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3.Juni 2010

Der Stillstand der Dinge

Still aus dem Trailer "der Lauf der Dinge; Fischli-Weiss

Kunstkritik von Anna Felizitas Grazi


Indem Marcel Duchamps den trivialen Gegenstand in die Kunst aufgenommen hat, ist die Kunst selber zum trivialen Gegenstand geworden. Kunst wird zur Methode, die mit Zuhilfenahme von anderen Methoden und Medien Prozesse ermöglicht, deren Abfallprodukte Kunstwerke sind. Das Kunstwerk ist demnach wie der Sehnaher Künstler und “Einfleischer“ HUS in seinem gleichnamigen Essay schreibt, ein Abfallprodukt des Prozesses. Dieter Roth indes verwendete als Material zur Herstellung von Assemblagen richtigen Abfall. So sammelte er z.B. sogenannt flachen Abfall aus Papier und Karton. Roth verwendete den Abfall analog dem trivialen Gegenstand von Duchamp, dies so HUS, brachte an sich keinen neuen Aspekt in die Kunstpraxis ein, da ein Pissoir, welches nicht als solches zur Anwendung komme, ebenfalls bereits eine Abfallform gewesen sei. Verwesendes Material wie faulende Essensreste sind insofern interessanter, da der Prozess des Verwesens einen Subprozess darstelle, einen Ablauf. Roth geht aber immer noch denselben Weg wie Duchamps oder sogar hinter diesen zurück, er macht aus Müll Kunstwerke, der Müll ist demnach lediglich Assemblagen- oder Collagenmaterial. Roth baut damit zwar einen gewissen Prozess der Wertumwandlung in die Herstellung seiner Werke ein. Der Müll wird zum Kunstwerk, zum Wert in einer trivialen Kunst und die Aussage Kunst ist Müll haftet diesem Gestus durchaus auch an.

Bedenklich scheint mir eine andere Entwicklung, die nun auch schon wieder einige Zeit zurückliegt. 2002 konnte man vernehmen, dass ein Werk von Fischli Weiss für über eine Million Schweizer Franken versteigert wurde. "Der Lauf der Dinge" gehört zu den meistgesehenen Kunstfilmen. Die Kamera folgt einem 40 Meter langen Aufbau mit unterschiedlichen Fallen, Rampen und Gegenständen. Nach dem Dominoprinzip werden in dieser Rube-Goldberg-Maschinerie Bewegungsimpulse von einem an den nächsten Gegenstand weitergegeben. Inszenierung, Konzept, Aufbau und Ablauf sind das Kunstwerk, gebannt auf Film. Der Prozess hinterlässt einen Abfallhaufen von Reifen, Flaschen Rampen Stützen und anderen Gegenständen. Als ich damals diesen Film das erste Mal sah, war ich begeistert. Ähnliches zeigt uns Roman Signer bei seinen poetischen Sprengungen.

Der Kunstfilm gibt nicht viel her für das Portemonnaie, also müssen andere Strategien herhalten. Beuys hat es irgendwie vorgemacht - aber irgendwie anders. Bei Beuys sind die Rituale schamanischer Provenienz. In liturgischen Gesten zelebrierte er seine “geheiligten“ Requisiten. Der Eurasienstab ist nicht einfach ein Kupferstab und die Filzmatten sind nicht nur Filz usw. - leiten, isolieren etc. spielen eine Rolle in diesen Ritualen. Das Gerät oder Zeug wird dann im “Reliquiar“ oder im “Tabernakel“ (der Kunstvitrine) auf- und ausgestellt, das gehört zum Konzept, ist nachvollziehbares Werkpathos. Bei Fischli Weiss wird der Verkauf des Rest-Gerümpels, die zum Stillstand gekommenen Dinge, zur Kunstfarce, zur Attitüde der Verlegenheit. Wer so etwas kauft, versteht im Grunde wenig von Kunst. Auch wenn Fischli Weiss ihren Stempel als Künstler absondern, auch wenn das Gebastel an Hirschhorn oder umgekehrt erinnert, hinterlassen sie dadurch nur ein drittklassiges "Werk", das nie und nimmer einen solchen Preis rechtfertigt, auch wenn es der Abfall von einem tollen Kunstwerk ist. Aber wenn HUS schreibt, das Kunstwerk ist das Abfallprodukt des Prozesses, meint er nicht das Abfallprodukt des Abfallprodukts also den Müll. Da müsste schon ein Dieter Roth her, der daraus einen Roth macht, dann würde das wieder hinhauen.