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13.Juni 2010

The Social firewall


Die Realität beginnt da, wo die Wirklichkeit endet.

(Daniel Nielander )

Humberto Maturana beschreibt in seinem Buch „Was ist erkennen, die Welt entsteht im Auge des Betrachters“, wie seine Frau am Flughafen in ein Auto einsteigt, in der irrtümlichen Meinung es handle sich um ein Taxi. Der Fahrer fährt sie trotzdem nach Hause und als sie zahlen will, sagt er ihr erst, “dies ist kein Taxi Madame“. Das Hirn von Säugetieren übersetzt demnach die Wirkungen, die aus dem Realen, der Umwelt, via die Sinnesorgane einwirken in eine subjektive Wirklichkeit, eine subjektive Innenperspektive. Daraus kann gefolgert werden, die einzige wahre Wirklichkeit existiert nicht, es existieren nur Wirklichkeiten. Klar, es liegt nun auf der Hand, dass religiöse Leute sofort einschreiten und die eine, die wirkliche Wirklichkeit, dem Göttlichen zuspricht, welches als All-Subjekt über allen Wirklichkeiten steht. Diese All-Wirklichkeit ruft weltweit Gurus auf den Plan, von Rom bis Andhra Pradesh.

Das Zeitalter der Elektronik hat uns eine Unmenge neuer Götter gesandt. Scheinbar aus dem Nichts werden diese täglich neu geschaffen. Der Avatar, oder Avatara (Sanskrit, avatāra, wörtl.: „Abstieg“, von ava- „hinab“ und „überqueren“) bezeichnet im Hinduismus einen Gott oder einen göttlichen Aspekt, der die Gestalt eines Menschen oder Tieres annimmt. In den Schriften erscheint der Begriff des Avatara im Ramayana, in der Bhagavad Gita, im Srimad Bhagavatam und in vielen anderen, z.T. daraus abgeleiteten Texten. Die Aufgabe des Avatar oder Avatara ist, der Menschheit in ihrem Streben zum Göttlichen hin Wegbereiter, Vorbild und Lehrer zu sein. Krishna sagt dies in der Bhagavad Gita im vierten Gesang ab Vers 7 deutlich:

Denn immer, wenn die Frömmigkeit hinschwinden will, o Bharata,

Ruchlosigkeit ihr Haupt erhebt, dann schaffe ich mich selber neu.

Zum Schutz der guten Menschen hier und zu der Bösen Untergang.

Die Frömmigkeit zu fest’gen neu, entsteh’ in jedem Alter (d.h. Weltzeitalter) ich.

In der Informationsgesellschaft ist dieser “göttliche“ Aspekt in Form von 3D animierten künstlichen Internetpersonen in Erscheinung getreten. Wenn die ersten Avatare noch als Comic Figuren die Bildschirme besiedelten, entwickeln sich diese zunehmend in hyperreale Erscheinungsformen von vollbusigen Sexbomben hin bis zu Brillen tragenden Intellektuellen. Ihr Hauptzweck, die Verdrängung des real existierenden Menschen aus den Bereichen kostenintensiver Mensch zu Mensch Kommunikation. Das Gegenüber wird zusehends zu einem Kostenfaktor in einer preisoptimierten globalisierten Warenwelt. Wo alles und jedes zur Ware geworden ist, muss der Mensch als Kostenfaktor Arbeitskraft weitgehend eliminiert (wegrationalisiert) werden. Auf das Förderband der industriellen Fertigung folgte der Industrieroboter, auf den Industrieroboter folgt nun der Avatar. Systemimmanent wirkt in der Wirtschaft eine Kraft, die vergleichbar ist mit einem Schneeballsystem. Die Systematik ist die, dass die frühen Einsteiger ins System viel verdienen, solange bis Sättigung eintritt. Das System hat auch in der Finanzwelt Einzug gehalten, berühmtester Vertreter war Bernard Madoff.

Wenn in der Wirtschaft, von der industriellen Fertigung, über den Warenvertrieb, bis hin zu den Dienstleistungen alle Bereiche automatisiert worden sind, dann ist die Ware zwar billig zu haben, jedoch nicht zu kaufen, da das System dereinst die Kaufkraft eliminiert hat. Solange noch ein paar Rückständige arbeiten, ist gerade noch Kaufkraft vorhanden. Da aber einer gewissen Logik zu Folge das billigste Produkt gewählt wird, trocknet man so eines Tages den eigenen Arbeitgeber aus. Systemerhaltende regulierende Massnahmen und liberale Marktwirtschaft beissen sich ebenso in den Schwanz wie Konkurrenzfähigkeit die nur zum Preis von Kostenoptimierung und Wachstum zu haben ist, von der gesamten Ressourcen- und Umweltproblematik ganz zu schweigen.

Das soziale Konfliktpotential welches in dieser Abwärtsspirale enthalten ist, ruft nach einem starken Buckel, der das alles aushält. Auch hier wird der Avatar als Sozialdummy den virtuellen Kopf hinhalten müssen.

K.C. Broom hat schon in den Anfängen des Netzzeitalters den Firewallbegriff um den Begriff „social Firewall“ erweitert. Zu den sozialen Firewalls zählt er den Avatar als virtuelles Gegenüber aber auch das virtuelle Selbst (second World). Angefangen habe es aber mit weit trivialeren Features. Wenn früher ein Telefonabonnent besetzt war, wurde dies dem Anrufer durch das Besetzzeichen signalisiert, damit gab man sich, oder musste man sich zufrieden geben. Betriebe wie die Post, der die Telefonie angehängt war, hatten genügend Personal am Headset, um die Anrufe in einer nützlichen Frist entgegenzunehmen. Heute wird der Anrufer von einer künstlichen Computerstimme oder einem “gesampelten Fräulein“ abgefertigt, oder was noch schlimmer ist, der Anrufer wird mit einer x beliebigen Musik beglückt. Für Broom ist die schlimmste Variante, die Midi-Verballhornung der kleinen Nachtmusik von Mozart. Auch sonst sei die Treffsicherheit in Sachen Musikgeschmack eher breit angelegte Glücksache. Benommen merke man oft erst nach einer Weile, dass man doch eigentlich gar nicht Musik hören wollte.

Überall wird man eingelullt. Die Einlullung des Konsumenten ist primäre Strategie, schreibt Broom. Ist dieser erst einmal eingelullt, sitzt er wie das Kaninchen vor der Klapperschlange und wartet auf den Biss. Social Firewalls werden aus unterschiedlichen Gründen eingesetzt. Einmal sicher um Personal einzusparen. Dem Kunden wird ein künstliches Gegenüber simuliert um ihn an der Strippe zu behalten. Er soll am Apparat bleiben bis eine echte Person frei wird. Er soll nicht zur Konkurrenz gehen dafür aber auch noch Telefonwartegebühren zahlen. Überall da wo ohne direkten menschlichen Kontakt eingekauft werden kann, sei es über das Netz oder am Telefon, werden diese Techniken eingesetzt. Dies ist für versierte Benutzer in der Regel kein Problem; für ältere oder bildungsschwächere Menschen kann es aber sehr wohl zum Problem werden. Broom behauptet, zu der digitalen Spaltung, welche ein nicht gewollter Effekt der Informationsgesellschaft sei, komme die digitale Abspaltung hinzu, welche sehr wohl gewollt sei. An dieser Stelle würden eben soziale Firewalls eingesetzt. Soziale Firewalls sollen es dem Klienten schwer machen, z.B. einen Vertrag zu kündigen. Während ein Bestellvogang oder das Abschliessen eines Vertrages ein Kinderspiel sind, sind Kündigungen oder Reklamationen auf Internetseiten wahre Odysseen durch kleingedruckte unlogische Labyrinthe. Oft landet man in unseligen Looplinks, oder findet nicht mehr zurück. Der soziale Firewall erzeugt einen gewollten Aufwand, der den Nutzen für den Kläger übersteigt. In den meisten Fällen kapituliert der Geschädigte. Auch wenn der Einsatz solcher Methoden klar als unlautere Geschäftspraxis gebrandmarkt werden kann, gehört dieser zum Alltag des Raubritterkapitalismus neoliberaler Ausprägung. K. C. Broom hat einmal gesagt: “In dem Masse, wie sich das organisierte Verbrechen in die reale Wirtschaft einbringt, bringt sich die reale Wirtschaft in das organisierte Verbrechen ein.“ Und ist es nicht ein wenig so; wer das Internet nützen will, muss Schutzgeld bezahlen um nicht von Viren befallen zu werden.

Präsident Bolar hat eine Kommission eingesetzt, welche unter der Federführung des Ministeriums für Telekommunikation den Einsatz sozialer Firewalls untersuchen und gesetzgeberisch einschränken soll. Das Ergebnis soll noch im Herbst dieses Jahres in die Vernehmlassung gehen.