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Mission Eternity

oder wie aus einem Seppi ein Kaiser gemacht wird.

etoy Häfliger stellt Sepp Keiser den Testpiloten für die Ewigkeit vor (Photos PPP BNonline)

A.F. Grazi

Zuerst und das ist bezeichnend für den Anlass, war ich im falschen Film. Da standen lauter Männer in Anzügen und Krawatten herum. Kaum ein weibliches Wesen, alle bestückt mit Häppchenteller und Weinglas. Keine Jeans, keine Auffälligkeiten, kein gar nichts, einfach Retortenmänner die aussahen, wie der gute Onkel hinter dem Bankschalter oder der System-Account-Manager für Staubsauger. Kunst dachte ich wird immer absurder, die Clientel immer gespenstiger. Nun, ich war im falschen Raum gelandet, die Eternity Präsentation von etoy fand in einem kleinen Nebenraum statt und meine Lesebrille hat mich dann letztlich dorthin gebracht.

Zwei junge Männer, weiss gekleidet als kämen sie direkt aus der Kantine der Geistheilerin Uriella, hantieren an einem Laptop herum. Eine handvoll Leute in Individualkleidung harren der Dinge die da kommen sollen. Die zwei Männer, echte etoy-Agenten, der eine gar ein etoy der ersten Stunde, etoy Häfliger wenn ich mich recht erinnere. Das Licht geht aus, der Beamer geht an, was folgt ist ein komplexer Marathon durch eine neue Möglichkeit des tot seins. Nun ich hatte recherchiert und war auch voreingenommen, dachte ist doch kalter Kaffe, Internetfriedhöfe gibt es zu Hauf. Etoy hat aber diesen Aspekt gar nicht in Abrede gestellt und erhebt auch nicht Anspruch auf “Erstbesteigung“ wie ich dann vernehme. Die Aufnahme in die Ewigkeit ist hochkomplex und will getestet sein. Zu diesem Zweck haben die Agenten Herrn Sepp Keiser aus Zug als Testpiloten ausgewählt. Sepp Keiser erfülle die vorläufigen Erwartungen an einen Probanten welchen zu parametrisieren es nun gelte. Dem Zuschauer werden in der Folge hochkomplexe Diagramme vorgeführt. Aus dem Saal kommt der Zwischenruf: “Mein Gott, nun kämpfe ich mich mühsam durch meinen Alltag, gestresst durch die beinahe wöchentlichen Reorganisationen, die Flut von Diagrammen, Organigrammen und Strategiesitzungen und freute mich auf eine ruhige Ewigkeit und nun das, da kriegt man ja Angst vor dem Tod.“

Man wisse darob und arbeite daran, aber Ewigkeit sei nun mal nicht für ein Butterbrot zu haben und Kunst schon gar nicht. In der Folge wird Sepp Keiser gezeigt, stehend im Beamerbild, dreht er sich 360° in Schritten. Sepp Keiser, der erste Tote der noch lebt und weiterleben wird als virtuelle Ikone, der Armstrong des Todes ein Trabant seiner selbst.

«Unser CEO hat gesagt: wir brauchen eine echte Leiche!» Dies bis zum nächsten Computerkunst-Festival in San José, an das etoy eingeladen wurde.

Das Kernstück des elektronischen Mausoleums ist die Kapsel.
Das Kollektiv etoy erfasst lebende Personen digital und erstellt ein individuelles Porträt. Dieses als »Arcanum-Kapsel« titulierte Porträt besteht aus ca. 4 Gbyte Daten. Texten, Bildern und Musik der betreffenden Person. Anstatt den Verstorbenen nur auf dem Friedhof zu beerdigen, sollen seine digitalen Daten für die Ewigkeit aufbewahrt und für die Allgemeinheit per Server und Handy abrufbar gemacht werden. Das digitale Vermächtnis des Toten wird somit auf eine endlose Reise (Peer to Peer) durch den Cyberspace geschickt werden.

Besonders interessant sind die interaktiven Aspekte, die da angekündigt werden. Denkbar sind Batches (automatische Programme, welche z.B. 20 Jahre später aufgerufen werden) mit Nachrichten von Altvorderen, welche aus der Kapsel ihren Urenkeln eine Botschaft vermitteln können. Etoy setzt auch auf ein soziales Netzwerk, welches Daten und Formatüberleben garantieren soll. Eine Heerschar von Langzeitarchivierern wird im Diesseits emsig mit dieser Ewigkeit beschäftigt sein.

Damit das Projekt auch einen diesseitigen Aspekt erhält, sollen in einem Industriecontainer, welcher mit 18'000 Leuchtdioden in seinem Innern demnächst zu einem dreidimensionalen Bildschirm umfunktioniert wird, von ca. 99 verbrieften Leuten die Asche, eingegossen in einen Betonquader mit Leuchtdiode und Codierung, eingebettet werden. Die Ausführungen über diesen Sarkophag haben mich dann wieder etwas auf den Boden geholt. Eigentlich schade, dass hier noch etwas für die Dummen gebastelt wird. Schade auch, dass die Internetkünstler ihrem ureigenen Medium nur noch bedingt trauen und es nicht mehr nur für Sex verlassen, sondern hier draussen zu betonieren beginnen. Aber eben, jeder Traum ist einmal ausgeträumt und so erfahre ich denn, dass auch die etoy-Agenten sich einkapseln werden. Nicht weil sie es nötig hätten, darüber seien sie hinweg. Sie seien es aber ihren Usern schuldig ihre Daten auch zu speichern und würden so möglichen Kunden die Angst vor allfälligen Risiken nehmen. Alles in allem ein Kult für Lebende die nicht so recht an den Tod glauben. Der Mensch, ein mit etwas zu viel Hirn ausgestattetes Tier, ist das einzige Lebewesen welches sich permanent anlügt kraft seiner Sprache. Mit einem solchen Kult wird diese Lüge im XML-Format ewig. Schade, vielleicht hat XY den Tod erfunden um uns Endlichen dereinst den Mund zu stopfen und hat dabei die Rechnung ganz einfach ohne die Kunst gemacht.

Etoy shares oder Aktien können unter www.etoy.com erstanden werden. Wer solche Aktien kaufe, sei automatisch ein Künstler und ermögliche künftige Projekte der Gruppe. Tun Sie das meine Damen und Herren oder melden Sie sich bei Konsul Weyer, kaufen Sie sich einen Adelstitel und werden Sie Graf oder Gräfin Dracula.