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5. Sept 2010

“Nicht alle Menschen sind Künstler, doch fast alle Menschen sind Arschlöcher. Nicht wenige davon sind sogar Künstler!“

K.C. Broom (l) und Rudi Schär (r)
Eklat an der 9. Kunsthistorikertagung in Berena

Bericht von A.F. Grazi

K.C. Broom und Rudi Schär sind sich an der Podiumsdiskussion “Kunst und Gesellschaft, macht Kunst glücklich?“, am Montagabend in die Haare geraten. Auf dem Podium waren Politiker und Leute aus der Kulturszene zugegen.

Ausschlaggebend für den Eklat war die Aussage von Rudi Schär, es sei Aufgabe jeder zivilisierten Gesellschaft an der sozialen Plastik, wie sie durch Joseph Beuys im erweiterten Kunstbegriff skizziert wurde, mit zu gestalten. So gesehen sei er mit Beuys einig, sei jeder Mensch ein Künstler.

Für K. C. Broom ist der Ansatz von Beuys ein Mythos, der schwach auf der Brust sei. Broom sagte wörtlich: “Nicht jeder Mensch ist ein Künstler, aber fast alle sind Arschlöcher. Nicht wenige davon sind sogar Künstler.“

Schär fragte, wo sich denn Broom selber einordne. Broom antwortete: “Wir beide sind mehrheitsfähig lieber Schär, wenn sie verstehen, was ich damit meine.“

In der Folge verliessen Schär und mit ihm seine Studenten den Saal.

Broom von einem Journalisten angesprochen, weshalb er denn nicht auf Tutti gegangen sei und gesagt habe, “alle Menschen sind Arschlöcher“, antwortete: “Wenn ich schreibe das Ganze ist das Dumme, so ist das Ganze vielleicht sogar eine soziale Plastik und als solche eben das Dumme. Aber sicher ist nicht jeder Mensch dumm. Gescheite Menschen wissen aber selber nie, dass sie gescheit sind, das ist das Wesentliche an der Gescheitheit.“

Ansonsten verlief die Podiumsdiskussion auf ausgelatschten Pfaden. Einmal mehr stritt man um die Frage, ob und wie viel der “marode“ Staat die Kultur fördern soll. Etwas Stimmung kam auf, als Broom forderte, die Kultur solle den Staat fördern und nicht umgekehrt. Kultur brauche als Gegenleistung Freiräume und nicht Preisgelder. Einmal mehr zog er über die Event- und Award-Kultur ins Feld. “Wenn früher nur Horn- und Federvieh prämiert wurden, sind es heute vorwiegend Missen, Künstler, Sportler und andere Gockel und Platzhirsche.“ Seine Skepsis gegenüber dem privaten Sponsoring und der öffentlichen Förderung ist bekannt. Welcher Hund beisst schon die Hand die ihn füttert, weiss Broom unermüdlich immer wieder zu betonen. Und beisst einer trotzdem, so wird er abgestraft, oder der Bürger kürzt via Politik das Kulturbudget. Man entgegnete Broom, wenn die Kultur den Staat fördern solle, so komme das doch dem Anliegen von Rudi Schär entgegen, da das Staatswesen de facto als ein Gesamtkunstwerk angesehen werden könne.

Broom entgegnete:

“Ein Eisenbahner, der dem Gemeinwesen zudient, ist immer noch ein Eisenbahner und nicht ein Künstler und wenn er beginnt aus freien Stücken Fettecken in den Wagons anzubringen, verliert er seinen Job. Nichts gegen Fettecken! Ich vertrete nach wie vor die Auffassung, dass Kunst das poetisch Sinnlose sein darf, ja vielleicht sogar sein muss, während Linienpiloten besser nicht allzu sehr in einen Fluxusrausch abdriften. Der Utilitarismus im Sinne Benthams lässt aber gerade für die Kunst ein grosses Fenster offen, wenn er sagt, “pushpin is as good as poetry“*. Davon ausgehend formuliert Bentham das Prinzip des Nutzens, das besagt, dass all das gut ist, was „das größte Glück der größten Zahl“ hervor bringt. Aber auch Bentham erkannte später, dass die gleichzeitige Maximierung zweier Größen keine eindeutige Lösung ermöglicht, weswegen er nur noch vom „Prinzip des größten Glücks“ (Maximum-Happiness-Principle) sprach. Dass Fettecken diesem Prinzip eher nicht zudienen und nur ganz wenigen das grösste Glück vermitteln, liegt auf der Hand. Eine Gesellschaft die Armut neben Superreichtum zulässt basiert auf einer asozialen Kulturleistung und ist daher a priori eine Unrecht-Gesellschaft. Der Hedonismus, wie er marktgesteuert in der neoliberalen Einöde gepredigt wird, führt zu einer Verarschlochung der Zivilgesellschaft, daher mein Kontrapunkt, fast jeder Mensch ist ein egoistisches Arschloch.“

* (z.B. Spiele wie Mensch ärgere dich nicht)

Broom vergleicht in der Folge Anlässe wie die Art in Basel mit Sklavenmärkten und Auktionshäuser mit Horten, an denen die Seele der Zivilgesellschaft an den Meistbietenden verhökert würde. Fettecken sollen, so Broom, die Fettflecken auf der weissen Weste der Gesellschaft sein, sie sollen und müssen kleckern und anecken. Bertheim widersprach Broom, er basiere immer noch auf dem Irrglauben der negativen Affirmation und ähnlichen Konstrukten. Gerade Warhol sei es gewesen, der den Juppies eine Bresche geschlagen hätte. Der durch Überhohung herbeigesehnte Knickeffekt (Brock) sei nie eingetroffen, stattdessen hätten sich Brands und Labels bestens etabliert und durchgesetzt. Für die berühmte Viertelstunde (Berühmtheit) gäben Labelkids oft gar ihr Leben her. So gesehen sei Andy Warhol Superstar immer der Werber geblieben, der er einmal war. Die Abgeordnete der FSP, Frau Talia Nori, fragte Broom, ob er denn nicht ein anderes Wort als “Arschlöcher“ verwenden könne, das sei einfach etwas unpassend und vulgär. Broom betonte, eine globale Angelegenheit rufe nachgerade global verständliche Kraftwörter auf den Plan. Hinzu komme, dass wenn man einmal so etwas vor der Presse geäussert habe, sei es bereits irreversibel.

In diesem Punkt stimmen wir mit Broom überein.