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14. Juni 2011

Das strahlende Ende der Schweiz

H.U. Siegenthaler

Vom Glürliwasserursli zum Verchöifer vo Halbwärtszytä (BKW Verwaltungsratspräsident Urs Gasche)

Der Bundesrat der Schweiz hat den Atomausstieg beschlossen.
Ein übereilter Entscheid, oder hat hier die Vernunft gesiegt?
Ist dies der richtige Weg? Geht es zu schnell, oder gar zu langsam?



Fragen über Fragen die sich mir stellen, doch fragt sich immer, der richtige Weg für was und für wen und allem voran, wer nimmt was in Kauf. Um diese Fragen zu beantworten, gilt es einige Überlegungen anzustellen:

Warum schafft man die Schweizer Armee nicht ab? Weil offensichtlich die Mehrheit des Volkes an ein Restrisiko Krieg glaubt. Ein Teil dieser Mehrheit bezweifelt zwar, dass die Schweizer Armee einer ausländischen Armee standhalten könnte, da die meisten Nachbarländer grösser sind als die Schweiz und dennoch leistet man sich den Luxus einer Armee. Man will in schmucker Kleinheit verharren, beschützen was einem Wert ist. Man ist gegen einen EU-Beitritt oder gar den Beitritt zur NATO, um das zu bleiben was man seit Gedenken war und um all das zu beschützen, was uns die Altvorderen hinterlassen haben. Diese konservative Haltung und konservativ heisst ja das Alte bewahren, konservieren, ist durchaus eine ehrenhafte Haltung, wenn es um sogenannte echte Werte geht. Ein solcher Wert ist sicher die uns anvertraute Natur, die nicht nur den Landbesitzern gehört, sondern auch der Tier und Pflanzenwelt und als übergeordnete Lebensnotwendigkeit allen Menschen gemeinsam. Diese konservative Haltung müsste, will sie nicht ihre Glaubwürdigkeit verlieren, konsequenterweise gegen eine Technologie sein, die im Ernstfall (Vokabular der Militärs) all das was uns heilig ist vernichtet, nämlich die Schweiz. Diese Sichtweise hat leider nichts mit einer grünen oder was auch immer Ideologie zu tun, diese Sichtweise verweist auf ein Risiko, das mindestens so gross ist, wie die Risiken in den heissen Tagen des kalten Krieges.

Durch die mittlerweile etwas abgenutzte links-rechts-Brille gesehen ist es doch interessant zu sehen, dass die militanten Vaterlandsverteidiger die sogenannt Bürgerlichen und Konservativen im Boot der AKW- Befürworter sitzen und die Armeegegner im Boot der AKW-Gegner.
Die populistische AKW-Debatte geht aus zwei Grundängsten hervor. Vereinfacht könnte man sagen, die Stromlückenangstmacher kämpfen gegen die Katastrophentheoretiker.

Beides greift zu kurz.

Es ist ein verdrängtes kapitalistisches Paradigma, welches seine Wurzeln in jenem unseligen Wort Gottes hat, das da heisst: Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan und herrscht über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht. (1. Mose 1.28)

Als sich der Mensch von seinen matristischen Naturreligionen zu trennen begann, sich die ersten patriarchalen Hochkulturen etablierten, wurde in der Wüste jener männliche Geist erfunden, der durch die drei grossen Weltreligionen bis heute sein Unwesen treibt. Weder sein göttlicher Menschensohn, noch der Nachfolgeprophet haben korrigieren können, was der Alte an patriarchalem Geist ausgeschüttet hat. Aber schon bronzezeitliche Kulturen wie etwa die Harappakultur oder später die Kultur der Maya oder der Osterinsel, die mit dem alten Jahwe nichts am Hut hatten, haben ein ähnliches Schicksal erlitten. Rohbau an der Natur macht sich offenbar nicht bezahlt, ist ein kurzfristiges, ein nach uns die Sintflut Projekt. Aufklärung, die aus Schutzengeln Geflügel macht ist nicht populär, denn wenn es um Restrisiken geht, bemüht man gut und gerne die Geister unter dem Tisch und verschliesst die Augen.

Stromlücken indes sind Alltäglichkeiten, die etwa beim Blitzschlag auftreten und uns das Licht rauben und sei es nur für kurze Zeit. Das Chaos an Bahnhöfen, der abgestürzte PC, alles kleine Erlebnisse, die uns eine Vorahnung geben, was in Zeiten von ganz grossen Lücken entstehen könnte, die grosse Unordnung nämlich. Hinzu kommen die Horrorvisionen, Benzinpreise, die uns vom Rad auf die Füsse zurückwerfen, eine Wirtschaft, die nicht mehr konkurrenzfähig sein wird usw.usw. Die Lücke wird so zum horror vacui hochstilisiert, zum nachgelieferten Untergang des Abendlandes.

Fukushima hat die Welt verändert. Nicht die Katastrophe an sich, nein, die fand ja in Japan statt und Japan ist weit weg, aber dass sie in Japan stattgefunden hat, das ist das eigentliche Problem. Japan, das dem Westen den atomaren Erstschlag im Wirtschaftskrieg heimzahlen wollte und das wir geradezu bewundert haben, hat buchstäblich Harakiri gemacht, oder zumindest Teilharakiri. Als die Deckel der Kavernen in die Luft flogen, wurden sofort alle Lügen verstaatlicht. Im Westen haben unsere Spezialisten den Tepco Managern nachgeplappert, als wären sie Buschauffeure, die Haltestellen ansagen. Nur ein paar Spinner von Greenpeace haben ihre grüne Ideologie ausgebreitet und mit eigener Hirnleistung das Gesehene interpretiert und das linke Fernsehen hat diese Miesepeter natürlich auch noch gebracht. Zum Glück glaubt das dumme Fussvolk den Stromversorgern und Politikern und nicht diesen Nestbeschmutzern. Ein Kollege hat mir verärgert gesagt, immer bringen sie nur diese Greenpeace Leute. Dieser Kollege, ein Informatiksupporter, steht täglich vor technischen Abstürzen, an denen er manchmal Tage lang herumbastelt. Ein AkW denke ich mir nur, ist etwas ganz anderes. Und ich habe mehr Leute aus der Atombranche gehört, als ich Greenpeace Leute gesehen habe all die Tage nach dem Gau. Und der erste Reaktor, das wissen wir heute, ist nach den ersten 5 Stunden bereits durchgeschmolzen. Als ich die Deckel hochfliegen sah, habe ich zu mir gesagt, das war's dann, da kommt ihr nicht mehr raus, das ist das Ende der Geschichte.

Moderne Maschinenstürmerei hat der FDP Nationalrat Philippo Leutenegger gesagt, sei das. Man müsse dieser Technologie doch ein Chance einräumen, sie sich verbessern lassen. Nun diese Technologie hat doch ihre Chance gehabt. Eine Technologie, die zu teuer ist um sie wieder loszuwerden hätte im Grunde nie eine Chance verdient und wir haben ihr trotzdem eine gegeben. Wir haben eines gelernt, schmerzhaft haben wir zur Kenntnis genommen, dass wir brandschwarz angelogen werden, in der Ukraine wie in Japan, überall in der Welt wird verharmlost, unter den Tisch gekehrt, wird dem dummen Volk nur gerade gesagt, was es auch aushält. Diese Bevormundung, diese Beleidigung, sie ist es, die zu all dem Leid, das diese Technologie bis heute verbreitet hat und noch verbreiten wird, hinzukommt. Aber eben, da ist diese Stromlücke. Es sind aber allen voran die grossen Lügner und Verharmloser, die diese Stromlücke herauf beschwören, das wenigstens sollte man immer bedenken, sind sie denn glaubwürdig? Und noch etwas, die Abbaukosten sie sind vergleichbar mit der Entsorgungsgebühr von Elektrogeräten. Sie gehören in die Betriebsrechnung einkalkuliert. Wenn nun die Rückstellungen nicht ausreichen, so gehören die Unternehmen und ihre Manager in die Pflicht genommen und nicht das SFV. (Schweizer Fuss Volk)

Und was macht der grosse Nachbar im Norden? Die bürgerlich konservative Regierung, angeführt von einer Physikerin, erfindet den Ausstieg. Sieht in der Alternative eine grosse Chance, den Technologievorsprung der Zukunft. Eine göttliche Eingebung?

Auch der 11. September 2001 hat die Welt verändert. Zwei Kamikaze-Teams, zu deutsch göttlicher Wind, haben der Welt gezeigt, wie man mit zivilen Flugzeugen und etwas Selbstaufgabe zivile Ziele zerstört. Nun weiss inzwischen die Welt auch, dass ein AKW nicht einfach abgestellt werden kann. Alle hoffen wir, dass im Notfall die Steuerstäbe einfahren und die Nachzerfallswärme mit den Notkühlsystemen herunter gekühlt werden kann. Da sehe ich doch ein wenig schwarz, wenn ich an göttliche Winde aus verwirrten Hirnen von Selbstmordattentätern denke. Zudem traue ich selber keinem Computer über den Weg, wenn es um das Restrisiko Schweiz geht. Zu schlecht sind meine Erfahrungen in 30 Jahren mit all den Technologien und all meinen Technologie gläubigen Mitstreitern. Angefangen im Schweizerischen Institut für Nuklearforschung in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts, habe ich bestens mitbekommen, was automatische Steuerungen alles können und zuweilen nicht können. Ich bin kein Maschinenstürmer, im Gegenteil, ich bin fasziniert und im Grunde dankbar in eine so interessante Zeit geboren worden zu sein. Ich habe noch den einzelnen Transistor erlebt, die ersten integrierten Schaltkreise, die Zeit vor dem PC und dem Internet, die Zeit vor dem Handy. Ich bin guter Dinge, dass wir bei den neuen Technologien vorne mitreden können, blöd waren wir bislang nicht. Einige grosse Betriebe kommen nun wohl etwas in die Breduille, weil sie seit langem etwas falsch gepokert – oder ganz einfach geschlafen haben. Dies ist leicht zu erkennen, wenn man Gerold Bührer auf die Zunge schaut. Das Geschäftsmodell der Turbomanager, die nur in ihren Sack arbeiten und nach zwei bis vier Jahren abspringen macht sich nur für sie und für Insider bezahlt. Nachhaltigkeit gehört nicht in ihr Repertoire und unter uns gesagt, wer hat schon bei den guten Wahrscheinlichkeitszahlen in Sachen Atomenergie und mit der CO2 Debatte im Koffer, mit Fukushima gerechnet.

Doch wieso also dieses, mein Misstrauen? Weil von der Waschmaschine bis zum Fliessband alles voller Elektronik steckt. Weil die Welt auch nicht untergeht, wenn ein Fliessband mal stillsteht oder die Waschmaschine streikt. Das gehört nun mal dazu. Aber wenn Mühleberg hoch geht, dann kann Bern und Fribourg salopp gesagt nicht einmal mehr in der Pfeife geraucht werden und wir finden uns alle in Romanshorn wieder.

Mein kontaminiertes Auto muss ich in der Sperrzone lassen. Für mein Haus mit Umschwung würden mir gemäss Fukushima 8000 Euro bezahlt. Gott sei Dank habe ich ein Halbtaxabo für die Reise ins Zeltlager am Bodensee. Dem Hauseigentümerverband sei an dieser Stelle gesagt, seid ihr eigentlich wahnsinnig für AKW's zu plädieren? Den Mietern ist es doch piepegal, wenn die sich woanders einmieten, aber 8000 Euro für eine Hütte, einen Hof, wo kommen wir denn da hin, das bezahlt mir nicht einmal das zurückgelassene Auto, oder die Einrichtungen. AKW Katastrophen sind nicht versicherbar, ich bitte sie, auf welcher Seite stehen sie? Auf der Seite der Habenichtse? Sind heute alle Hausbesitzer bei den rot/grünen und die Möchtegernhausbesitzer bei der FDP?

Ich habe mit Romanshorn nichts am Hut und will auch nicht zelten gehen. Auch wenn Leute wie Berlusconi einem das Campieren in schweren Zeiten bekanntlich als Abenteuer verkaufen. Romanshorn nein! Das ist für mich nicht meine Schweiz, da bin ich ein sturer Lokalpatriot, ein Rück- ja Bodenständiger.

Ein Bümplizer wie C.A. Loosli. Da wirken sogar Restbestände des Gedankengutes meines zutiefst ländlich konservativ gesinnten Grossvaters, der in der Bauern und Bürgerpartei politisierte, nach. - Dass Grossvater heute in der BDP wäre, das ist Wunschdenken, denn die Schützenkollegen in seinem Dorf stehen stramm und geschlossen hinter den Apologeten Amstutz und Wandfluh und die wiederum stehen stramm und geschlossen vor und hinter Mühleberg.

Dann ist da noch das Kühlwasser. Es fliesst, pumpt man es nicht über den Hügel auf die Felder von Bottigen, wo es sich im Grundwasser sammeln kann, die Aare hinunter, in die Seen, zumindest in den Bielersee, wo der Ligerzer und der Twanner wächst durch Solothurn und Olten hindurch bei Koblenz in den Rhein, weiter durch Basel den Rhein hinunter, vorbei an der Lorelei und strahlt so der Nordsee entgegen. Vielleicht müssen dann gar die Basler auf den Campingplatz am Bodensee. Vielleicht sollte man eine Pipeline in den Jura bauen, durch die man das Kühlwasser bei Ocours und La Motte in den Doubs leiten kann in das AKW freundliche Frankreich. Die Franzosen sind da resistenter, härter im nehmen als die Deutschen. „Je m'en fous.“, wir sind eine Atommacht!

Grundwasser?

Da erinnere ich mich doch noch an das in Bern bekannte Tafelwasser aus Weissenburg im Simmental. Als Kinder hatten wir es genüsslich getrunken. Habe dann einmal gehört, dass es aus dem Verkehr gezogen wurde, weil man Verunreinigungen festgestellt hatte. Glaube, schuld daran waren damals die Kühe auf den Alpweiden über Weissenburg, deren Ausscheidungen unserem Lieblingsgetränk das Aus bescherten. Kein geringerer als der heutige Verwaltungsratspräsident der BKW, Urs Gasche, warb damals für dieses herrliche Getränk. Im Namen unseres gemeinsamen Urgrossvaters und unserer Kinder fordere ich dich auf, lieber Urs, weitere Flurschäden in Sachen Wasser verhindern zu helfen, denn so glimpflich wie wir in Sachen Kuhpisse und Weissenburger Abrico noch einmal davongekommen sind, werden wir es mit Strontium-Cola leider nicht.

Ich verstehe die SVP nicht!

Wenn es um die Verteidigung des Vaterlandes mit der Waffe geht, dann stehen die ganz vorne und rüsten sich für einen kriegerischen Supergau, der nicht mehr sehr wahrscheinlich ist; doch wenn es darum geht, das Land mit dem Kopf zu beschützen versagen sie kläglich. Bei Lichte betrachtet sind unsere AKW's im Grunde dreckige Bomben, die es nur richtig zu zünden gilt. Wie? Zum Beispiel mit einer vollgetankten Airbus A319. Vom Belpmoss aus, im Direktflug nach Mühleberg, hinein in ein neuralgisches Betriebsgebäude, während andere Teams die Stromzufuhr von aussen sprengen. Schade, dass der Chefstratege Gustav Däniker nicht mehr lebt, er würde das Szenario schon vorbuchstabieren. Fragt sich nur wem?

Und zu Philippo dem Leutenegger sei gesagt: Moderne Maschinenstürmerei ist ein cooles Schlagwort. Ich bin froh, dass Leutenegger gebildet genug ist und nicht fordert, man möge doch die Halbwertszeit von Cäsium heruntersetzen. Oder auf gut freisinnig, man möge doch die staatliche Regulierung, die Jahresdosen für nukleare Strahlung aufheben, dann wäre doch allen gedient. Was ich nicht weiss, macht mich nicht heiss. Jeder ist dann selber verantwortlich, wie viel Dreck er schlucken will. Er soll dann auch gefälligst gerade selber messen, sonst muss noch ein staatlicher Messheini von unseren Steuern teuer bezahlt werden. Übrigens, habe schon lange keine Messwerte mehr gehört und Fukushima eskaliert ja täglich. Das Kaninchen ohne Ohren in der Stadt Namie ist aber ein Lichtblick im Dunkel der Stromlücken. Wenn unsere Nachkommen mit reduzierten Sinnen zur Welt kommen, haben neue AKWs vielleicht wieder eine Chance, seien wir optimistisch.


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