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30.11.2012

Der Mensch stammt vom Urwurm ab

Ausstellung H.U. Siegenthaler (HUS) Daten hier klicken


Das Fleisch wird Wort

Dr. Anna Felizitas Grazi

Bevor ich auf die Ausstellung von HUS eingehe, erlaube ich mir einen kurzen Exkurs in die Geschichte der Fleischfarbe.

Der Terminus Inkarnat eröffnet gleichermaßen einen Zugang zur Historizität der Körperdarstellung wie zu den theoretischen Grundlagen der europäischen Malerei. Künstler verschiedenster Epochen verwendeten die mannigfaltigsten Maltechniken, um den Anschein lebendiger Körper, sowie der damit verbundenen Körperkonzepte zu erzeugen. Inkarnat bezeichnet die Haut- und Fleischtöne welche, auf der Farbpalette gemischt, die Illusion von Lebendigkeit zu erzeugen hatte. Seit dem Mittelalter beherrscht die Darstellung des Leibes die abendländische Malerei. Die Nachahmung der Haut, das darunterliegende Fleisch, die Körperlichkeit, waren mitunter die hehren Ziele der Maler, deren Auftraggeber im wesentlichen der Klerus war. Der Begriff Inkarnat verweist einerseits auf den schöpferischen Akt des Malens, sowie auf den göttlichen Akt, der Fleischwerdung Gottes, im Sohne Jesus Christus. Es geht um ein Innen und Außen sowohl im metaphorischen wie im konkreten Sinne. Der Künstler, einerseits ganz und gar Handwerker, andererseits Genie und Schöpfer. Mit dem Ausdruck ist bis heute die Vorstellung verbunden, dass das gemalte Fleisch lebt.

In der Fassmalerei hat sich mit der Entwicklung der Holzbildhauerei der Karnatmaler auch als ein eigener Berufszweig ausgebildet. Bis in die Spätbarockzeit spezialisierten sie sich darauf, die unbedeckten Körperteile von Skulpturen zu bemalen. In der Hierarchie dieser Handwerkszunft gehörten Karnatmaler zu den am besten bezahlten Spezialisten.

Als der Berner Künstler HUS 1991 erstmals eine grosse Werkschau mit seinen fleischfarbenen Objekten und Bildern zeigte (Hermes Galerie Solothurn), schrieb Dr. Marie Louise Schaller im Ausstellungstext: „Fleischfarbe nennt er diese übertünchende Einheitsbrühe. Der noble Ausdruck Inkarnat macht sich beschämt davon Richtung gelehrte Ästhetik, wo Oberflächen “schöner“ Gestalten beheimatet sind.

Zwar steht im Zentrum des Schaffens von HUS ebenfalls ein Prozess der Fleischwerdung, jedoch im umgekehrten Sinn. Bei HUS wird das Wort nicht Fleisch sondern das Fleisch Wort. HUS sagt zwar klar und deutlich, dass er als Agnostiker nicht wisse, was hinter den Kulissen des Universums vorgehe, dass er aber, wenn es um den Glauben gehe, eher eine materialistische Position einnehme. Mit anderen Worten, ohne Körper kein Geist, oder anders gesagt kein Geist ohne Körper. Ein Ungläubiger also.

Umso mehr ist man erstaunt, wenn in dem Werk von HUS immer wieder religiöse Versatzstücke auftauchen oder Anspielungen auf „jenes höhere Wesen das wir verehren (Böll, Murkes gesammeltes Schweigen)“. In früheren Ausstellungen waren diesbezüglich insbesondere „die Überwurst“, „die Niere des Herrn“, und “die Füsse des Herrn“, sowie Flügelaltare oder “die zwei Hasen“ zu sehen.


2 Hasen Überwurst gepunzte Marien


Wer mit HUS spricht, dem fällt auf, dass der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel im Besonderen und die Philosophie im Allgemeinen, eine zentrale Rolle in seinem Werk spielen. Nie werde er die Zeilen vergessen, welche Hegel in seinen Vorlesungen über Ästhetik der Fleischfarbe gewidmet habe.

Ausschnitt Vorlesungen Ästhetik

Hegel Zweck des Kunstwerks: letzter Satz.

Hiergegen steht zu behaupten, daß die Kunst die Wahrheit in Form der sinnlichen Kunstgestaltung zu enthüllen, jenen versöhnten Gegensatz darzustellen berufen sei und somit ihren Endzweck in sich, in dieser Darstellung und Enthüllung selber habe.

Denn andere Zwecke, wie Belehrung, Reinigung, Besserung, Gelderwerb, Streben nach Ruhm und Ehre, gehen das Kunstwerk als solches nichts an und bestimmen nicht den Begriff desselben.

Der glanzlose Seelenduft

Das Schwerste nun aber zweitens in der Färbung, das Ideale gleichsam, der Gipfel des Kolorits ist das Inkarnat, der Farbton der menschlichen Fleischfarbe, welche alle anderen Farben wunderbar in sich vereinigt, ohne daß sich die eine oder andere selbständig heraushebt.

Und weiter unten:

... Am nächsten noch kommen demselben die Farbenspiele durchscheinender Trauben und die wunderbaren zarten, durchsichtigen Farbnuancen der Rose. Doch auch diese erreicht nicht den Schein innerer Belebung, den die Fleischfarbe haben muß und dessen glanzloser Seelenduft zum Schwierigsten gehört, was die Malerei kennt. Denn dies Innerliche, Subjektive der Lebendigkeit soll auf einer Fläche nicht als aufgetragen, nicht als materielle Farbe, als Striche, Punkte usf., sondern als selbst lebendiges Ganzes erscheinen: durchsichtig tief, wie das Blau des Himmels, das fürs Auge keine widerstandleistende Fläche sein darf, sondern worein wir uns müssen vertiefen können. Schon Diderot in dem von Goethe übersetzten Aufsatz über Malerei sagt in dieser Hinsicht: "Wer das Gefühl des Fleisches erreicht hat, ist schon weit gekommen, das übrige ist nichts dagegen. Tausend Maler sind gestorben, ohne das Fleisch gefühlt zu haben, tausend andere werden sterben, ohne es zu fühlen." Was kurz das Material angeht, durch welches diese glanzlose Lebendigkeit des Fleisches kann hervorgebracht werden, so hat sich erst die Ölfarbe als hierzu vollkommen tauglich erwiesen.

Dem Hegel steht die Wahrheit ins Gesicht geschrieben

Das Hegel-Porträt aus dem Jahre 1831 von dem Maler und Restaurator Jakob Schlesinger zeigt, dass sich in der Fleischfarbe und deren, wie Hegel sich ausdrückte “glanzlosem Seelenduft“, nicht nur Physiognomie und Charakter des Philosophen, sondern auch Hegels ästhetische Gedanken zur Malerei materialisiert hätten. Das Zusammenwirken von Hegel und seinem Porträtisten schlägt sich, fussend auf Goethes Farbenlehre, nicht in einer Idealisierung wie sie in der damals vorherrschenden klassizistisch-akademischen Schule üblich war, nieder. Hegel lehnte diese dezidiert ab. Er plädierte ausdrücklich für kräftige Farben und für »das subjektive Wiedererschaffen der Äußerlichkeit im sinnlichen Element der Farben und Beleuchtung«.

Die Photomontage “Weltgeist“ von HUS zeigt eine Folge von auf den Kopf gestellten Hegelköpfen aus dem Schlesingerporträit. Dieses Bild und die letzte Strophe des Heine Gedichtes aus dem Zyklus die Nordsee, kommentieren die Serie von 30/30 cm Leinwänden aus dem Zyklus „Phänomenologie des Geistes II“

Du braver Ratskellermeister von Bremen!

Siehst du, auf den Dächern der Häuser sitzen

Die Engel und sind betrunken und singen;

Die glühende Sonne dort oben

Ist nur eine rote, betrunkene Nase,

Die Nase des Weltgeists;

Und um diese rote Weltgeistsnase

Dreht sich die ganze betrunkene Welt.

Die Gehirne der Hegelköpfe werden so vernetzt zu einem Supercomputer. Umgedrehte Köpfe, als Anspielung auf Karl Marx, welcher Hegels Philosophie auf den Kopf gestellt hat. Schnitt und Umdrehung verleiten zu einer optischen Täuschung, in welcher das Philosophenantlitz in ein Hanswurstgesicht verwandelt wird.


Phänomenologie des Geistes II (PdGII)

Kein geringerer als Dieter Roth hat die gesammelten Werke von G.W.F. Hegel verwurstet und gepökelt.

1974.2 Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Werke in 20
Bänden
G.W.F. Hegels Gesammelte Werke als
Taschenbuchausgabe, Gewürze, Fett, Wurstdarm.
Suhrkamp-Ausgabe des philosophischen Werks, zerkleinert,
mit Gewürzen und Schweineschmalz angereichert, buchweise
in Wurstdärme gepreßt, in zwei Reihen in
Holzrahmen aufgehängt.
Durchmesser der Würste: ca. 6 cm, unterschiedliche
Längen, je nach Dicke des Bandes

Die grosse Überwurst von HUS, als auch Dieter Roths Würste sind Synonyme für den (gescheiterten) Weltgeist, bei Hegel das absolute Endprodukt der Geschichte, welches Kraft der "List der Vernunft" zum Guten finden solle. Adorno hat den Hegelsatz: "Das Ganze ist das Wahre" negiert in das "Unwahre". K.C. Broom hat seinerseits den Satz abgeändert in: "Das Ganze ist das Dumme". Für Adorno hat die List der Vernunft mit Auschwitz das Fass zum Überlaufen gebracht. Die Spezies, aber auch ihr geistiger Überbau, Religion, Kultur, hat ihren hehren Anspruch verwirkt: "Nach Ausschwitz ist kein Gedicht mehr möglich". Die humanen "Supergaus" des 20th. Jahrhunderts sind indirekt im Hinterhof des Hegelschen Denkens ausgeartet. In der Gegenwart nun, renne die Vernunft buchstäblich dem Fortschritt hinter her und wer ausser Atem sei, der habe keine Zeit, eine List auszuhecken, schreibt K.C. Broom in "das Ganze ist das Dumme".

Nachdem durch Dieter Roth das Werk Hegels verwurstet wurde, ging HUS daran, die geschredderte Phänomenologie des Geistes aus Sprach- und Bildabfall neu zu konstruieren. HUS verwendet vielfach Artikelüberschriften aus Tageszeitungen und komponiert neue Inhalte. Die meisten sind reiner "Fluxus". Andere wieder verdrehen die ursprüngliche Aussage oder widersprechen sich in der Bildcollage. Wie der weisse Hai I und II nennt HUS das Werk ironisch "PdGII". Gegen 1000 ein- und um-gefleischte Collagen in sogenannten Leerbüchern, später auf 30/30cm Billigleinwänden, werden die Phänomene tagebuchartig kumuliert. Das Kunstwerk ist für HUS ein Abfallprodukt des Prozesses. Aus den Leinwäden (Einzelwerke) soll in der Ausstellung ein Wandbild entstehen, welches eine eigene Bildgeschichte erzählt. Es entsteht so ein temporäres Bild, das erst bei der Hängung komponiert wird. HUS nennt dieses Werk "die Banalität des Guten".

Vom Urwurm zur Überwurst

Über die Fleischwerdung des Menschen im Zuge der Evolution wird viel spekuliert. Die Bibel mit ihrer eigenen Version hat in Amerika die Kreativisten und nun sogar die Neokreativisten auf den Plan gerufen. "Intelligent Design" ist ihre Antwort auf Darwin. Dem setzt nun HUS in seiner Welterklärung eine eigene Version entgegen. Am Anfang war die "S(ur)uppe", die Singularität. Daraus entstand das Schokoladenuniversum. In der Multiversentheorie ist es das einzige, das sich richtig realisiert hat und in dem wir uns selber vorfinden. HUS nennt es das Schokoladenuniversum, weil darin auch Schokolade vorkomme, eine für ihn sehr wichtige Nebensächlichkeit. Die biologische Schöpfungsgeschichte von HUS lässt aufhorchen.

Als das Leben entstand, waren da plötzlich viele Einzeller. Sie schwammen herum. Eines Tages trafen per Zufall einige hunderttausend aufeinander, eine Art Woodstock der Pantoffeltierchen. Wer kennt unter uns nicht die Pyramiden von Turnvereinen? Ungefähr so oder ähnlich blieben sie zusammen in Form des Urwurms.

Nun wissen wir es, der Mensch stammt vom Urwurm ab und hat sich zu einem "Auto fahrenden Affen" entwickelt. Am Ende dieser Odyssee sei die Überwurst.

HUS sagt von sich, er sei alles andere als ein Misanthrop. Er bekenne sich jedoch zu seinem Lehrer Peter Lehner und mit diesem zu Heinrich Heine. Den Vorwurf, sein Werk sei kopflastig entkräftet er mit den Worten: „Wer nicht nachlesen will, soll nur betrachten, das “Zeug“ funktioniert in der Regel auch so.“


Ein anderes Beispiel hier aus dem Faust, welches eine gewisse Verwandtschaft zur List der Vernunft aufweist:

Mephisto stellt sich selbst vor als „ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“. Das lässt sich zunächst so verstehen, dass auch aus Unfällen, Irrtümern und sogar böswilligen Taten etwas Gutes entstehen kann. Doch wer oder was ist „die Kraft“, von der Mephisto ein Teil ist? Der Zufall, das Schicksal, Gott? Ist Mephisto überhaupt frei, etwas zu wollen, noch dazu etwas, was ihm „stets“ ins Gegenteil umschlägt? Oder ist er nur ein Werkzeug, wie der Prolog es nahelegt? Aber warum sollte sich ein allmächtiger Gott eines Teufels bedienen, um über den Umweg des Bösen zum Guten zu gelangen? Kann das Gute nicht ohne das Böse existieren und umgekehrt, weil sich beides nur im Kontrast zueinander „definieren“, also voneinander abgrenzen lässt?

Es sind weitreichende „letzte Fragen“ um Liebe, Wahrheit, Willensfreiheit, Verantwortung, Gut und Böse, die Goethe in seinem Stück zur Sprache bringt und die auch die Titelfigur beschäftigen. Das Universaldrama, das „vom Himmel durch die Welt zur Hölle“ verläuft, ist so gut oder schlecht interpretierbar wie die Welt selbst, weshalb viele Interpretationen möglich, aber nicht eindeutig oder gar endgültig sind.

stabat mater dolorosa

Nagelfetisch Mitteleuropa

Grosse Gummihose N°1 Urfaust


Bümpliz und die Kunst

Bern Bümpliz hat HUS geprägt. (Blaufinger) Peter Radelfinger und er sind zusammen in den Zeichenunterricht bei Peter Lehner gegangen. Lehner war eigentlich Lyriker. Man kann davon ausgehen, dass Lehner beide geprägt hat. Bei HUS ist es offensichtlich. HUS sagt von sich er sei durch Lehner zum Bild-Zerzähler geworden. Wie Lehner und HUS lebt(e) auch der Hodlerfreund C.A. Loosli in Bümpliz. Zum Zirkel um Loosli gehörte Carl Widmann und von diesem ist es ein Katzensprung zum unglücklichen Karl Stauffer Bern und seiner Geschichte. Dieser Geschichte widmet HUS in seiner Ausstellung eine eigene Werkgruppe, "éclairage" genannt. Unweigerlich kommt uns das letzte Werk von Duchamp "étant donné" in den Sinn. Man könnte sagen: "Angeklagt sind: 1. Die gnädigen Herren von Bern 2. Die Kunst, vertreten durch Herrn Max Klinger". Dies die Interpretation der Autorin.

Die Werkgruppe setzt die Kenntnis der Geschichte voraus, welche im mysteriösen Tod von Karl Stauffer durch "Chloral Hydrat" und dem Suizid von Lydia Escher Welti durch Leuchgas endete. Als ob HUS mit dieser Bildgeschichte zeigen wollte, wie die List der Vernunft zuweilen ins Straucheln kommt. Gottfried Keller, die moralische Instanz wendet sich vom Geschehen ab. HUS setzt eine eingefleischte Originalgrafik von Karl Stauffer als Auftakt der Bildfolge. Am anderen Ende hängt eine eingefleischte 30/30cm Leinwand mit einem Originalschild der heruntergewirtschafteten Gottfried Keller Stiftung.

Am Ende dieser Geburt einer Kunststiftung aus dem Geiste einer Tragödie (HUS), hat leider die Vernunft versagt. Die letzten zwei Exponate der Ausstellung sind die Überwurst und DGGH1, die grosse Gumihose N°1. Letztere ist der zentrale Teil der in Solothurn 1991 gezeigten grossen Junggesellenmaschine, welche die Ökonomie ins Zentrum der Geschichte stellt. Bei HUS wird der Weltgeist zum schnöden Mammon in Form der Blase oder eben der Überwurst. Auf HUS trifft der Satz von K.C. Broom: "Die Kunst ist das schön drapierte Leichenhemd der Kultur" nicht zu.


Portraits aus dem Zyklus „éclairage“


HUS hat folgenden Satz von van Gogh mit seinen Worten ergänzt:

"Ob man nun ausstellt oder nicht, man muß produktiv sein, dann hat man das Recht, seine Pfeife in Frieden zu rauchen." - Genau lieber Vincent, so ist es, leider habe ich das Rauchen aufgegeben.

Bern, 2012 Dr. Anna Felizitas Grazi