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26.12.2012

Und wieder schweigen die Lämmer


Heiligabend

Frelli Tori, der Auslandreport aus der Schweiz

Endlich ist es soweit. Endlich geht in Erfüllung, worauf die viele Schokolade, die Süssigkeiten generell, die Spielsachen, der Christbaumschmuck und seit einiger Zeit eine Fülle von glitzerndem Zierrat und kitschigem Tand schon seit Anfang November sehnsüchtig gewartet haben. Es ist der 24. Dezember, Heiligabend. Ich sage zu unserer Katze: „Heut Abend um Mitternacht können die Tiere sprechen“, für einmal nicht nur miau, sondern? Ja was denn? Z.B. – Ich denke also bin ich, oder besser du fütterst mich also bist du. –– Heut Abend, liebe Menschen und Tiere, geht die Erfüllung in Erfüllung.

Die Instrumentalisierung hilfloser Wesen, namentlich der Tiere und Kleinkinder, erfreut sich einer langen Tradition. Ochs und Esel halten her als romantische Staffage im Kuhstall, wo sie im Grunde auch hin gehören. An jenem Abend vor 2012 Jahren kam das göttliche Kind, so wird uns erzählt, zur Welt. Ebenfalls in einem Stall. „Wieso eigentlich in einem Stall?“ frage ich mich.

Die lichtarme Zeit dieser kurzen Tage lädt auch Aussenstehende wie mich dazu ein, ein Kerzlein anzuzünden, etwas Tannenreisig zu verbrennen und mit einer Mandarinenschale ätherische Düfte zu verbreiten. Auch dürfen die Weihnachtslieder aus fast aller Welt nicht fehlen, gehören sie doch zum abendländischen Kulturgut. Der Inhalt, importiert aus dem Morgenlande ins Rom der Imperatoren, mit missionarischem Eifer wiederum exportiert in alle Welt.

Wieso in einem Stall? war doch die Frage. Darüber schweigt sich die Bibel weitgehend aus und nichts läge mir ferner als ein theologischer Exkurs ins Protoevangelium des Jakobus. Selber erinnere ich mich an die weit verbreitete Weihnachtsgeschichte in der die schwangere Maria und ihr Mann Josef an den Türen hartherziger Bürger von Bethlehem abgewiesen wurden. Sie landeten beim Vieh im Stall. Tiere geben warm.

Es ist acht Uhr. Die beste Sendezeit für das “linke“ Schweizer Fernsehen. Der Kaffe steht auf dem Tisch. Sogar ein Adventskranz mit vier roten Kerzen hat Platz gefunden und die obligaten selbstgebackenen Weihnachtsgüetzi dürfen einfach nicht fehlen. (Den Christstollen habe ich selber gekauft.)

“The same procedure as every year” Der Aiderbichlhof ist der grosse Weihnachtsstall, der nun schon ein ganzes Jahrzehnt in die warmen Stuben flimmert. Erfreut sollen werden: Die Herzen der Liebhaber volkstümlicher Musik und die der Schlager- und Tierfreunde.

Ich bin ein Tierfreund, sage ich mir. Wenigstens einmal keine Schiessereien, keine Morde, kurz keine Verbrechen.

Selten ist man dem was gewisse Kreise Volk nennen so nah wie am Samstagabend in der besten Sendezeit. Noch näher rückt man dem Volk nur an Heiligabend im Aiderbichlhof.

Auch wenn die Institution Hof Aiderbichl nicht in der Schweiz ist, ist sie uns ganz nah. Nicht zuletzt weil die Hauptrolle in diesem Spektakel eine Schweizerin inne hat. Das Schätzchen der Nation, Francine Jordi, die Schlager singende Uschi Glas aus der Schweiz, neben Michelle Hunziker unser zweiter Tribut an das Volk der Eurovision. In der Eurovision vereint sich unser Volk, ohne dass es eine Vision von Europa hat. Das Selbstverständnis der Schweiz ist das des Marzipan im Christstollen der hier vor mir liegt. Im Gegenzug sandten uns die Deutschen kürzlich ihre Hella von Sinnen, als Stimme von aussen quasi, zur internen Ausmarkung im Eurovisions-Songcontest. Gewonnen hat die Heilsarmee, der Aiderbichlhof für Menschen. -

So, nun endlich zur Sache: In den Aiderbichlhöfen finden Tiere Aufnahme, welche durch das soziale Tierraster gefallen sind. Die Aiderbichlhöfe sind grosse Tierheime mit Zoocharakter, welche einen erzieherischen Kern in sich tragen, den Kinder sofort verstehen. Offensichtlich ist es einfacher mit behinderten Tieren umzugehen als mit Menschen. Kleintiere wie Hunde, Katzen Kaninchen etc., welche aus irgendeinem Grund, oft sind es gut gemeinte Fehlinvestitionen, unüberlegte Weihnachtsgeschenke oder Todesfälle, im Tierheim landen, kennen wir aus anderen TV Sendungen. Grössere Tiere sind solche, die vor dem Schlachthof gerettet wurden. Zu jedem Tier wird nun eine tolle, auf die Tränendrüsen drückende Story fabriziert, die im Mix von Kerzenschein und Musik ihre Wirkung nicht verfehlt.

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen mein Hirn auszuschalten und einfach da zu sein, mitten im Volk. Nein, stimmt nicht, ich wollte wissen wie das „linke“ Schweizer Fernsehen mit seiner besten Sendezeit umgeht.

Wie weit die aiderbichlersche Tierliebe geht, erfahren wir spätestens an dem Punkt, wo uns 5 kleinere Hunde präsentiert werden, welche aus Amerika eingeflogen wurden. – Die musikalischen Intermezzi sind Geschmacksache. Sie zu ertragen oder sich an ihnen zu erlaben ist freiwillig, jedoch dieser interkontinentale Verhältnisblödsinn der Superlative ist dann definitiv ein showdown für simplere Gemüter.

Diese unsere Welt ist voller leidender Hunde, voller leidender Batteriehühner und hornloser Milchkühe. Diese unsere Welt ist voller Schlachthöfe, ist voll von leidenden Kreaturen. Nicht zu vergessen die Wasserbäuche hungernder Kinder, der Hunger generell in der Welt, welche der linke, verhasste Volksfeind Jean Ziegler nimmermüde und bei jeder Gelegenheit in unser Gewissen aiderbichelt.

Aber seht her, es ist Heiligabend, wir singen von der Liebe, dass der Schmalz aus allen Fugen der Holzhütten quillt und wir fühlen uns so gut, weil wir wie Noah wenigstens ein zwei Viecher aus dem Sumpf des Daseins gezogen haben.

Als man mir dann noch das grosse Affenhaus vorführte, in welchem Schimpansen Einzug halten, welche man aus den “Folterkammern“ der Industrie gerettet hatte und die (Originalton), dreissig Jahre auf diesen Moment gewartet hätten, um hier im Aiderbichl Unternehmen ein würdevolles Alter erleben zu dürfen, war mein Heiligabend gelaufen.

Diese grenzenlose Verharmlosung, diese unselige totale Volksverdummungsmaschinerie hat sich wieder einmal selber übertroffen. Keine Bilder von Tiertransporten, von Massenhaltung, Tierversuchen etc. Wieso auch, sind wir doch alle Nutzniesser dieser Industrien und wollen uns doch nicht den Heiligabend vermiesen. Deshalb müssen ein paar gerettete Alibitiere den Kopf herhalten als Futter für unseren Verdrängungsapparat.

Die Weihnachtsgeschichte kommt mir wieder in den Sinn. Die kalten Herzen der Bewohner von Bethlehem, die dem heiligen Paar Obdach verweigerten. Die Krippe mit dem Kind, Symbol für Nächstenliebe und Mitleid. Unsere Obdachlosen kommen mir in den Sinn, die Asylsuchenden, die Plakate der SVP, jener Post im Tagi-Blog, welcher verlauten liess, man solle Asylanten an die Grenze stellen und „metzgen“… und in mir kommt unweigerlich die kalte Kotze hoch. In dieses Elend hinein versucht sich Frau Jordi noch mit einer auf ihre Stimmlage heruntertransponierte Fassung des bereits überstrapazierten Ave Maria von Bach-Gounod. Ich schalte um. Schon bald ist Karfreitag.

PS: Dieser Text stellt mitnichten das Existenzrecht von Tierheimen in Frage. Er ist eher als Medienschelte an die Adresse öffentlich rechtlicher Fernsehanstalten zu verstehen.