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16.August 2010

Offener Brief an Stephen Hawking

von Dr. Angela Seslo

Der Mensch muss nach Ansicht des britischen Astrophysikers Stephen Hawking innerhalb der kommenden 200 Jahre den Weltraum besiedeln, wenn er sein Überleben sichern will.


Lieber Hawking

Vorerst mal danke für den Tipp. Wenn ich Sie richtig verstehe, geht es Ihnen um die Spezies Mensch und nicht um Kreti und Pleti, wenn Sie von der Menschheit sprechen. Dies hehre Gedankengut kommt mir ein wenig vor wie der Weltgeist von Hegel. Auch da geht es nicht um jeden hintersten Cheeseburger, sondern z.B. um Beethovens Neunte, die Glocke von Schiller, vielleicht den Eiffelturm als Idee, den gedachten Eiffelturm, oder vielleicht auch nur um die platonische Idee einer Idee.

Langzeitarchivierung ist ein grosses Wort in der heutigen Memopolitik. Zur Memopolitik gehört, wenn man sie zu Ende denkt, auch “die Aufbewahrung“ (oder sollte man besser sagen Langzeitarchivierung) des Menschen. Da wir uns weder eines Gottes noch eines Weltgeistes gewiss sein können, ist es doch, wenn ich Sie richtig verstehe, lieber Hawking, unsere Pflicht, jene höchste Stufe der irdischen Evolution vor dem selbstgebrauten Untergang zu retten. Nun man braucht kein Systemtheoretiker zu sein, um die Selbstreferenz herauszuhören, die in dieser Posse mitschwingt. Der Mensch ist trotz, oder gerade wegen seiner Fähigkeiten, da angelangt wo wir heute stehen. Wir sind das einzige Lebewesen auf diesem Planeten, das in der Lage ist - fast wie ein Gott - in die beinahe hintersten Winkel unseres Daseins zu gucken. Wir sind medial vernetzt und können realtime zusehen was auf der entgegen gesetzten Seite unseres Planeten vor sich geht. Wir können uns auch locker vom All her beobachten. Wir haben das Rasterelektronenmikroskop und den Large Hadron Collider, der uns das Higgs Boson bescheren wird, damit unser Standardmodell endlich komplett sein wird. Wir schauen nach innen und nach aussen bis unmittelbar heran an den Urknall. Ja, lieber Hawking, vielleicht sind wir sogar wortwörtlich Gottes Handlanger. Vielleicht sind wir auch nur, wie Arthur Koestler gemeint hat, ein Irrläufer der Evolution.

Ich teile Ihre Meinung, dass unser Planet zusehends unbewohnbarer wird, gehe in der Folge jedoch weder auf die Grenzen des Wachstums (Club of Rom), noch auf deren Kritik ein. Gehen wir aber von einem pessimistischen Szenario aus, und die gegenwärtigen Indikatoren sprechen ganz dafür, dann stellt sich die alte Frage, ist eine Umkehr, ein Menschenbeben (R. Jungk), noch möglich, oder bleibt uns nur noch ein Traum in den Sternen, ein eskapistisches Raunen, ein Luftschloss?

Terraforming eines extraterrestrischen Lebensraumes (Venus oder Mars) zum einen, oder “Tikopiatik“ (K.C. Broom), das heisst, global rigide Gesetze einführen wie sie auf der Insel Tikopia herrschen zum anderen. Lassen Sie mich diese beiden Extremlösungen kurz bedenken.

Beide Ansätze sind Ideologie behaftet. Terraforming folgt dem Mainstream der Technogläubigkeit und dem “militärisch-industriellen Komplex“ (Charles Wright Mills/ D. D. Eisenhower) und die “Tikopiatik“ ist wahrscheinlich nur unter global totalitären Umständen durchzuführen (Beispiel China).

Sollten Sie, lieber Hawking, an einen Ort im Weltall gedacht haben, der ausserhalb unseres Sonnensystems liegt, dann freuen sich an die 20 Milliarden Menschen mit Hund und Katz und Kuh und Kalb auf den tollen Flug im intergalaktischen Container nach dorthin. Hinter diesem Container wird ein brauner Kondensstreifen aus Scheisse und Urin, von Mensch und Tier, den Weg für alle Aliens markieren, die mal was Neues riechen möchten.

Es war Carl Sagan, der andere Astrophysiker, der mich damals mit der TV-Serie “unser Kosmos“, aus einem nihilistischen Tiefschlaf geholt hatte. Es geht nicht um “die Menschheit“, lieber Hawking, das ist anthropozentrischer Nonsens. Es geht um diesen unseren Planeten und seine Biodiversität, um seine biologische Vielfalt. Der Mensch wird weniger mit jedem Lebewesen das ausstirbt. Jeder Mensch dem sein technisches Spielzeug wichtiger ist als eine Gattung Lebewesen ist noch ein Barbar, hat K.C. Broom treffend gesagt.

Nun vielleicht schwebt ihnen ein biblisches Szenario a la Arche Noah vor, lieber Hawking. Das auserwählte Menschenpaar verlässt den Planeten für immer. Mit ihm von jeder Gattung Würmer zwei Würmchen, von jeder Gattung Flusspferd zwei Hippos. Und das Menschenpaar ein weisser Schwarzenegger und eine schwarze Naomi Campbell? Oder aber das Menschenpaar, das losgeschickt wird, sind Roboter-Biologen genannt Big-Vegan und Big-Big-Mom. Mit ihm fliegt das ganze irdische Genom-Set. Es wird dann dort oben Clone ziehen und diese in terrageformter Landschaft aussetzten. Natürlich wird man sogenannte Schulroboter nachschicken müssen, welche via Interface humanistisches Gedankengut und Wissen in die leeren Hirne abfüllt. Familiengeschichten und eine Religion von den Ureltern Big-Vegan und Big-Big-Mom, was ganz enorm wichtig ist für die Identität der ersten Generation. Jedem Tierchen sein Pläsierchen.

Lieber Hawking, längst wissen wir, dass es “die Menschheit“ so nicht gibt und dass Verallgemeinerungen schlechte Ratgeber sind. Der Mensch ist nicht einfach ein böses Tier das alles zerstört und deshalb ruhig aussterben darf. Wahrscheinlich gibt es kaum ein Lebewesen, das sich nicht sonderbar verhält, wenn es in seinem Habitat zu einer Überpopulation kommt. Wenn die Kultur einer Sippe keine Tabus mehr kennt, die Globalisierung ist eine fast ausschliesslich tabulose Massenkultur einer künstlich medial geformten “Riesensippe“, nimmt das einzelne Menschentier schlechte Gewohnheiten an wie z.B. die Raffgier. Die Raffgier ist eine neurotische Ur-Angst vor dem Verhungern, die ganz tief verankert ist. Weil die Angst nicht zu den Tugenden (insbesondere männlicher Individuen) gehört, wird sie in einen Machttrieb pervertiert. Solchermassen gestörte Individuen beherrschen die globale Sippe, indem sie vorgeben diese zum Wohlstand zu führen. Tatsache ist, dass sie den Wohlstand für sich kumulieren und die Welt mit ihrem Gebaren an den Abgrund führen. Nach mir die Sintflut ist nicht nur ein geflügeltes Wort, sondern in diesen Tagen sogar bittere Tatsache. Die Wahlerfolge von Leuten wie Berlusconi sind an seinen Erfolg als Unternehmer geknüpft. Der Erfolg des reichen Sippenhäuptlings muss doch auf die Sippe abfärben, so denken wohl die Wähler. Der Präsident der Republik Sehnah, Rowland Bolar, ist eines der seltenen wählbaren Exemplare. Bolar hat vor seiner Wahl versprochen, zwei Milliarden seines Vermögens in gemeinnützige Stiftungen umzuwandeln. Bill Gates und Warren Buffet haben eine Initiative, “The giving Pledge“, gestartet, welche sich an die amerikanischen Superreichen wendet, mit demselben Gedanken. So soll 99% von den über 40 Milliarden von Buffets Vermögen verschenkt werden.

Lieber Hawking, Sie sind Engländer. Ihre Vorfahren sind mit der Mayflower nach Amerika ausgewandert. Siedlerblut fliesst in den Adern jedes guten Amerikaners. Mit dem Planwagen durch die Wildnis trecken hin zu neuen Ufern. Alle Wilden abknallen und die Büffelherden niedermachen. Das Blockhaus hinstellen. Rinder züchten für die Steaks und Baumwolle pflanzen für die Jeans. „Howdy folks, let’s go to far west on mars.”

American way of life, or Tikopia, paradise now?

"Wir werden aussterben", zitiert "The Australian" den Mikrobiologen Frank Fenner. "Was auch immer wir jetzt unternehmen, es ist zu spät." Schon in 100 Jahren könnte der "Homo sapiens", mit ihm aber auch viele andere Arten, Vergangenheit sein. Die Schuld an dem Ende der Menschheit sieht Fenner in der Bevölkerungsexplosion und dem "ungezügelten Konsum". "Die Klimaveränderungen stehen erst ganz am Anfang. Aber schon jetzt können wir auffällige Veränderungen beim Wetter beobachten", so der Wissenschaftler. Er sieht in den Bestrebungen des Menschen den Planeten zu retten nur eine Verzögerung. Fenner befürchtet, dass dem Rest der Menschheit dasselbe Schicksal wie den Bewohnern der Osterinseln blühen wird. Durch die gedankenlose Rodung ihrer Wälder hatten die Eingeborenen ihr ehemals fruchtbares Land in eine Einöde verwandelt.

Wenn Fenner Recht hat, lieber Hawking, dann müssen wir den Weltraum in den nächsten ca. 70 Jahren besiedeln. Im Jahre 2005 hat der Geografieprofessor Jared M. Diamond sein Buch “Kollaps“ herausgebracht. Diamond macht für den Zusammenbruch historischer Gesellschaften folgende fünf wesentliche Gründe aus:

1. Umweltschäden

2. Klimaschwankungen

3. Feindliche Nachbarn

4. Wegfall von Handelspartnern

5. eine falsche Reaktion der Gesellschaft auf Veränderung

Im Ergebnis seiner Untersuchung sieht Diamond trotz seiner verheerenden Gesamtdiagnose "Zeichen der Hoffnung" und Grund für einen "vorsichtigen Optimismus" für die Zukunft, da trotz großer Gefährdungen eine kluge Reaktion auf die veränderten Gesamtbedingungen der ökologischen Weltbedingungen theoretisch noch möglich sei.

K.C. Broom geht in seiner Analyse davon aus, dass eine kluge Reaktion zwar theoretisch möglich sei, dass sie aber aus folgenden Gründen einen schweren Stand habe:

“Die über Jahrhunderte andauernde Vormachtstellung Europas durch Kolonialisierung, und Missionierung, hat tiefe Wunden und einen Miderwärtigkeitskomplex in der dritten Welt hinterlassen. Hinzu kommt, dass alle Wirtschaftsmächte daran interessiert sind, in diesen Gebieten Wachstum zu generieren. Gerne verkaufen wir Autos nach China, ebenso ungern sehen wir aber eine Milliarde Chinesen Autoabgase verpuffen.“

In seinem neusten Buch “Der göttliche Abgang“ nennt Broom acht wesentliche Gründe für einen globalen Kollaps. Broom schiebt die Apokalypse zu nicht unwesentlichen Teilen den Religionen in die Schuhe.


1. Klimaschwankungen (CO2 Ausstoss/Erderwärmung/Katastrophen)

2. Religionskonflikte/Ideologien (verhindern eine kluge globale Reaktion)

3. Überbevölkerung (Religionen verhindern Geburtenkontrolle)

4. Ressourcenknappheit (daraus folgende Ressourcenkriege)

5. Arbeitslosigkeit/ Wachstum/Umweltschäden

6. Eskapismus: Der (Irr-) Glaube (Gott wird uns schon nicht im Stich lassen) an einen extraterristischen Exodus verhindert ein schnelles globales Umdenken.

7. Wasser Insolvenz

8. Pandemien


Broom nennt die New York Times eine Provinzgazette. Diese hat Jared M. Diamond vorgeworfen, er habe ja gar nicht einberechnet, daß die Menschen bald in fremde Galaxien vorstoßen und so ihre ökologischen Probleme zurücklassen könnten. Broom weiter: “Wer so tickt, der tickt nicht viel anders als die islamische Weltzeituhr in Mekka und wird noch etwas ganz anderes zurücklassen als seine ökologischen Probleme, nämlich sein Leben.“

Lieber Hawking, als “intergalaktischen Ornithologen“ respektiere ich Sie sehr und habe volles Verständnis, dass Sie der Menschheit die Astronomie und die Weltraumfahrt nahe bringen möchten. Im Kampf um die jährlichen Budgets können die Argumente nie griffig genug sein, um dem Spardruck auszuweichen. Wozu also Sozialausgaben für Habenichtse und Behinderte aufwenden, die sowieso nie in den Genuss eines intergalaktischen Herrenmenschen-Tickets kommen werden. NASA we can!

http://de.wikipedia.org/wiki/Tikopia
Jared Diamond
Frank Fenner