder Text, wenn Sie so wollen. Ein historischer Jesus ist eben so unscharf wie seine hier herbei gedichtete Gefährtin. Paulus ist, so glaube ich, die nachgerade zuverlässigste historische Quelle, die von einem historischen Jesus zu erzählen weiss. Aber bedenken Sie wie viel heute in einer Tageszeitung wahr ist und wie viel nicht. Immerhin sind wir in der Gegenwart so zu sagen an der Quelle der Geschichte von morgen. Die Geschichten der Bibel als Literatur sind natürlich gut, sind Bestseller wie man heute sagen würde. Im Gegensatz zur Spartakusgeschichte eigneten Sie sich zur Religionsbildung. Die rasante Ausbreitung der Christensekte ist spektakulär und bietet guten Stoff für, - beinahe hätte ich gesagt für Epidemiologen, - nein natürlich für Marketingstrategen. Sicher hat die Konstantinische Wende und das 313 erlassene Mailänder Toleranzedikt etwas damit zu tun. Im weiteren bin ich mit dem Schweizer Historiker Jacob Burckhardt einig und sehe in der Hinwendung Kaiser Konstantins zum Christentum einen rein politisch kalkulierten Akt.

AFG: Kurz zusammengefasst, für Sie sind diese Geschichten alles Märchen?

KCB: Nein, Märchen sind Dichtungen wie auch die Fabeln. Der rhetorische Gehalt dieser Dichtungen hat etwas aufklärerisches, belehrendes. Die Evangelien enthalten zwar die so genannten Gleichnisse, Parabeln etc. Diese sind auch belehrend aber gelten als direkte Lebenshilfen und Gebrauchsanleitungen für die Gläubigen und was wichtig ist, sie tun so als seien Sie realiter Geschehnisse dieser Zeit. Für mich sind sie allesamt Überlieferungen aus vorangegangen Mythen, vermischt mit neuen Ansätzen, die aus der Vorstellung des Messiasbegriffes hervorgegangen sind.

AFG: Sie sind bekennender Nichtchrist, ist das richtig.

KCB: So gesehen ja. Ich bin christlich erzogen und finde vieles ganz nett “marxistisch“ im neuen Testament aber Christ bin ich deswegen nicht.

AFG: Wie halten Sie es mit den anderen Weltreligionen?

KCB: Ein weites Feld. - Lassen Sie mich die fernöstlichen Systeme bis auf folgende Bemerkung weglassen. Der Konfuzianismus z.B. beinhaltet die 5 Tugenden: Gegenseitige Liebe, Rechtschaffenheit, Gewissenhaftikeit/Ehrlichkeit, Gegenseitigkeit (Goldene Regel: "Was du nicht willst was man dir tu', das füg' auch keinem ander'n zu!"), schon Jahrhunderte vor dem neuen Testament. Und nun spreche ich von den Protagonisten und deren Bedeutung. Der Islam ist mir insofern “näher“, als dass Mohammed “nur“ ein Prophet, ein Mensch ist. Er entschwindet mir aber da, wo er die Suren direkt von Gott eingeflösst bekommt. Da hat er quasi Moses Status, Gott ist direkt interaktiv mit ihm. Wir haben es hier aber noch gerade mit Menschen zu tun. Auch der Mormonengründer Joseph Smith gehört in diese Gattung. Noch “näher“ ist mir der jüdische Moschiach. Er ist nur ein Mensch, an den gewisse Erwartungen wie die Aufrichtung des Tempels in Jerusalem und die Herstellung des Weltfriedens gebunden sind. Da dieser Resultate vorweisen muss, wird die Erde noch vor seinem Eintreffen in ein schwarzes Loch spaghettisiert werden. Der Jesus der Christen als letzter ist zwar Mensch, ist der Menschensohn, aber ist auch Gottessohn. Unbefleckt gezeugt und nach dem Kreuztod auferstanden, ist er ab dem 4. Jahrhundert gar Teil der Trinität Vater, Sohn, hl. Geist. Das ist mir zu viel des Guten, für mich steckt der Holzwurm im Kreuz. Ich glaube, und das ist jetzt mein Glaube, nicht an ein Erscheinen des Göttlichen im Diesseits, es sei denn, das was wir um uns her sehen ist a priori göttlich. Was danach kommt, weiss ich nicht und wird von mir auch nicht mit Glauben strapaziert.

AFG: Mit anderen Worten, am nächsten ist Ihnen derjenige, dessen Eintreffen Sie für unwahrscheinlich halten.

KCB: Nun, der Moschiach muss nach jüdischer Auffassung Jude sein. Die Israelis müssten ja wie in Tschernobyl einen Sarkophag über Marienkirche / Felsendom und Al-Aqsa-Moschee bauen. Den Weltfrieden kann man damit natürlich nicht herstellen, wie wir alle wissen.

Mir sind letztlich alle Religionsgründer und Propheten sehr fremd. Ich bin aus philosophischem Grund Agnostiker und bedarf keiner Heilslehren, ausgenommen der Medizin.

AFG: Ich sehe schon, gegen Sie ist das Sakrileg von Dan Brown ein Feuerwehrweiher, gefüllt mit Weihwasser.

KCB: Das ist etwas hart formuliert. Ich habe nichts gegen Religion, solange diese friedlich für sich bleibt. Das Ganze wird aber dann zum Dummen, wenn es das Wahre sein will! Kreuzrittertum ist Raubrittertum und Gotteskrieger jeglicher Couleur sind nichts anderes als triviale Mörder, die sich das Denken weggebetet haben. Wenn man die weltweite Bomberei so in die Stube flimmern sieht, könnte man anfangen an den Teufel zu glauben. Ich für mich glaube dann halt einfach an das Dumme.

AFG: Wie ist das zu verstehen, alle/alles sind/ist bescheuert nur Sie stehen darüber?

KCB: Das wäre überheblich. Ich glaube eher ich bin unterheblich.

AFG: Was halten Sie vom Gedanken einer Weltethik?

KCB: Sie meinen den küng’schen (Prof. Hans Küng) kleinsten gemeinsamen Nenner in Sachen globaler Ethik? - Die Tochter eines Bekannten hat einmal auf die Frage, was Sie denn heute im Religionsunterricht gehabt habe, geantwortet: “Die zehn Angebote“.

AFG: Das klingt ein wenig wie ein ZEN-Koan aber ich glaube verstanden zu haben. Besten Dank für das Interview.