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19. Oktober. 2008

Im Blumenbeet des eigenen Feindbildes

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Die Deutsche im Dorf (ein Roman von Lukas Hartmann)

Rezension Margarethe Harnischmacher

Frau Görres hatte auch die Gerüche im Dorf verändert. Nachdem ich ihr nahegekommen war, schien sich in alles, was ich im Umkreis der Villa roch, eine Spur ihres säuerlichen, von Lavendel überlagerten Körpergeruchs hineinzumischen, die die Nähe von Hunden ahnen liess, es war, als hätte sich eine vielfach abgestufte Helligkeit, die mir immer selbstverständlich gewesen war, durchgehend getrübt; etwas Unerklärliches war geschehen, in einer Tiefe, die ich vorher nicht gekannt hatte, in einer Tiefe, die mörderisch war .

Mehrere Gründe bewegten mich, den Roman “Die Deutsche im Dorf“ von Lukas Hartmann, ein paar Jahre nach seinem Erscheinen, zu besprechen. Einer der Gründe ist sicher, dass mir als Städterin, die heute in einem Dorf auf dem Land lebt, vieles bekannt vorkommt; ein anderer Grund mag sein, dass meine Grossmutter auch eine gebürtige Deutsche in einem Schweizerdorf war.

Nicht die spannende Story steht für mich im Vordergrund, vielmehr ist es der Ausflug in die Seelenwelten provinzieller Engstirnigkeiten, die 1967 nicht nur auf dem Lande, aber dort erst recht vorherrschten und bis heute den Nährboden für Intoleranz und xenophobes Verhalten sind. Hartmann, oder besser seine Dörfler, sind Meister in Sachen Anspielungen.

Während meiner Lektüre des Buches trat in Kärnten der Rechtspopulist Jörg Haider vor seinen Schöpfer. Mit 140 Sachen und 1,8 Promille im Blut, hat der Landeshauptmann das 50km/h Schild der Ortschaft Lambichel umgefahren und ist dabei umgekommen. Er, der einmal gesagt hat, - den Künstlern soll der Staat kein “Göld“ geben, die bringen es ja eh nur dem Branntweiner, - hat wohl immer gern Wasser gepredigt und selber lieber Wein getrunken. Ohne dass seine Anhänger es wahrhaben wollen, finden wir ihn, um die Terminologie der SVP zu bemühen, unter den “schwarzen Schafen“, den Delinquenten aus dem Süden, den “Kosovo-Rasern“, wieder. So schnell landet man im Blumenbeet des eigenen Feindbildes. Die Art und Weise wie Österreich mit dem Abgang dieses “Lausbuben“ umgeht, ist gelinde gesagt unerträglich, aber irgendwie auch österreichisch.

Das Fremde beginnt vor, oder sogar hinter der eigenen Haustüre und bedarf im Grunde nicht des Ausländers. Dieser bietet sich immer dann an, wenn es darum geht, den nationalen, regionalen, oder gar familiären Gruppen-Mythos zu zelebrieren und zu schützen. Familiäre oder dörfliche Fehden, die dem Frieden zuliebe unter dem Deckel gehalten werden, die Kirche muss bekanntlich im Dorfe bleiben, suchen sich wie das Wasser einen Abfluss, oder wie der Dampf im Kessel, ein Ventil. Das Versickern des schmutzigen Wassers kommt dem internen Klatsch, dem Tratsch gleich, während sich die Ventilwirkung dem Externen, dem vermeintlich wirklich Fremden zukehrt. Neid und Missgunst tritt immer da zu Tage, wo der eigene Mangel, das eigene Zu-kurz-gekommen-sein, als Verletzung infektiös wird. Der Katalysator des Faschistoiden ist allem voran der Minderwertigkeitskomplex.

Im Buch von Lukas Hartmann litten die drei Protagonisten unter der Intoleranz ihrer Eltern, was den Umgang untereinander anging. Die Buben Simon, Christian und Otto versuchten diese Umgangsverbote und sozialen Hierarchien in einem höheren Ziel aufzulösen, zu “unterlaufen“. Ihr abstruses Unternehmen würde sie letztendlich als Helden aus der (Welt-) Geschichte hervorgehen lassen, welches, sollte es gelingen, die Fehleinschätzungen der Eltern gewinnbringend hätte korrigieren lassen. Das gemeinsame Ziel macht die Jugendlichen zu Ihresgleichen, zu Gleichen. Aus der gemeinsamen Idee wird eine (Untergrunds-) Bewegung. Der Zweck heiligt dann jegliche Mittel. In der Geschichte erleben wir die Dialektik zwischen dem personifizierten Bösen, das es zu entlarven gilt, indem “die Guten“, legitim in der Maske des Bösen auftreten. Vielleicht trägt die Ideologie immer schon infantile Züge, deren Zeichen jugendlicher Tatendrang zwischen den Zeilen der Erwachsenenwelt aufsammelt.

Der Leser erfährt die Welt aus der Sicht des sich erinnernden Ich Erzählers, dem Lehrersohn Simon, der sich zum Zeitpunkt des Geschehens am Anfang der Pubertät befindet. Aber auch aus der Gegenwartsperspektive, in welcher der Ich-Erzähler und Berufsmusiker Simon Wegmüller, in seine eigene Vergangenheit abtaucht, um im Berlin unserer Tage mehr über Frau Görres, dem Opfer seines jugendlichen Wahns, den er mit seinen Kumpanen teilte, zu erfahren.

Bei Frau Stucki, der Witwe des Dorfarztes, einer vor dem zweiten Weltkrieg eingebürgerten Deutschen, zieht eines Tages die geheimnisvolle, schwarz gekleidete Frau Görres, ebenfalls eine Deutsche, ein. Schon bald lässt der Autor durchblicken, dass hinter der Maskerade von Frau Görres ein Mann stecken könnte. Christian, der Sohn des Posthalters, glaubt, nachdem die drei Buben im Kino Erwin Leisers Film über die Nazizeit, „Mein Kampf“, gesehen hatten, in der Physiognomie der Frau Görres den alten Hitler zu erkennen. Noch heute geistern Verschwörungstheorien, die den Suizid Hitlers anzweifeln, im Internet herum. Christian überzeugt seine Kumpane davon, dass die Welt, sobald eindeutige Beweise vorlägen, von dieser Ungeheuerlichkeit Kenntnis haben müsse. In der Folge nehmen die Geschehnisse ihren unabdingbaren Lauf.

Hartmann liefert dem Leser drei Täter und einen Mitwisser, die alle anders mit ihrer Schuld, nämlich einen Menschen so misshandelt zu haben, dass er an den Folgen der Verletzungen verstarb, umzugehen wissen.

Das Buch beginnt mit dem Satz: Vor Jahren, als ich noch ein halbes Kind war, haben wir zu dritt einen Menschen in den Tod getrieben.

Es endet mit dem Ansinnen des Berufsmusikers Wegmüller, welcher sich geplagt von Gewissensbissen, nachdem sein Leben nicht ganz so glücklich verlaufen ist, Rechenschaft ablegen will und sich seiner frühen Schuld, die ihn bedrängt, stellt. Er will aber nicht allein büssen.

Den einen, den sozial eher geächteten Matcho Otto, entlässt Hartmann durch einen Motorradunfall mit tödlichem Verlauf aus der Verantwortung, den Mitwisser schickt er nach Kanada. Bleibt nur der intellektuelle Rädelsführer Christian, die latente Knabenliebe des Ich-Erzählers und sein späterer Schwager, der wie er, geschieden ist. Christian, der als Unternehmer zu Vermögen gekommen ist, geniesst sein Leben, auf einem Anwesen am Murtensee, mit immer jünger werdenden Freundinnen. Simon Wegmüller erhofft sich, sein Schreiben an Christian würde den ehemaligen Freund dazu bewegen, mit ihm die Schuld zu teilen. Zitat: …. dass er (Christian) sich zur gemeinsamen Schuld bekennen liess….

Stattdessen erhält Simon die Unterlagen seiner Ermittlungen “schnodrig“ verpackt zurück, mit einem Schreiben, in dem Christian ihm die alleinige Schuld für den, Zitat: …pubertären Bubenstreich … zuschiebt. Sein politisches Denkmuster, sein Profil, ist ganz zu dem eines rechtsbürgerlichen Unternehmers mutiert. Obschon Christian schon bei der Tat als brutaler Aktionist hervorging, hat Hartmann hier vielleicht etwas zu dick aufgetragen. Die buchstäbliche Verarschlochung des ehemaligen Busenfreundes, Junghistorikers und Klarinettenspielers ist möglicherweise unnötig überhöht; plausibler wäre vielleicht gewesen, wenn Hartmann ihn als ignoranten, abgeklärten genussüchtigen Egoisten, welcher immun gegen Gewissensbisse, das Ganze als unglücklichen Jugendstreich abtuend, hätte stehen lassen. Bewältigung durch Verdrängung und “Zumüllung“. Frei nach dem Motto, was machst du dir das Leben unnötig schwer, schon möglich, dass die Görres ein Opfer der Nazis war, aber das können wir auch nicht ändern. Und als postmoderne Variante und billige Entschuldigung einer möglichen Christian-Position, der Verlust der studentischen 68er Gutmenschen Mythen von Mao über Stalin bis hin zu den Bush's, das nihilistische Credo betend: Es sind ja eh alle korrupt, ob links oder rechts, ob Biedermann oder Brandstifter. Ein moderner Christian der allgemeinen Unverbindlichkeiten, ein Zahn aus dem lückenlosen Gebiss der breiten Massen, blendend weiss, ein “uniformes Individuum“ für das Zivilcourage ein Fremdwort geworden ist, oder es im Grunde immer schon war.

Wie eine menschenleere Landschaft liegt das auftrittsfreie Wochenende vor mir. So beginnt das allerletzte Kapitel des Romans.

Berührend und zugleich unendlich traurig ist am Ende der “grossen Erzählungen“, der Gang Simons zu der Schwester ins Heim. Der von seinen Mitmenschen zutiefst enttäuschte Wegmüller ersehnt sich plötzlich den sabbernden, dicken Jungen, den er in jungen Jahren im Heim antraf und dessen feuchte Hände ihm damals äusserst lästig waren und die er nur ertrug, weil der Vater sonst sein Verhalten missbilligt hätte, herbei. Hier, bei den an den Rand gestellten, hier bei denen, die die Nazis dem Euthanasieprogramm zuführten, hier beim “unwerten Leben“, findet Simon nach Hause zu seiner Familie, der Familie der Menschen. Die geistige Behinderung der Schwester (Down Syndrom), wird für ihn und den mitbetroffenen Leser zum letzten Zufluchtsort. Selig sind die geistig Armen, denn (bei) ihnen ist das Himmelreich.

Mag sein, dass Stellen wo die drei Jungs zusammenkommen, jugendbuchartig anklingen (Rezension F. Lerch, WOZ), aber wie denn? Emil und die Detektive, oder die drei Fragezeichen? Mich erinnerte die Geschichte eher an Jugend ohne Gott von Horvath, aber das ist alles schon so lange her.

Das Buch ist in einem schlichten Erzählstil gehalten und der Leser erfährt einiges über das Landleben, über nasse Dahlienstauden, das gefleckte Knabenkraut, über Menschen und ihre Gerüche und Gepflogenheiten, über pubertäre Sexualität und elterliche Verklemmtheit. Dies alles, ohne unnötig enzyklopädisch auszuufern, eine passend ausgewogene Dosis Dorfschulmeister eben. Hartmann tangiert aber auch ein Kapitel der Holocaustgeschichte, das oft eher überschattet vom Schicksal der Juden, im Hintergrund stehen bleibt. Auf dem Land ist das Thema Homosexualität immer noch weitgehend tabu, aber auch in vielen rückständigen Köpfen anderswo.

Wie schon oben erwähnt, das Buch lebt nicht vom Plot, es lebt von der Atmosphäre im Dorf und wer diese nicht selber kennt, dem kommt sie wohl fremd vor, für den sind Dörfler vielleicht nur Hinterwäldler, so wie die Städter, die auf das Land ziehen, für die Dörfler oft „zuechezognigs Pack“ sind. Bei Hartmann hat man das Gefühl, er kennt das was er da beschreibt auch aus seinem eigenen “Chuttebuesä“. Vielleicht war er auch anwesend damals, vielleicht im Nachbardorf, wer weiss? Ich jedenfalls - war irgendwie in der Nähe.