<font size="1" color="#cc3a1e">Beispiel: Uhrzeit anzeigen</font>

3.8.2012

Sand im Getriebe

Georg Jens Alderson (Simmentaler Tagebuch 2012)

Cornelia Hesse-Honegger * (Mutationen nach Tschernobyl)


A: He, ich hör deine Stimme kaum, kannst du da nicht was machen? (aus dem Theaterstück „kein Licht“ von Elfriede Jelinek)

Zum Glück, es ist nicht März. Es ist August, der 3. August 2012 und noch früh am Morgen. Es hat geregnet in der Nacht und im Tal schleppen sich Nebelschwaden wie grosse ausgefranste Wattebäusche am Spätsommergrün der Hänge hoch. Gestern war es heiss, einige Bauern haben gemäht. Nun liegt das geschnittene Gras im Nassen. Ich sitze am Trockenen vor meinem Laptop und recherchiere. Beim Nachlesen eines Textes von Elfriede Jelinek über den Skandalfilm Antichrist von Lars von Trier stosse ich auf den Fukushimatext der Jelinek. Ich lese und lese. Die paar Bilder zwischen den Zeilen geben zu denken. Zeilen wie diese am Anfang: Kein Wort der Wahrheit haben sie ungesagt gelassen, sagen die, die es nicht gesehen haben können. Als Augenzeugin sage ich: Jedes Wort der Wahrheit ungesagt geblieben. Die Bilder. Die Stadt, leer, menschenleer. Tiere sind ja keine Menschen. Hunde, Katzen, ja sogar Kühe laufen herum, sterben ungesehen, sterben abseits im Chaos. Chaos regiert, sagt der Fuchs im Antichrist von Lars von Trier. Tiere sind keine Menschen aber Menschen sind nun mal Tiere auch wenn Kleider Leute machen. Angezogene Leutetiere. Aber was sind schon Leute, wenn sie von Kleidern angelogen werden? In Japan haben Puppen in blauen Overalls mit tierischem Ernst gelogen. Sie haben so dumm, so verwegen gelogen, dass man im Westen beinahe das Gefühl bekam, die ehrbaren fernöstlichen traditionsbewussten Kulturfetischisten hätten die Lüge soeben für sich neu erfunden. Das waren wahrlich keine Sprachsamurais, die hier vor laufender Kamera den verbalen Harakiri begannen. Das Gute am Sandsturm ist, er bleibt uns vom Hals. Der Sandsturm ist eine lokale Erscheinung, der ohne eine dazu gehörige Wüste nur ein ganz normaler Sturm ist. Uns hier in unseren Gefielden bläst der Sandsturm ohne Sand um die Ohren. Auch wenn bei uns die Sandstürme ohne Sand auftreten, können sie Schaden anrichten. Noch heute liegen Baumstämme herum im Tal. Ganze Hänge sind kahl und im Forst bei Bern hat der Lothar, so hiess der Sturm, unser Planquadrat, einen Kilometer Wald flach gelegt. Er hat damit auch unser Pilzrevier vernichtet. Atomkatastrophen nennt man nach Städten, obschon auch Namen wie Albert oder Nils, Werner oder Eduard passen würden. Tschernobyl und Fukushima, Hiroshima und Nagasaki. Die Sahara ist weit weg von Bümpliz. Es gab Tage, da sagten die Leute, es hat Saharastaub geregnet. Auf den Autos war Sandstaub. Den Pilzen im Forst hat dieser Sand nichts anhaben können. Sandstürme in der Sahara und hiesige Pilze vertragen sich eben. Nicht so, als in Tschernobyl das Licht ausging. Ich liebe Eierschwämme. Im Forst hatten wir diese im Griff. Es braucht das spezielle Auge für Pfifferlinge. Wenn du dein Auge auf braune Schirme der Maronenröhrlinge eingestellt hattest, bist du prompt an den Eierschwämmen vorbeigelaufen. Die werden erst wenn sie auswachsen schön leuchtend gelb, vorher tarnen sie sich in den Buchenblättern. Es gibt Leute, die schmeissen Knoblauch an die Pilze. Das sind kulinarische Barbaren. Pilze ziehen den Knoblauch ein und aus jedem Röhrling wird ein Knoblauchling. Solchen Leuten sollte man nur Knoblauch zu essen geben. Pilze ziehen auch Cäsium ein. Nicht vergebens heissen Pilze auch Schwämme. Es gibt Leute, die verseuchen Pilze mit Cäsium. Sie ahnen, lieber Leser, was jetzt kommt. Nein, die Pointe nicht, das ist eben gerade der Unterschied.

Zum Glück ist es nicht März, zum Glück ist heute nicht der 12. März 2012, sonst würden wir in der Tagesschau noch an Fukushima erinnert und die Sprecherin würde verkünden: Heute vor einem Jahr ist...............


*Elfriede Jelinek Epilog

http://www.elfriedejelinek.com/

*Cornelia Hesse-Honegger *

Ihre Feldstudien in der Schweiz, Europa und den USA, die unzähligen Funde von verkrüppelten und geschädigten Wanzen Heteroptera und Pflanzen und die daraus entstandenen Bilder (Aquarelle) und Publikationen belegen nach ihrer Meinung eindrücklich, dass die künstliche Radioaktivität, die durch Atomanlagen in die Umwelt gelangt, eine zu wenig ernst genommene Gefahr für Mensch und Umwelt darstellt. Cornelia Hesse-Honegger setzt sich dafür ein, dass dieses Problem erkannt und unabhängig untersucht wird, sowie dass Alternativen zur Atomenergie gesucht werden. Abgereicherte Uranwaffen, wie sie im Kosovo und in Bagdad eingesetzt wurden, müssen nach ihrer Meinung endgültig verboten werden und die betroffene Bevölkerung sollte untersucht und betreut werden.