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16.12.2016

Die Million

Dr. Anna Felizitas Grazi

Ann Hamilton 1989 - Privation and Excesses

Anna Felizitas Grazi spricht mit dem sehnaher Künstler HUS über ein Projekt, das nur virtuell stattgefunden hat, wie man heute sagen würde. Zum Anlass nehmen wir den Brief von Harald Szeemann an HUS. Hier die Transkription:

Tegna 16.8.86

Sehr geehrter Herr Siegenthaler,

Ich beantworte prinzipiell alles und schmeisse nichts weg. Also auch dieses Ihres nicht.

Was mich an Ihrer Skulptur primär stört, ist die Rückführung auf die Materialfrage, nachdem ich seit Jahren das Primat der Intension predige (nicht als Papst, sondern als überzeugter lediglich). Weil gerade die formulierte Intension das enthält, was dann auf die Dauer den Wert – meist nicht den Geldwert – ausmacht, den Sie nun radikal einseitig avisieren. Das Geheimnis ist das Unmessbare, das leider bewertet wird. Nicht das Geld ist das Mysterium, das zu Kunst werden kann. Es gibt subversives Umgehen mit Geld, z.B. im Juni 1986 durch Panamarenko, der 1 Mio $ in einem Vogelkäfig präsentierte, ni emis „chambre d’ami“ in Gent. Waren es richtige, falsche. War es des Künstlers Geld, oder Falschgeld? Wenn ersteres zutraf, dann hat er in der Bankensprache gespart. Ich bin erstaunt, dass die Banken Ihnen nicht dazu geraten haben.

Kurz und gut: Der Holzfäller (Hodler) musste gross sein, Hellwein ist miserabel und Ihre Idee ist nicht Kunst, höchstens die Intention eines geschmolzenen oder auch sonstwie zusammengekommenen Ersparten, das allenfalls eine Million Fränkli ist – nicht mehr und nicht weniger.

So das genügt

Beste Grüsse

Harald Szeemann

*Original jpg am Schluss des Interviews

Interview Anna Felizitas Grazi mit HUS:

AFG: Diesen Brief hast Du damals von Harald Szeemann erhalten. Wie ist der Inhalt bei Dir angekommen?

HUS: (Lacht) Natürlich voll in den falschen Hals.

AFG: Warum?

HUS: Nun, nicht weil das falsch ist, was Harry da in Sachen Kunst sagt, “die formulierte Intension“ war im Grunde gegeben. Klar habe ich das “Material“ damals in meinem Brief in den Vordergrund gerückt. Schliesslich waren bereits Briefe an die Grossbanken vorausgegangen. Diese haben mir geschrieben, ohne meine Idee in Zweifel zu ziehen, aber ihre Kunstförderung hätte nichts mit der Geldwirtschaft zu tun. Ich wollte das Geld temporär leihen, mit Zinsen wie es sich gehört. Das Problem war der Aufwand, die Logistik, die eine Million Münzen mit sich brachten. Ich wollte ihn um Hilfe bitten, mir bei der Beschaffung „des Materials“ wie ich schrieb, behilflich zu sein. Sein Renommee als Ausstellungsmacher hätte sicher Wirkung gezeigt.

AFG: Was war denn die Intension, die Du formulieren wolltest?

HUS: Ich malte damals nur Striche auf Leinwand. Das war so etwas wie die Zeit, die ich da malte. So wie Gefangene im Knast, die die Tage an die Wand malen, habe ich im Sekundentakt Striche gemalt. Einmal, als ich mit meiner Frau darüber sprach, erwähnte ich auch, dass ich Mengen malte, abstrakte Mengen. Ich nannte diese damals Anonyme. Da war es ihre Idee, ich solle doch einmal 1 Million Frankenstücke ausstellen, das wäre doch eine Menge, die das Interesse auf sich ziehen würde. Zuerst war mir der Gedanke total zu wider. Erstens, weil es nicht meine eigene Idee war und zweitens, weil so etwas für mich irgendwie abstossend war. Abstossend und faszinierend zu gleich, wie ich dann zunehmend feststellte.

AFG: Hattest Du denn über die Form der Präsentation bereits gesprochen?

HUS: Ja, wir haben natürlich diskutiert und es war klar, das „Werk“ sollte in der Mitte z.B. des grossen Saales der Kunsthalle Bern am Boden aufgehäuft werden. Eine Kordel darum herum und zwei Securitaswächter. Das war in etwa die formale Ausstattung.

AFG: Und was war die Intension?

HUS: Schon bald kam mir der Tanz um das goldene Kalb in den Sinn. Ich formulierte diesen Tanz zum eigentlichen Kunstwerk. Der Besucher sollte Teil des Werkes werden. Das habe ich dem Szeemann in dieser Form eventuell zu wenig beschrieben, weil ich das als selbstverständlich angesehen hatte. Stattdessen habe ich den blöden Satz geschrieben: “Kunst wird = Geld sein“. Das als Intention war natürlich ein Affront gegen alles was ihm wohl heilig war damals.

AFG: Dabei war das gar nicht so abwegig, wenn man bedenkt was heute in den Safes der Banken an Spekulationskunst herumliegt und Kunsthistoriker so etwas wie Investment Banker werden.

AFG: Du hast dann auch kurz telefonisch mit Gerhard Johann Lischka gesprochen, was hat er Dir geraten?

HUS: Er hat nur gesagt, ach typisch der Harry, man muss auf sich selber hören und davon überzeugt sein, dass das richtig ist was man macht.

AFG: Ist es nach wie vor Deine Meinung, dass Geld und Kunst identisch sind?

HUS: Ach das war doch schon damals nur als Provokation gedacht. Heute sieht man vieles anders. Die 1:1 Formel ist natürlich nach wie vor subversiv. Duchamp hat ja auch eher sogenannte gestützte Ready Mades gemacht und Distel hat z.B. den Flaschentrockner zurück in den Alltag gebracht, also entkunstet, als Gegenbewegung. Kunst ist demnach vermehrt in der Bewegung, im Prozess anwesend. Man weiss aber auch nicht erst seit heute, dass das alles in einer “Blase“ stattfindet.

AFG: Was bedeutet die Anspielung auf den Holzfäller und Helnwein?

HUS: In meinem Brief, der wirklich etwas wirr war, sprach ich unter anderem Formate an. Wann muss etwas gross sein und warum. Ich bin seiner Meinung, der Holzfäller muss gross sein. Helnwein habe ich in einem Satz untergebracht im Sinne wie „Der Kunst die Hosen herunterlassen, wie das Bild der Frau auf dem Stuhl, mit heruntergelassener Unterhose.

AFG: Und da schreibt er Helnwein ist miserabel?

HUS: Ja, blau auf weiss. Für ihn muss der Helnwein ein Schreckgespenst gewesen sein, daher der Name „Hellwein“. Miserabel ist wohl schlimmer als schlecht und die blosse Erwähnung dieses Namens hat mich wohl in die falsche Ecke geschleudert. Ich denke er hatte recht mit der Aussage, aber darauf müssen wir nicht weiter eingehen.

AFG: Das Projekt ist ja dann gescheitert, besser gesagt, nicht zu Stande gekommen. Beschäftigt Dich das heute noch?

HUS: Indirekt schon. Nicht weil es nicht ausgeführt wurde. Im Berner Kunstmuseum befindet sich eine Kiste von Donald Judd. Diese wurde in der Schweiz nach Bauplänen angefertigt. Judd hat sie später inspiziert und man musste sie noch einmal anfertigen, da er nicht zufrieden war mit dem Ergebnis. Ich Hatte den Plan auch und bin nicht zufrieden mit dem Ergebnis, so what?

AFG: Nun bist Du kürzlich auf eine Arbeit von Ann Hamilton gestossen. Im Capp Street Project hat Ann Hamilton, 1989 folgendes ausgestellt, ich zitiere aus Wikipedia: In Privation and Excesses, Hamilton used 700,000 pennies, among other materials, to create a poetic exploration of systems and mediums of exchange. The installation was featured on the cover of Artforum, a career-making event for the artist.[7]

a career-making event! Was geht Dir da durch den Kopf?

HUS: Vorweg. Hamilton hat noch etwas "Zugemüse" ausgestellt. Schafe, Zähne, Mörtel etc. Aber man sieht, da lag etwas in der Luft das ans Licht wollte. Ich persöhnlich mag ihr Werk "Indigo blue" viel lieber. Die Kleider der Worker sprechen für sich. Ja so ist das in der Welt der Kunst, es braucht offenbar diese career-making-events. Den Turbokapitalismus hat dieses Werk auch nicht verhindern können. Ich denke, nach Bourdieu bin ich ein stolzer Besitzer eines kulturellen Vermögens. Der Brief von Szeemann zeigt, dass die Idee, die Idee meiner Frau notabene, bereits 1986 verbrieft wurde. In der Vorstellung hatten wir uns damals ausgemalt, wie Leute, die sonst nie in die Kunsthalle gehen würden, plötzlich dort anzutreffen gewesen wären. “In der Kunsthalle Bern wird zum ersten Mal eine richtige, eine echte Million gezeigt, die Million an sich“. Damals war die Million, der Millionär noch das Symbol für wahren Reichtum.

AFG: Im Zuge der Expo 2002 hat Szeemann dann einen eigenen Event “Geld und Geist“ im Auftrag der Nationalbank durchführen dürfen. Was ist Dir dabei durch den Kopf gegangen?

HUS: Nun ich war schon etwas erstaunt. Gerade er, der mich zum Sparen aufgefordert hat, tritt nun als Schredderguru auf und kriegt die Moneten sogar zum Frass vorgeworfen. Ich lag demnach richtig in Sachen Renommee. Ich denke unsere Installation wäre viel puristischer, kälter und letztlich poetischer gewesen und hätte den Nerv besser getroffen, als dieser ganze Hokuspokus an der Expo. Die geschwätzigen Fränkler hingelegt wie ein Steinkreis von Richard Long. Askese und Tumult in einem.

AFG: Du hast ja in der Folge die DGGH1 gebaut, eine Junggesellenmaschine, die Preisbilder produziert. Ölgemälde, die gleichzeitig Preisschilder sind. Wir haben DGGH1 schon ausführlich besprochen in Berenanews.

HUS: Ja DGGH1 ist nach wie vor eines meiner Hauptwerke. Man muss wissen, das war die Zeit, als Francis Fukuyama das Ende der Geschichte proklamierte. Nach dem Fall der Berliner Mauer hat der Kapitalismus gesiegt. Fukuyama kommt inzwischen aus der Korrekturphase seiner eigenen Ideen fast nicht mehr heraus. Heute sind die Milliardäre die Millionäre von gestern und die Geschichte erfindet sich immer neu und fällt zuweilen hinter sich selber zurück.

AFG: Was ist Deine eigene Einstellung zu Geld und Reichtum.

HUS: Ich hätte genügend Ideen um mit Geld etwas anzufangen, es könnte aber durchaus sein, dass ich dann zu wenig Zeit hätte um das alles umzusetzen. Es mag eine Plattitüde sein wenn ich sage, Gesundheit, Zeit Ideen und Geld müssen sich die Waage halten, das nenne ich dann Reichtum. K. C. Broom hat einmal gesagt: Der Tod ist das Schlimmste was den Reichen erwartet, er muss sein Vermögen zurück lassen und ist obendrauf zu fett um durch ein Nadelöhr zu kriechen, da kann er sich noch lange schlank golfen. Und um noch einmal auf Bourdieu und das kulturelle Kapital zurück zu kommen. Die Ullysses gelesen zu haben entspricht ca. 1,2 Millionen Franken, Finnegans Wake jedoch eine satte Milliarde.

AFG: Danke für Deine Ausführungen, aber ich bin beim Finnegan Joyce Monster mit 50‘000 Euro auf der Strecke geblieben.

HUS: Ich danke Dir.