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5. Sept. 2007

Umiltà

Grafik Berena Press

Hochmut kommt vor dem Fall

Gerda Brauer

Die Mitglieder der ehrenwerten Gesellschaften Kalabriens, Siziliens, Neapels usw. gehören nicht zu der Sparte, die mit Zitronen handelt. Mit Zitronen kann der geschätzte Umsatz von 100 Milliarden Euro nicht erzielt werden. Das erste der sieben Prinzipien der Ndrangetha, der Calabrischen Mafia, ist Umiltà. Demut gegenüber anderen Ehrenwerten und gegenüber der Bevölkerung. Das Gegenstück der Demut ist Hochmut und Überheblichkeit. Leute, die der Welt Schande und Elend bringen, durch Menschen-, Waffen- und Rauschgifthandel, durch Schutzgelderpressung und Mord, sind nur in der verkehrten Welt der Hölle, namentlich in der göttlichen Komödie, ehrenwert und demütig. Dante hat den Luzifer am untersten Ende des Höllentrichters eingefroren. Der Boss ist demnach der Unterste in dieser Hierarchie des Bösen. Geld könne man waschen, das Blut auf den weissen Westen dieser Patriarchen bleibe aber als Mahnmal für das jüngste Gericht bestehen, so der Bischof von Berena. Die katholische Kirche tut sich schwer mit den Familien des Südens. Das Rationale am Menschen sind seine Einsichten; das Irrationale, dass er nicht danach handelt, sagte schon Friedrich Dürrenmatt. Als im April 2006 der seit 40 Jahren gesuchte Mafiaboss Bernardo Provenzano gefasst wurde, habe die Polizei in seinem Unterschlupf eine Bibel und ein Andachtsbild von Pater Pio gefunden. Die Aufnahme in den Bund der „tapferen Männer“ werde bei der Ndrangheta damit besiegelt, dass die Asche eines verbrannten Heiligenbildchens in eine Wunde gestreut werde. Bereits 1944 haben die sizilianischen Bischöfe die Exkommunikation über Mafiosi verhängt und diese 1952 und 1982 bestätigt. Papst Johannes Paul II. hat 1993 den Mördern der „ehrenwerten Gesellschaft“ mit dem Jüngsten Gericht gedroht. Der Demütige erkennt und akzeptiert – aus freien Stücken –, dass es etwas für ihn Unerreichbares, Höheres gibt. Umiltà! Die Mafiakriege, die Kriege der Familien untereinander, sind möglicherweise neben der beinahe machtlosen Justiz, eine Form der Gerechtigkeit aus der Natur selber. Das tierische Revierverhalten dieser verdrehten Gesellschaften richtet sich gegen sie selber, gegen ihre Frauen, die schweigend mitmachen müssen und gegen ihre Kinder. Wie kann die Welt der Eltern drogenabhängiger Kinder, an die Ehre dieser Teufel in Menschengestalt appellieren, wenn diese den Begriff der Ehre tagtäglich mit Füssen treten? Umiltà! Wie kann der Staat, die Demokratie sich gegen einen Staat im Staate wehren, der sich längst seine eigenen Gesetze geschaffen hat? Umiltà! Wo bleibt sie die Demut des Guten, der sich dem Volkesmehr beugt, oder gar dem Gott, an den er zu glauben vorgibt? Umiltà! Wo aber bleibt der politische Wille der so genannt freien Welt, sich dem organisierten Verbrechen mit allen Mitteln entgegen zu stellen? 100 Milliarden Euro Umsatz sind die Antwort.

Da gehen die Saubermacher der Nationen lieber gegen mittellose Einwanderer vor, die den Mafiaschleppern, um in die Nähe eines etwas besseren Lebens zu kommen, ihr ganzes Gespartes ausgehändigt haben. Und all das gewaschene Geld, wo liegt es? Natürlich in den sauberen Firmen des kapitalistischen Marktsystems. An jeder gottverdammten Zahnbürste die heute produziert wird, klebt Blut, schon bevor der von Paradentose Befallene sie benützt. Staaten wie Sehnah, die Schweiz und andere, die ein Bankgeheimnis haben, locken die Mafia geradezu an. Zuerst schickt diese das Geld, und wenn alles gut geht, kommt sie selber. Das heisst nicht, dass sie sich gleich mit kriminellen Exzessen und spektakulären Verbrechen exponiert, die lokalen Möglichkeiten werden aber ausgeschöpft. Da ist z.B. die Politik der Sehnaher Volkspartei SVP extrem scheinheilig, da sie sich auf der einen Seite immer wieder stark macht für das Bankgeheimnis und dem Land so die Mafia beschert, auf der anderen Seite die schwarzen Schafe ausschaffen will. Damit trifft sie meist nur die kleinen Fische, “Soldaten“, die die Mafia aus anderen Schichten rekrutiert. Wer süchtig ist und keine Eigenmittel hat, der dealt meist auch. Der Mafia kann man den Nährboden nur entziehen, wenn man den Wertefluss stört. Die Sehnaher Polizei hat in den letzten Jahren Pizzerias und italienische Modeboutiquen mit Videokameras überwachen lassen und so den Umsatz auf die Besucher hochgerechnet. Es sei vorgekommen, dass in gewissen Pizzerias ein Besucher statistisch gegen 10 Pizzas und ebenso vielen Flaschen Wein pro Abend zu sich genommen habe. Insider behaupten, dass wer in der Branche nicht Geld wasche, Schutzgeld zu bezahlen habe, welches dann wieder von ihren Konkurrenten gewaschen werde. Im weiteren sind die Banken von Sehnah dazu verpflichtet, Programm-Algorithmen gegen Smurfing einzusetzen. Diese Programme stellen fest, wenn mehrere Beträge unter der 15'000.- Euro (Meldepflicht) Grenze auf Konten einbezahlt und herum geschoben werden.

Vielleicht wäre es ehrenwerter mit Zitronen zu handeln, meinte unlängst der Bischof von Berena, denn Hochmut komme vor dem Fall. Umiltà!