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8. Okt. 2007

E.1027, Opfer der Bedeutsamkeit

Eileen Gray und Jean Badovici (Grafik Berena News)

Bedeutsame Malereien auf unbestimmten Wänden

Anna F. Grazi

„Une maison charmante!", begeistert sich Le Corbusier, „pleine de sens architectural", mit viel Sinn für Architektur. Eileen Gray, den meisten nur bekannt als Designerin des berühmten Tischchens mit der rätselhaften Bezeichnung E.1027. Wenige wissen, dass zu dem Tischchen noch ein Haus mit demselben Namen gehört. Die Villa E.1027, auch genannt “maison au Bord de mer“, errichtet Eileen Gray zwischen 1926 und 1929 in Roquebrune an der Französischen Riviera für sich und ihren damaligen Lebenspartner Jean Badovici. Badovici, selber Architekt, steht der Partnerin mit seinem technischen Wissen zur Seite und ermuntert sie zu dem Bauvorhaben.

Eileen Gray hat den Pariser Freund Le Corbusier nach Roquebrune eingeladen, damit er ihre Villa begutachtet. Le Corbusier hat sich sofort in den Ort, die Landschaft aber auch in das Haus verliebt und ist in der Folge ein häufiger Gast in E.1027.

Eileen beruft sich bei der Konzeption des Hauses nicht auf den allerseits gepriesenen offenen Grundriss, den sie selber als “Camping Stil“ bezeichnet. Sie versteht ein Haus als Hülle für die darin wohnenden Menschen, die sich bei Bedarf jederzeit in einen ihnen entsprechenden Raum zurückziehen können. Grays Kritik richtet sich speziell gegen den Universalismus der Maschinenkultur, der von einem identischen Menschen ausgeht und setzt ihm entgegen, dass Architektur „Seele und Individualität“ der Menschen zu berücksichtigen habe, dass also Architektur die Funktion habe, den „Bedürfnissen des Individuums Rechnung zu tragen“. Sie entwirft denn auch diesem Leitgedanken folgend die gesamte Inneneinrichtung. Das Beistelltischchen E.1027 entsteht, als ihre Schwester zu Besuch ist und krankheitshalber das Bett hüten muss. Schiebt man das runde Fussrohr unter das Bett, hängt das gläserne Tischblatt über die Bettkante hinein. Auf diese Ablage serviert Gray ihrer Patientin das Frühstück. Da Betten unterschiedlich hoch sind, konstruiert sie das Tischchen in der Höhe verstellbar.

Die Wände des Hauses sind nur spärlich bedeckt, sind weiss. Das Ganze ist angelegt, wie ein Gesamtkunstwerk. Ein Haus für Leute, ein Haus für ihre Möbel. Die meisten Möbel bleiben Einzelstücke, Experimente und Teil der innenarchitektonischen Gesamtkonzeption des Hauses.

Der Humor der Designerin kommt in vielen kleinen Details zum Vorschein. Inschriften in Schabloneschrift verwiesen auf die Funktionsweise von Schränken und Regalen. Aber auch auf Wände schrieb sie mit Schablonen Sätze wie: "Défense de rire" oder auf eine Landkarte "Invitation au voyage".

Als Gray sich von Badovici trennt, überlässt sie ihm das Haus. Le Corbusier ist immer öfter zu Gast, bis er die Villa buchstäblich für sich besetzt. Er überzeugt Badovici acht der weissen Wände, die er früher mit Überzeugung bewunderte, von ihm mit farbigen Wandgemälden übermalen zu lassen.

Aus langweiligen, traurigen Mauern würden sie herausbrechen, dort eben, wo nichts geschieht, berichtet Le Corbusier später stolz. Bedeutsame Malereien auf unbestimmten Wänden.

LC ignoriert nicht nur die Tatsache, dass es so etwas wie den umgekehrten Ikonoklasmus gibt, die Zerstörung von konzeptionell weissen Flächen durch farbige Malerei. LC ignoriert vor allem ohne jeglichen Respekt die Intensionen der Kollegin. Man stelle sich vor, der ebenso bedeutende und mit Sendungsbewustsein ausgestattete Beuys hätte den Einfall gehabt, den Innenraum von Notre-Dame-du-Haut in Ronchamps mit etwas Fettecken anzureichern, um der Kirche etwas mehr Bedeutung zu geben. - Hätte sich da unser Stararchitekt nicht mit Getöse im Grabe umgedreht?


Die Grayschen weissen Wände sind Opfer der Bedeutsamkeit geworden. Heute nennt man das auch Artcrime. Sprayer suchen sich unbestimmte Wände aus, um ihre bedeutenden Zeichen der Zeit zu hinterlassen. Dadurch, dass sie sich in die Illegalität begeben, sind sie auf sich alleine gestellt und geben sich so die Bedeutung selber. Sie werden aber auch getragen von ihrem geschlossenen Hip-Hop-System. In ihm ist das Sprayen ein hohe Kunstform und somit bedeutend. LC war damals für die Kunstwelt bereits ein Faktum und seine Malerei hatte darin die entsprechende Bedeutung. Heute weiss man, dass solche Bezugsysteme keinen objektiven Mittelpunkt mehr haben. Sicher ist, dass wenn ein System in einem offenen Markt eingebunden ist, der Geldwert, welcher primär aus der Nachfrage entsteht, massgebend ist. Bedeutung ist also dann bedeutend, wenn sie in Bares umgemünzt werden kann. Das übermalte Weiss nun wieder mit einem neuen Weiss zu übermalen, käme der Zerstörung eines verbrieften Wertes gleich. Wer indoktriniert ist vom gängigen Kunstbetrieb, für den ist ein Le Corbusier ein “objektiver“ Wert, sowohl geldmässig als auch ideell. Der Geldwert ist jedoch System übergreifend und stösst auch bei nicht Kunstliebhabern auf Interesse. Letztendlich ist es aber dasselbe wie ein durch Rubens übermalter da Vinci. Will man den da Vinci zurück ist der Rubens futsch, ein unvermeidbares Dilemma. Der Sehnaher Kunsthistoriker Bertheim nennt solche Werke Kuckucksmalereien. Le Corbusier nennt er einen Brutschmarotzer.

Das Problem beim Kuckuck ist nicht der junge Kuckuck, das Problem ist, dass er die falschen/richtigen Geschwister aus dem Nest stösst und das ganze Futter für sich beansprucht. Das Nest ist E.1027, das Haus. Die Bilder von LC sind Kuckuckseier. Zerstört sollen nicht die weissen Wände werden sondern das ursprüngliche Gelege, das ganze Nest. Die schwache Variante wäre ein Zupflastern der Wände mit Bildern von LC (Öl auf auf Leinwand) gewesen, aber hier ging es ganz offensichtlich um weit mehr. Das Haus wird durch die “bedeutenden“ farbigen Bilder zu einem echten Le Corbusier.

Verbrieft ist, dass Eileen Gray die Villa nie mehr betreten hat und entsetzt war über die Tat von LC. Inzwischen haben sich sogar echte Graffitis eingefunden und das Bauwerk ist am zerbröseln.

Nun soll das Haus restauriert werden. Ob die französische Denkmalpflege sich für Eileen Gray entscheidet oder für Le Corbusier ist der Redaktion bis dato nicht bekannt. Der Entscheid wird schwer fallen: Acht Corbusiers weniger für einen Gray mehr? Die Redaktion Berena News steht geschlossen hinter Eileen Gray und ist der Meinung, es handle sich hier nicht um einen Vandalenakt, sondern nur um einen weiteren Irrläufer aus der Mottenkiste des Patriarchats. Tief aus dem männlichen Unterbewusstsein von LC hat Zeus der Göttervater zugeschlagen und eine Missgeburt aus seinem gespaltenem Schädel gezeugt. Bedeutsame Malereien auf unbestimmte Wände.

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