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“cul de sac“ oder 100Mio $

5. Oktober 2009

Interview Anna Felizitas Grazi mit K.C. Broom


A.F.G. : Der Fall Polanski spaltet die Welt in zwei Lager titelten die Gazetten, auf welcher Seite sind Sie Herr Broom?

K.C.B. : Ihre Frage setzt genau da an, wo die Aussage, …spaltet die Welt in zwei Lager falsch ist. Der Fall wirft wie jeder ähnlich gelagerte eine Vielzahl von Fragen auf. Da ist einmal die Frage weshalb die Behörden jetzt (erst) zugeschlagen haben, wo der Polanski doch in Gstaad sein Lebkuchenhäuschen hat und dort sicher schon einige Male zu fassen gewesen wäre. Und dann, - der Schlag erfolgte mitten ins Herz eines jungen aufstrebenden Filmfestivals und traf somit die Community beim gemeinsamen Gebet, wenn Sie mir den Vergleich erlauben. Weiter ist natürlich bemerkenswert, dass der Fall mit den Gaddafis noch nicht ausgestanden ist und dass sich die Schweiz in heiklen Verhandlungen mit Frankreich, den USA und anderen Staaten in Sachen Finanzplatz befindet. Aber ich glaube, das ist eher das Uninteressante an dem Fall und das möchte ich lieber den Journalisten, Juristen und Politikern überlassen.

A.F.G. : Ihre Position ist mir aber dadurch nicht klarer geworden.

K.C.B. : Sehen Sie, mich spaltet der Fall ebenfalls in mindestens zwei Teile.

A.F.G. : Die da wären?

K.C.B. : Sicher einmal in den Polanski seiner Filme. Ich mag seine Filme sehr, allen voran “cul de sac“ und “répulsion“ etc.

Aber da ist diese unschöne Geschichte und die als solche ist leider in der “Rezension“ eher immer bewusst mager behandelt worden. Ich habe das Vernehmungsprotokoll mit dem Opfer Samantha Geimer gelesen und daraus geht für mich hervor, dass das auch nach Schweizerischem Recht ein Vergehen war, mal ganz abgesehen davon, dass das Opfer zur Tatzeit 13 und Polanski über 40 Jahre alt war.

A.F.G. : Dem widersprach der Regisseur Rolf Lissy in der Arena des Schweizer Fernsehens vehement, mit dem Verweis auf Polanskis Autobiografie.

K.C.B : Hab den Potcast davon gesehen. Was die US Justiz angeht, stimme ich Lissy zu. Ich habe auch seinen Film über den zu Tode verurteilten Moody gesehen. Wie Sie wissen, gehören Staaten mit der Todesstrafe für mich zur Achse des Bösen. Wenn ich da höre, dass ein US-Richter Polanski mit 50 Jahren gedroht hat, scheint mir das schon eher Ausdruck eines absurden Amerika zu sein und eine Flucht ist für mich verständlich, auch wenn man einen Prozess noch zwei Instanzen höher ziehen kann. In der Schweiz und auch bei uns geht man für dieses Vergehen ca. dreissig Monate unbedingt ins Gefängnis. Was Lissys Aussagen bezüglich des Vorfalls angeht, spiegeln diese für mich die Verzweiflung in der die Community steckt. Was weiter sehr interessant war, ist die Aussage bezüglich Trennung, respektive Untrennbarkeit von Werk und Biografie des Autors, mit anderen Worten stellt sich die Frage ob das Werk “befleckt“ ist.

A.F.G. : Wie das Werk der Riefenstahl?

K.C.B. : Ich glaube nicht, die Riefenstahl hat die Ideologie des Volkskörpers ästhetisch umgesetzt und so dem verbrecherischen System zugedient. Polanski erzählt einfach seine skurrilen Gewalt-Geschichten wie andere auch. Die Einen dieser Andern sind sauber, die Anderen fahren besoffen herum oder vergewaltigen vielleicht jemanden, das tun aber zuweilen auch Buchhalter oder Briefträger oder Gynäkologen.

A.F.G. : Das heisst, Sie sind eher auf der Seite der Legalisten und des Volkes und nicht auf der Seite der Kulturschaffenden?

K.C.B. : Das Verhalten der Community stimmt mich extrem nachdenklich. Täglich sehe ich meine Thesen mehr bestätigt, denn für einmal habe ich nicht die Politik im Visier und es ist mir momentan egal, ob die Schweiz gegenüber den USA unter Druck steht oder nicht, ich vermute das verlief alles viel banaler. Es ist mir auch egal, ob die ganze Sache einen dummen oder gar gerechten polizeilichen Hintergrund hat.

A.F.G. : Sie sprechen ihr Hauptwerk “Das Ganze ist das Dumme an“ wie mir scheint.

K.C.B. : Ja, darin stelle ich ja die These des radikalen Egoismus auf. Diese besagt, dass Inhalte immer nur eine Tauschware, ein Mittel zum Zweck sind. Kommt hinzu und das werfen wir im Allgemeineinen eher rückständigen Gesellschaften vor, welche z.B. noch die Blutrache und andere Absurditäten hegen, dass das Verhalten der Community nichts anderes ist als Clanverhalten, welches Sippenrecht über normatives Recht stellt.

Erklären Sie mir das genauer.

K.C.B. : Sehen Sie, echtes oder besser unmittelbares Mitgefühl können wir nur für Leute empfinden, die uns nahe stehen, erst dann sind wir selber betroffen. Wenn sie sagen, es macht mich betroffen, dass es Leute gibt, die verhungern, dann könnte ich ihnen sagen, seien sie froh, dass sie nicht selber betroffen sind. Es geht immer nur um den eigenen Schmerz, der nur beim eigenen Verlust entsteht. Der Mafiaclan weint nur um seine eigenen Angehörigen, auch wenn er vorher 20 Kinder Frauen und Ganoven der Gegenseite abgemurkst hat. Immer mehr komme ich zu der Ansicht, dass Mitgefühl aber auch Ethik, ich habe einmal gesagt, Ethik gibt es nicht kostenneutral, also eine viel kostspieligere und aufwendigere Angelegenheit ist, als wir meinen. Ich denke da an Hanna Schygulla, die Karriere und Ruhm für die Pflege ihrer betagten Eltern für eine längere Zeitspanne in den Hintergrund gestellt hat. Viele unbedeutendere Leute, die nichts zu verlieren haben ausser ihre Zeit, verzichten in solchen Lagen nicht auf ihr in der Regel sinnentleertes egoistisches Treiben, von Leuten gar nicht gesprochen, die der Meinung sind, der Weltgeist habe gerade auf sie ein Auge geworfen. Mitreden tun sie alle allenthalben, das ist gratis wie sie meinen.

A.F.G. : Wie wollen Sie das nun auf die Polanski Affäre umbiegen?

K.C.B. : Für die Gemeinde der Kulturschaffenden ist Polanski einer der ihren, ein Familienmitglied, sein Werk ist ein Heiligtum, in ihren Augen ist nicht der Kinderschänder sondern der Oskarpreisträger verhaftet worden. Die Community sitzt am Esstisch, es klingelt an der Tür, die Polizei holt den Vater ab und steckt ihn in den Kerker. Die Kinder schreien auf, die Mutter kriegt grosse entsetzte Augen. Sie hat zwar davon gewusst, dass ihr Alter die Magd vergewaltigt und geschwängert hat, aber ihr ist ihre Sicherheit, ihre Familie, ihr Ding wie man so schön sagt, näher als die blöde Magd, die doch den Vater verführt haben muss. Das Leid der Magd wird nicht nur infam ausgeblendet, sondern alle Vorzeichen werden verkehrt.

Anders herum, Sozialdramen als Inhalt in einen Film verpackt; da kommt mir wage dieser Schweizer Film “Anna Göldin, die letzte Hexe“ in den Sinn, wird von der Familie der Kulturschaffenden und Kulturkonsumenten im Kinosessel erlebt und wohlwollend verdaut. Man ist zufrieden, dass das Unrecht wieder einmal beim Namen genannt wurde. Die Herrschaft blossgestellt und sämtliche eigenen Klischees befriedigt worden sind. Bravo Filmemacher heisst es dann, engagiertes Projektchen, wir sind echt betroffen, dein Ruhm sei gemehrt dein Reich komme, wir lassen dich über den roten Teppich wandern.

Und jetzt, ganz unerwartet, wenn auch kläglich naiv, ich würde sagen, B-Movie-like, platzt diese real Satire mitten ins ZH Filmfestival und löst mehr Wellen aus, als jedes Filmchen, das sie in ihren kühnsten Träumen abzudrehen gewagt hätten. Der Cutter wird sofort zur Zensurinstanz umfunktioniert und jegliches “Kunstverständnis“ wird zugunsten von kläglichen Primärinteressen auf dem Altar der Community geopfert. Regie darf nie die Realität führen das macht jede Horde unsicher. Diesmal ist aber das Volk bei der Hexenverbrennung nicht anwesend, macht nicht mit, diesmal muss der Herr antraben und nicht die Magd. Das ist es, was mir bei Rolf Lssys Verteidigung durch den Kopf ging. Der Regisseur, der sonst das Set im Griff hat, wird zum willenlosen Schauspieler eines kleinen lacanschen a . Polanski hat aber nach seinem Übergriff zu Samantha gesagt, das bleibt unter uns, das musst Du deiner Mutter nicht erzählen, das ist unser Geheimnis. Später schreibt er dann eine Autobiografie, doch was ist, wenn diese von einem grossen lacanschen A, oder aus Angst vor einem solchen verfasst wurde?

A.F.G. : Haben die Behörden versagt?

K.C.B. : Mein Gott, also reflektieren wir das halt auch schnell mal. Da hab ich mir auch ziemlich an den Kopf gegriffen und zwar auch hier nicht wegen den Behörden, sondern wegen all den absurden Vorstellungen über ein demokratisches Staatswesen. Im Bundesamt für Kultur BAK hat man die Laudatio für den Preisträger verfasst, die der BAK Direktor anlässlich der Preisverleihung an Polanski halten sollte. Im Bundesamt für Justiz ging die Anzeige eines Kantonspolizisten ein, der in der Presse mitbekommen hat, dass Polanski anwesend sein wird. Da in der Interpoldatenbank Polanski ausgeschrieben ist, hat er seine Feststellung ans Bundesamt für Justiz weitergeleitet. Diese nationale Stelle scheint nicht die Ressourcen zu haben selber mit Agenten die Schweiz nach solchen Tätern abzusuchen, sie ist also auf die kantonalen und lokalen Polizeidienste angewiesen. Was dann erfolgte war im Grunde völlig normal. Man wartete am Flughafen auf den armen Roman. Nun gibt es Kulturschaffende, die es für opportun halten, dass die Polizei, so quasi aus Staatsräson oder Prestigegründen, den Polanski hätten warnen sollen. Sie sitzen mit dieser Ansicht im selben Boot wie alt Justizminister Blocher, der dies nach eigenen Worten getan hätte, damit dem Land Schweiz der "Mais" (Aufruhr) erspart geblieben wäre. Man stelle sich vor, es hätte sich hier um einen Wirtschaftsnobelpreisträger, welcher ganz nebenbei als Steuerbetrüger von Interpool gesucht wird, gehandelt, der zur Ehrung für sein Lebenswerk an das WEF in Davos eingeladen wurde? Sind die Kulturschaffenden da auch der Meinung, man hätte ihn warnen müssen? Vielleicht die Community der Bonzen ja, aber nicht die der Kulturschaffenden. Und dass die Justiz so weit vom BAK weg ist, ist doch eher beruhigend auch wenn es all den Verschwörungstheoretikern nicht in den Kram passt. Diese Haltung ist komplett schizoid.

A.F.G. : Was halten Sie von der Antwort des BAK Direktors in der NZZ am Sonntag, welche ihn fragte ob er von Polanskis Verfahren wegen sexueller Ausbeutung eines Kindes Kenntnis gehabt habe und was er darüber denke? Jauslin antwortete bloss: «Es liegt nicht in meinem Ermessen, dies zu beurteilen.»

K.C.B. : Ja, da hat er bewusst nur die weniger heikle Frage beantwortet. Ich gehe davon aus, dass er es nicht gewusst oder aber und da nehme ich mich nicht aus, verdrängt hatte oder gar vergessen hatte. Vor dreissig Jahren war die Boulevardpresse gerade mal mit Zeitungen wie Blick und Bild präsent. Diese Blätter wurden vom Bildungsbürgertum höchstens mit einer Pinzette in den Mülleimer gehoben. Insbesondere die Gratisblätter, welche täglich Kreti und Pleti mit Sensationen versorgen, fehlten damals in der Presselandschaft. Solche Fälle wurden damals auf wesentlich niedriger Flamme gekocht. Zudem war 68 noch in Reichweite und die ganz schlimmen Fälle von Übergriffen auf Kinder, welche die Sensibilität der Öffentlichkeit extrem verstärkt haben, lagen noch in der Zukunft. Jauslin hat recht, es ist nicht an ihm, darüber zu urteilen, es ist aber auch nicht an ihm, z.B. Polanski zu warnen oder dagegen zu sein, dass er nicht ausgeliefert wird oder wie Rolf Lissy gar zu behaupten, Polanski sei von der Dreizehnjährigen verführt worden. Vielleicht hätte er sagen können, wenn er von dem Fall gewusst hätte und wenn er gewusst hätte, dass ein internationaler Haftbefehl besteht, hätte er von Anfang an nicht zur Verfügung gestanden. Dass das Kulturministerium seine Kunden im Stich gelassen hat, wie Rolf Lissy erwähnte, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Aber Behörden sind oft hochsensible Bereiche, die andauernd von allen Seiten beobachtet und in die Pfanne gehauen werden. Da haben es die Kulturschaffenden schon einfacher, sie schalten und walten wie es ihnen gerade beliebt. Noch einmal, für mich ist es beruhigend, dass Demokratien wie die Schweiz nicht ein Polizei- und Geheimdienstnetz betreiben, welches alle Bereiche der Öffentlichkeit durchzieht und jeden hintersten Furz vernetzt registriert. Das wäre für mich als Kulturschaffender, als den ich mich auch verstehe, die schlimmste aller Vorstellungen. Im Übrigen hat auch die Behörde, die das Chalet in Gstaad bewilligte nur geprüft, ob nicht eine Verletzung der Lex Koller vorliege. Wenn also die Community es begrüssen würde, dass die Justiz enger mit der Kultur zusammenarbeiten sollte, da sollen sie sich doch mit der SVP zusammentun, das kommt dann sicher gut heraus.

A.F.G. : Was läuft denn falsch? Was ist in Gefahr?

K.C.B. : In Gefahr sind viele Dinge. Das alte “hier gut, hier böse“ Kino ist längst durch ein „die Welt ist ungerecht Kino“ abgelöst worden. Kulturschaffende verstehen sich als ethisch- moralische Instanz, welcher es aber auch vorbehalten ist, Grenzen auszuloten. Platt gesagt, auf der einen Seite sind die Spiessbürger, auf der anderen Seite die Künstler. Etwas abseits sind dann noch die Asozialen. Aber wie wir ja wissen, wird jeder Mythos nicht einfach aufgehoben, sondern durch einen neuen ersetzt. Haben Sie ernsthaft das Gefühl, dass das Kino von Tarantino und Co, unsere Welt besser macht?

A.F.G. : Das wird dieser wohl auch nicht anstreben, aber sie haben recht, in einem solchen Film hätte Polanski nach seiner Tat nicht den Gerichtssaal jedoch den Autopsiesaal der Gerichtsmedizin von innen gesehen. Aber wieso klafft die Welt so auseinander?

K.C.B. : Möglicherweise hat es damit zu tun, dass je komplexer die Welt wird, umso mehr falsche Sätze sind möglich oder anders gesagt, je komplexer die Welt wird, umso einfacher werden die Sätze der allgemeinen Kommunikation. Wir alle kennen die Sprachfalle, eine komplexe Frage nur mit JA oder NEIN beantworten zu dürfen. Also in unserem Fall heisst eine solche Frage: “Sind sie für oder gegen Polanski?“

A.F.G. : Also: “Sind sie für oder gegen Polanski?“

K.C.B. : Im Zweifelsfalle für den Angeklagten.

A.F.G. : Das heisst, Sie sind auf der Seite der Kulturschaffenden

K.C.B. : Nein, ganz klar NEIN, denn mein JA für Polanski meint nicht, dass seine Tat, verharmlost werden soll, sondern das Gegenteil ist angesagt. Ich bin der Meinung, dieses Problem gehört bewältigt und nicht verdrängt. Und was die von Ihrer Seite angesprochenen “Kulturschaffenden“ offensichtlich fordern, ist eine carte blanche. In Italien wird Berlusconi von der Linken in die Pfanne gehauen, weil er Prostituierte engagiert hat. Was sich für ein Staatsoberhaupt gehört und was nicht, darüber kann man geteilter Meinung sein, Fakt ist aber, die Damen waren allesamt volljährig und offensichtlich gut im Geschäft. Das Ausblenden der Opfersituation hat im Fall Polanski System. Die Berufung auf verjährt ebenfalls. Auch wenn im Fall Polanski das Opfer dem Täter vergeben hat, geschehen täglich weltweit solche Übergriffe. Weltweit stehen ebensolche Täter vor Richtern die im Moment wohl gespannt auf den Ausgang dieser Geschichte warten. Eine Verharmlosung des Falles, zu Gunsten des Idols, hat schwerwiegende Konsequenzen gerade z.B. auch für den Schweizer Film. Seine Stärke ist der engagierte Dokumentarfilm oder der dokumentarische Spielfilm. Will dieser glaubwürdig bleiben, so muss die Community auch, wie der Volksmund so schön sagt, in der Lage sein, vor der eigenen Türe den Dreck wegzukehren und das nicht unter den Teppich, ansonsten gibt sie ihre Legitimität auf und jeder Pornofilm wird wahrhafter.

A.F.G. : Sie sind also der Meinung von Peter Fonda, der Bastard muss in den Knast?

K.C.B. : Da sind Sie nicht auf dem neusten Stand, Fonda meinte Bin Laden und nicht Polanski.

Mir persönlich geht es nicht darum, dass Polanski nach dreissig Jahren eine Gefängnisstrafe absitzen muss. Die Strafe ist nur die eine Hälfte der Medaille. Ein moderner Strafvollzug hat die Resozialisierung im Auge und er ist hoffentlich durch diese Geschichte etwas auf den Teppich gekommen, also resozialisiert. Aber da ist meines Erachtens eine grosse Rechnung offen. Lesen Sie nur einmal, was Kinderschutzorganisationen dazu verlauten lassen, von wegen eine Dreizehnjährige hat freiwillig ihren Hintern einem 44 Jährigen hergehalten. In Anbetracht dessen, dass die ganzen Hollywoodleute von Harrison Ford über weiss der Geier wer alles nun für den armen Roman quäkt, 700 Prominente haben eine Petition zur Freilassung unterschrieben, hätte ich folgenden Vorschlag zu machen:

Die Community und Polanski spenden 100 Mio Dollar für die Folgen von Kindsmissbrauch in eine Opferhilfestiftung, dann können sie ihn meinetwegen an die nächste Party entlassen.

A.F.G. : 100Mio $ ist das nicht etwas hoch?

K.C.B. : Unter den Schreihälsen gibt es mehrere, die das locker alleine hinblättern können und sie bleiben immer noch weit reicher als wir beide zusammen. So ist z.B. Spielberg mit 3.1 Mia $ auf Platz 11 unter den reichsten 50 in Los Angeles. Er hätte dann nur noch 3.0 Mia $. Unter uns, echte Freundschaft sollte doch auch einen gewissen Preis haben. Aber lassen Sie mich noch folgendes zu den finanziellen Folgen von Kindsmissbrauch in unseren Gesellschaften sagen:

Sexuelle Gewalt an Kindern aber auch Vergewaltigungen hinterlassen oft Schäden, die das ganze Leben solcher Menschen und deren Angehörige beeinträchtigen oder gar zerstören. Der volkswirtschaftliche Schaden, der als Nebeneffekt von Tragödien dadurch entsteht ist weit über den 100Mio $, davon können Sie ausgehen. Solche Taten sind auch monetär nicht zu banalisieren. Wenn diese Tatsache im Fall Polanski nicht die schlecht möglichste Wendung genommen hat, bleibt immer noch der Tatbestand der versuchten Schädigung der Gesellschaft.

A.F.G. : Nun hört man ja auch, dass die Franzosen Strafantrag stellen könnten, so dass Polanski in Frankreich verurteilt würde und so weniger bekäme als in den USA.

K.C.B. : Sie meinen, die Mühlen des Gesetzes mahlen in Frankreich noch langsamer und unbeholfener als in Bundesbern? Verschonen Sie mich mit solchen Absurditäten. Die betroffenen Staaten müssten mit den USA einen Deal aushandeln, welcher in die Richtung einer Obergrenze des Strafmasses geht, welcher z.B. europäischen Durchschnittswerten entspricht. Kürzlich ging es ja in Grossbritannien um die Auslieferung des Pentagon-Hackers, welchem 60 Jahre Haft drohen, ein totaler Schwachsinn. Unter uns gesagt, in die USA bringen sie mich natürlich auch nie und nimmer hin. Trotzdem vermute ich, dass Polanski in den USA nie einsitzen wird und das auch ohne die 100Mio $ Stiftung. Im übrigen entdeckt auch Polen Polanski neu als Nationales Kulturgut. Sie wollen eine Allee nach ihm benennen, der Volksmund hat dann eine eigene Kinderschänderallee.

A.F.G. : Ich glaube, ich verstehe nun Ihre Position. Im Grunde steht Ihnen Polanski im Geiste näher, als z.B. Berlusconi. Sie werfen aber der Kulturgemeinde vor, auf dem linken Auge blind zu sein. Anders gesagt, Ihr Gegenpart ist gar nicht in erster Linie Polanski sondern die Kulturgemeinde.

K.C.B. : Als ich davon hörte, wusste ich sofort, was abgehen wird. Gerade, weil ich im Grunde das Drehbuch kannte, reagierte ich umgehend mit meiner Position. Im Normalfall finden Sie mich in deren Lager. Dieses Lager ist de Facto die selbsternannte Brigade gegen Unrecht und Machtmissbrauch. Die Kultur hält der Gesellschaft den Spiegel vor. Nun hat aber eine Taube auf den Spiegel geschissen und das Bild wird verzerrt. Mit Alderson gesprochen: Politik ist der Versuch aus allen Lebenslügen die richtige heraus zu finden. Ich bin mir da nicht mehr so sicher was die beiden von Ihnen angesprochenen Berlusconi und Polanski angeht, ich kenne sie schlicht und einfach zu wenig. Da die Kälte der bürgerlichen Subjektivität, erlauben Sie mir diesen Ausdruck von Adorno, längst auf das Kulturvölkchen übergeschwappt ist, denn ohne diese ist ein Mitmachen im neoliberalen Kulturbetrieb heute nicht mehr möglich, sehe ich leider die Grenzen verschwommen. Dies ist zutiefst traurig, aber gerade der Fall Polanski hat mir erneut die Augen geöffnet. Wenn Rechte wie Berlusconi den inneren Schweinehund offen nach aussen kehren, sind sie zwar Bösewichte, jedoch sind sie wahrhaftiger als Kulturschaffende die eine Leiche im Keller, oder einen Koffer mit doppeltem Boden mit sich herumschleppen. Ich selber gebe mir Mühe, weder rinks noch lechts zu jandeln, ich versuche mit Walter Mehrings Worten gesprochen politisch vertikal zu bleiben und ich fühle mich beschissen als Moralapostel, erst recht, wenn ich wie in diesem Fall ganz offensichtlich im falschen Lager sitze, aber was wird aus uns, wenn wir uns nicht mehr auf unseren Instinkt verlassen können?

A.F.G. : Was halten Sie von all den Sugardaddys, in der Kulturszene aber auch sonst in der Gesellschaft?

K.C.B. : Da die Frauen in diesen Fällen ja volljährig sind, ist es für mich eher eine Frage der Ästhetik und letztlich deren Problem. - Ich denke da an das Buch von François Gilot, einer der Frauen von Picasso, damals war sie 23 und er glaube ich war 62. Der Mythos, dass das Genie eine junge Muse braucht ist ebenso stereotyp und verklärt in der Gesellschaft verankert, wie der griechische Philosoph, der seine Bübchen brauchte um klar denken zu können. Wenn nicht eine Form von Vaterkomplex vorherrscht, könnte man sagen es findet bei den Frauen eine Güterabwägung statt. Die gleichwertigen Güter sind in diesen Fällen meist das Fallenlassen oder die Verklärung der eigenen Liebesvorstellungen zu Gunsten von Sicherheit aber auch sozialem Prestige und in der Kultur fast immer Karrierehurerei. Man nennt das Kind dann auch beim Namen, die oder der haben sich hochgeschlafen. Erheblich problematischer wird es beim Frauen-Import z.B. aus Thailand etc. Da wird auf dem Buckel der dritten Welt und somit aus der Armut dieser Leute, es ist meist die ganze Familie betroffen, Profit geschlagen. Hier im Westen wird dann gerne die Mähr herumgereicht, die Thailänderinnen seien eben ganz anders. Klar liebe Frau Grazi, während, im Westen die Mädchen beim Auftritt von Bill Kaulitz in Tränen ausbrechen oder die jungen Damen für Johnny Depp oder Brad Pitt schwärmen oder geschwärmt haben, fallen Thailänderinnen in Liebestaumel, bei Neckermannbierbäuchen und Glatzen und deren lächerlichen Versuchen keine mehr zu sein. Auch wenn in dem Buch von Roger Willemsen “Bankok noir“ ihn eine Thailänderin mit seiner «sehr westlichen Sicht» konfrontiert: «Für mich ist es nicht so intim, mit wem ich im Bett liege, als wer für mich sorgt, wer mich ernährt, wer bei mir bleibt...» Das mag ja sein und ist im Grunde sogar verständlich, könnte es aber nicht sein, dass hier aus der Not eine Tugend gemacht wird oder anders gesagt in der Not frisst der Teufel Fliegen.

Mir hat einmal vor über 30 Jahren bei Recherchen in Bankok eine 22 jährige Thailänderin die sich prostituieren musste, gesagt, sie sei froh, wenn ein Freier ebenfalls jung sei, sie müsse aber leider meist mit all diesen älteren Herren gehen, da sonst ihre Chefin sie bestrafen würde. Eine andere Frau hat mir erzählt, dass man sich auf die Thai-Männer nicht verlassen könne. Solche und andere Aussagen sind oft sehr schwierig zu verifizieren. Oft hat die kulturelle Unfreiheit, hervorgegangen aus Abhängigkeiten, eine lange Geschichte der Domestizierung hinter sich. Die globalen Medien tun das ihre hinzu, da werden Bedürfnisse geweckt die global wirken auch wenn die Werbung sich lokalen Gegebenheit anpasst will sie nichts anderes als dieselbe braune Sprudelbrühe verkaufen.

Die innere Ästhetik eines Gegenstandes ist für mich seine Stimmigkeit. Eine Güterabwägung ist ganz oft ein fauler Kompromiss. Und der reiche, junge, schöne, und trotzdem verwegene, intelligente, kreative, treue Superprinz ist leider Mangelware. Was ich beim besten Willen nicht verstehe ist, dass im Falle von Barbie nicht ein alter Fettwanst von Milliardär, gar einer, der kurz vor dem Abkratzen steht, im Rollstuhl vorzugsweise, von Mattel als Ken-Puppe in Szene gesetzt wurde, damit sich die kleinen Gören schon etwas besser auf all die Filmtycoons und Wirtschaftsbosse einstellen könnten. Das wäre doch im Sinne dieser ach so liberalen und freien Männerkulturwelt, in der Kulturmilliardäre und Wirtschaftsmilliardäre doch so ganz unterschiedliche Wesen sind, wie viele uns Glauben machen wollen.

A.F.G. : Haben Sie ein Schlusswort für uns?

K.C.B. : Ja, ich als alter Knabe blicke ich auf die Liebesgeschichten dieser unserer Welt zurück. Uns im Westen steigt die Zornesröte in den Kopf, wenn wir mitbekommen, dass irgendwo im fernen Osten zwölf-dreizehnjährige Mädchen, an alte Knacker verheiratet werden. Unsere Literatur, unsere Kultur kennt verschiedene Ansätze, was die Liebe und die Freiheit angeht. Da sind einmal Romeo und Julia. Da sind aber auch Lolita und ihr Professor. Da ist weiter 68 mit seinen Irrungen und Wirrungen. So notwendig in meinen Augen 68 war, viel Schwachsinniges ist im Namen der sexuellen Befreiung abgelaufen, denken wir nur an den “Guru“ der Kommune Friedrichshof, Otto Mühl. Und glauben Sie mir, in den Herzen junger Mädchen finden sie den Romeo aber auch den Wunsch die Schönste zu sein, vielleicht eben gar Fotomodell zu werden und so näher an Bill oder Johnny oder Brad heranzukommen und dies notabene auch in Thailand oder beinahe hätte ich gesagt auch am Nordpol. Im Stammhirn vieler alter Männer aber finden Sie Lolita. Im Film Léon der Profi, von Luc Besson, - warten Sie, ich habe es mir ausgedruckt aus Wikipedia: “Die zwölfjährige Mathilde entwickelt im Laufe des Films Gefühle für ihren seltsam unreifen Mentor und entwickelt ein Verhältnis zu ihm. Ihre Annäherungsversuche werden jedoch von Léon zurückgewiesen.“ Léon verhält sich also korrekt und hier hätte man von einer echten Verführung durch die Kleine sprechen können, nun das Drehbuch ist sinnigerweise von Besson, einem Mann. Braucht es den seltsam unreifen Mann um verbotenen Früchten zu widerstehen? Das Coming of Age wie im englischen dieser Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen genannt wird, ist eine heikle Phase im Leben eines Menschen. In diesem Alter ist die Wahrscheinlichkeit für Drogen- bzw. Alkoholmissbrauch oder Geistesprobleme wie Schizophrenie, Identitätsdiffusion, Essstörungen und depressive Tiefstände statistisch höher. Die emotionale Instabilität unter einigen Jugendlichen verursacht manchmal auch Jugendkriminalität, oder leichtsinniges Gruppenverhalten bis hin zu Selbstmordgedanken.

Der Schutz, den die Gesellschaft hier vorsieht ist also berechtigt, auch was Filme und Computerspiele angeht oder angehen würde. So werden einerseits Jugendstraftäter milder be- und verurteilt als Erwachsene, aber eben auch sexuelle Übergriffe an Jugendlichen durch Erwachsene stärker geahndet. Eine Verwässerung oder Versuche der Aufweichung dieses Komplexes nach beiden Seiten stellen wir immer wieder fest. Es gibt nicht nur den Warenfetisch Kunst, es gibt auch den Warenfetisch oder besser die Ware Sexualität. Die Bereiche sind seelenverwandt weil wir sie lieber sauber halten möchten. Unser Wirtschaftssystem trägt wie wir wissen stark patriarchale Züge der Macht. Das menschliche Männchen wird nicht primär an seiner Federpracht, ausgenommen Indianerhäuptlinge, gemessen, es wird an seinem sozialen Status gemessen. Alphatiere bauen diesen Status auf um die sexuelle und soziale Vorherrschaft in ihrer Gruppe zu erreichen. Menschliche Alphatiere die zudem eine psychische Disposition aufweisen, was leider häufig der Fall ist, neigen zu solchen Übergriffen. Sexuelle Übergriffe sind nicht einfach Verfehlungen welche in unglücklichen Momenten überhöhter Lust erfolgen, wie uns das Rolf Lissy im Fall Polanski wahrmachen wollte, ich tendiere eher auf eine gestörte Persönlichkeit und ein forensisches Gutachten hätte vielleicht zu mildernden Umständen geführt. Das ist nun allerdings nicht mehr nachzuvollziehen. Wie auch immer, Kindsmissbrauch ist ein sehr schweres Vergehen, schon Freud hat davor gewarnt: Kinder, die sexuell stimuliert werden, sind nicht mehr erziehungsfähig. Die Zerstörung der Scham bewirkt eine Enthemmung auf allen Gebieten.

A.F.G. : Entschuldigen Sie, wenn ich Ihr Schlusswort ergänze, aber dazu hab ich heute morgen auch noch folgendes gelesen, habe leider die Quellenangabe nicht richtig zuordnen können, es war glaube ich aus dem Spiegel. Da schreibt jemand zu dem Freud Satz: “Aber was an der Hemmung ist Unterdrückung, was an der Enthemmung ist Freiheit ? Die Enthemmung wendet sich vor allem gegen die Autoritäten, wie sie Lacan in seinen Überlegungen zum Über Ich, zur Instanz, wie er es nennt, definiert. Die Religion, die immer schon über die Sexualität zu herrschen trachtete, den Staat, die militärische Gewalt, die Justiz, Schule etc

K.C.B. : Das ist wohl richtig, aber Lacan hat sicher nicht als Allerweltsmittel zur Aufzucht von zivilem Ungehorsam, die Deflorierung oder gar Analpenetration kleiner Mädchen vorgesehen.

A.F.G. : Das wird dann wohl so sein, besten Dank für das Interview.

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1. Das Objekt klein a (fr. objet petit a) oder der kleine andere ist ein zentraler Bestandteil des Psychischen in der Theorie Jacques Lacans. Es ist nicht zu verwechseln mit „A“, dem „großen Anderen“. Mit Objekt klein a wird ein Objekt des Begehrens, also ein (in Freudscher Terminologie) „libidinös besetztes“ Objekt bezeichnet, das jedoch wesenhaft unerreichbar ist.

2. Der große Andere ist ein Begriff der Lacan'schen Psychoanalyse. Der große Andere („A“) ist im Unterschied zum „kleinen anderen“ (Objekt klein a) ein Konzept der Alterität und Andersheit. Der große Andere ist das Andere des Subjekts, das Nicht-Ich, das dieses Subjekt jedoch immer schon strukturiert und ausrichtet. So muss „der Andere als der Ort [verstanden werden], an dem das Ich, das spricht, sich konstituiert.“