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9. Januar 2014

Deal Emma

Ist der Welgeist vom Pferd gefallen?

Interview Dr. Anna Felicitas Grazi mit dem Kulturphilosophen K.C. Broom

AFG: Sind Sie einverstanden, wenn wir das Gespräch mit Ihren geschichtstheoretischen Ansätzen beginnen?

KCB: Gerne, wie Sie möchten.

AFG: Sie widersprechen der Hegel-Interpretation Kojèves da, wo dieser im Komplex der menschlichen Sucht nach Anerkennung das Ende der Geschichte besiegelt sieht. Lassen Sie mich Thomas Thiel aus der FAZ zitieren:
Kojève bot seinen Hörern eine selbstbewusste, marxistisch und existentialistisch gefärbte Lesart Hegels. In ihr Zentrum stellte er in eigenwilliger Überakzentuierung das Anerkennungs-Drama zwischen Herr und Knecht. Das Begehren nach Anerkennung durch den Anderen ist der Motor der Geschichte. In der gegenseitigen Anerkennung aller durch alle kommt die Geschichte zu ihrem Ende, weil damit auch die Widersprüche aufgehoben sind, die den historischen Prozess vorantreiben.
Bei Hegel sorgt Napoleon und dann der preußische Staat für diesen Ausgleich, wenn er der die sozialen Klassen in einen Kampf zwingt, der zur wechselseitigen Anerkennung im Allgemeinen des Staats führt. Kojève verlagerte etappenweise die welthistorischen Letztinstanzen: In den dreißiger Jahren sah er Stalin und die Sowjetunion auf bestem Weg, die Geschichte im kommunistischen Weltstaat zu finalisieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg rief er den American Way of Life zum historischen Endstadium aus: In Zukunft werde eine reanimalisierte Menschheit in wunschlos glücklichem Konsum vor sich hintreiben.


KCB: Nun, das Ende der Geschichte, so wie die Herren Hegel, Kojève und auch Fukujama es sehen, kommt mir vor wie strecken wir die Waffen und finden uns in einem reanimalisierten Fotoclub wieder, der nur dazu geschaffen wurde, uns gegenseitig unser Geknipse zu bestätigen. Mit anderen Worten, das letzte aller Gefühle ist ein liberaler wohlfühl Kapitalismus, der, wenn wir unser Augenmerk auf Kojève halten, im Hintergrund nach einer starken Hand lechzt. Die Spielwiese muss mit Kameras ausgelotet werden, damit wir wie im Tennis sehen, wann der Ball out ist. Von da ist es nicht weit zum Gebaren der NSA, zum Überwachungsstaat, wie wir diese Tage erfahren haben. Die totale Freiheit greift zu ihrem Schutz nach der totalen Unfreiheit! Widersprüchlicher kann ein System nicht sein.

AFG: Wo sehen Sie denn noch Geschichte am Werk, wenn ich so fragen darf?

KCB: Vielleicht am ehesten in der List der Unvernunft, in der mutige Männer sogar manchmal NEIN sagen, um dann die Anerkennung zu verlieren, in der Negation der Anerkennung.

AFG: Sie sprechen in “das Ganze ist das Dumme“ den unbeliebtesten Präsidenten der USA, Harry Truman, an?

KCB: Truman war einer der letzten stillen Helden, die der "Vernunft" getrotzt haben.
"Vernunft" in Anführungsstrichen nenne ich das, was populäre Helden wie Trumans Gegenspieler General Douglas Mc Arthur, der gefeierte Sieger des 2. Weltkriegs, verkörperten. McArthur forderte den Einsatz der Atombombe gegen China und Nordkorea. Das Risiko eines dritten Weltkrieges wollte Truman nicht eingehen und er schickte den bejubelten Haudegen in die Wüste. Über die Truman Doktrin und den kalten Krieg kann man geteilter Meinung sein, historisch kam aber der Sachverhalt hinzu, dass viele Kriegsgefange nicht ausgetauscht werden wollten. Chinesen wie Nordkoreaner wollten damals in der freien Welt bleiben und nicht in ihre kommunistische Heimat zurück. Das waren die ersten Anzeichen eines sterbenden Systems. - Systeme, die auf Leichenbergen aufgebaut sind, haben keine Existenzberechtigung. In wieweit der Nato Doppelbeschluss dem kalten Krieg und der Breschnew Doktrin (Erhaltung des Warschauer Paktes) ein Ende gesetzt haben, wird kontrovers diskutiert. Maßgebend dafür war ein riesiges Haushaltsdefizit und die Schwäche der sowjetischen Wirtschaft, die nicht einmal die Grundbedürfnisse der Bevölkerung angemessen decken konnte und z. B. große Mengen Weizen aus den USA importieren musste. Daraufhin versuchte Gorbatschow gezielt durch weitreichende Abrüstungsangebote an den Westen den Kalten Krieg zu überwinden.

AFG: Die Hegemonialmacht USA, die ihre wirtschaftlichen Interessen hinter der Rolle des Weltpolizisten verbirgt, liegt natürlich auch auf der Hand oder?

KCB: Sicher, die USA besteht nicht aus Trumans allein. Seine Doktrin finalisierte sich in der “Achse des Bösen“ der Bush Aera. Lassen Sie mich folgenden Passus aus der Rede Trumans, die zur Doktrin führte, zitieren: „Zum gegenwärtigen Zeitpunkt der Weltgeschichte muss fast jede Nation zwischen alternativen Lebensformen wählen. Nur zu oft ist diese Wahl nicht frei. Die eine Lebensform gründet sich auf den Willen der Mehrheit und ist gekennzeichnet durch freie Institutionen, repräsentative Regierungsform, freie Wahlen, Garantien für die persönliche Freiheit, Rede- und Religionsfreiheit und Freiheit von politischer Unterdrückung.
Die andere Lebensform gründe sich auf den Willen einiger, auf Terror und Unterdrückung. usw. Wir wissen natürlich, dass dies zwar stimmt, Stalin, Mao aber auch die Faschisten und Konsorten haben dazu ihre Millionen Tote beigesteuert. Aber.- und nun kommen all die grossen ABER'S - wie schnell ist es doch gegangen, bis aus einer westlich geprägten sozialen Marktwirtschaft, die zugegebener Massen noch grössten Teils auf Binnenmärkten und Familienbetrieben fusste, eine globalisierte neoliberale Wirtschaftsform, eine Herrschaft der Multis wurde? Ein paar Jahrzehnte wohl nur. Und nun kommt der neue Ansatz der Geschichte. Diese neue Welt basiert nicht mehr auf grossen politischen Köpfen à la Napoleon und Konsorten, soweit haben Hegel und seine Adepten sicher Recht, sie fusst aber auf mafiösen, scheinbar undurchdringbaren Strukturen, die von den demokratischen Mehrheiten einerseits getragen, oder zumindest geduldet werden. Denken Sie beispielsweise an die 1 zu 12 Initiative in der Schweiz. Von links bis rechts ist man sich einig, dass gewisse Einkommen nicht wohlverdient sind, sondern ganz einfach zusammengeklaut. Was aber wird abgestimmt und vor allem warum? Reinste Erpressung, die Paten, so nennt man im Bereich der organisierten Kriminalität die Clanchefs, die CEOs drohen mit Wegzug. Verlegen des Headquarters erfolgt immer dann, wenn die Bedingungen (das Gesetz) für die Abzocke nicht mehr stimmt. Bei den Produktionsstätten sind es die Löhne der Arbeiter. Hier ist der Sachverhalt gerade umgekehrt. Im einen Fall geht es ums Management, um die Abzocke, im anderen Fall werden Firmeninteressen vorgeschoben. Längst hat sich auch das echte kriminelle Kapital in der Wirtschaft sedimentiert. Wer zur weissen Mafia gehört, weiss nur die Mafia selber. So ist das Neue in der Geschichte immer wieder das Dumme. Zurück hiesse Diktatur. Diktatoren sind meist korrupter und rekrutieren sich aus den vorangegangen Regimes oder Machtballungen, siehe Beispiel Putin. Das Ende der Geschichte ist der Anfang der Dummheit. Sie ist an die Stelle dessen getreten, was vormals Geschichte genannt wurde, sie ist die neue Geschichte. Wenn die Vernunft keine Chance mehr hat in einem System, dann verblödet es. Das ist aber nur ein Teil der neuen Herrschaft. Hinzu kommen der technische Fortschritt und sein Endziel, der Stein des Weisen, das ewige Leben und das Diktat der Umwelt, der Ressourcenverteilung und -verknappung.

AFG: Wenn ich das zusammenfasse, ist ihre Dialektik nicht die eines Kojève, dessen Synthese die geschichtslosen Gesellschaften des Konsums, der Zerstreuung und der Kunst, sind, sondern die, dass sich die Geschichte in einem Ouroborus verfängt, sich also andauernd in den eigenen Schwanz beisst.

KCB: Ja, der Ouroboros ist die Schlange aus dem Paradies, die der liebe Gott dem Urpaar hinterher geworfen hat. Doch ist eben gerade diese Schlange das Pünktchen auf dem i der neuen Geschichte. A propos lieber Gott und Konsorten, der religiöse Kulturkampf kommt just zur falschen Zeit. Die Absolutheit, die dem Fundamentalismus zu Grunde liegt, verhindert einen Dialog der Vernunft. Hier spielt wieder die alte Anerkennungsdoktrin von Herr und Knecht, übertragen auf den jeweiligen Gott als Herrn. Jeder X Beliebige poliert so seine Knechtenrolle auf, indem er sich als Vertreter aufspielt und sich im schlimmsten Fall im Namen seines fiktiven Herrn in die Luft sprengt. Er wird zum Herrn, idem er ihn aufsucht. Eine schlimme Entwicklung, gegen die kein Kraut gewachsen ist. Nur die totale Überwachung jedes Einzelnen, so kommen die Geheimdienste zum Schluss, kann Attentate verhindern. Die Gesellschaft verlangt von ihrer Politik den optimalen Schutz, ist aber nicht bereit ihre Freiheit, ihre Privatsphäre aufzugeben. Beides geht nun mal nicht, also ein weiteres Systemdilemma, das Geschichte schreibt und schreiben wird, aber ich wiederhole mich ja bereits.

AFG: Sie kommen also zu einem radikal pessimistischen Schluss was ihre Analyse der Weltsituation angeht?

KCB: Ich will es einmal so sagen: Es kommen grosse Herausforderungen auf die Menschheit zu. Um diese bewältigen zu können, müsste etwas wie ein globales Zusammengehörigkeitsgefühl entstehen, ein "globales Nationalgefühl", welches ein hohes Mass an Solidarität mit sich bringt. Da ein solches Gefühl eine Utopie ist, welche sich wohl nie einlöst, sehe ich in der Tat eher schwarz.

AFG: Was ist anders als früher? Die Weltkriege waren ja auch schon grosse Bedrohungen.

KCB: Der erste Weltkrieg war das letzte grosse Aufbäumen des europäischen Adels.
Nachdem 1848 die drei Hauptziele des Wiener Kongresses zum guten Teil begraben wurden, dies waren 1. die Restauration, Herstellung des Zustandes vor 1792, 2. die Legitimität, Rechtfertigung der Ansprüche des ancien Regimes und 3. die Solidarität, gegenseitiger Schutz fürstlicher Interessen vor revolutionären Ideen und Bewegungen, gelang Otto von Bismarck 1871 die Reichsgründung unter der Kaiserkrone Wilhelm I. von Preussen. Der Durchsetzungswille von Bismarck war so stark, dass Wilhelm I. klagte, es sei schwer unter einem solchen Reichskanzler Kaiser zu sein. Trotzdem, oder gerade deshalb hat ihn Wilhelm in den Fürstenstand gehoben.
Wir sehen, in solchen Gestalten hat sich die alte Geschichte durch die Zeit gewunden.
Im zweiten Weltkrieg treten auf faschistischer wie auf kommunistischer Seite wieder absolute Führerfiguren auf. Auch hier war das, was man bis anhin Geschichte nannte, noch in Takt. Doch auch der Sieg über den Faschismus endete noch nicht im Eintopfgericht einer sogenannt befreiten demokratischen Welt. Erst mit dem Fall der Berliner Mauer spricht insbesondere Fukuyama vom Ende der Geschichte. Er meinte, nun seien im Sinne von Hegel und Kojève, die Gegensätze aufgehoben. Inzwischen hat er, im Erstarken des Islamismus, welcher gegen den Gewinner des zweiten Weltkrieges antritt, das Ende noch etwas hinaus geschoben.

AFG: Was für eine Rolle spielt China?

KCB: China? Wohl eine gesonderte. Einerseits hält man pro forma an der alten kommunistischen Idee fest, um die riesigen Massen ideologisch am Gängelband zu halten, andererseits forciert man einen Kaderkapitalismus, welcher Familien hoher Funktionäre begünstigt. Im Grunde die schlimmste Form von Korruption. Hier spielen ähnliche Mechanismen wie in unseren westlichen Systemen. Bei uns will der Knecht nicht eine Herrschaft der Knechte, sondern will selber Herr werden und in China sind es Herrenknechte die im Namen der Herrschaft der Knechte den Rahm abschöpfen. So gesehen hat in der Tat keines der beiden Systeme den Menschen je richtig befreit. Was China angeht, laut Goldman Sachs, werden die Chinesen 2038 die USA als Wirtschaftsmacht überholen.

AFG: Sie sprechen von erratischen Blöcken. Was ist darunter zu verstehen?

KCB: Nun ganz einfach herausragende Wirtschaftsblöcke. Nehmen Sie die Europäische Union, die USA oder eben China, den ASEAN, Japan. Bis auf den asiatischen Raum ASEAN alles Gebilde mit einer Einheitswährung. Eine Sonderrolle nimmt da auch Putin ein. Er möchte wesentliche Teile der alten Sowjetunion unter kapitalistischem Vorzeichen in einem eigenen Wirtschaftsraum von Bedeutung einnisten, deshalb droht er der Ukraine die Handelsbeziehungen einzuschränken, wenn sie sich nicht seiner Zollunion anschliesst. Es ist dies das alte Hegemonialdenken des Zarenreiches und der Sowjetunion, welches durchbricht. In Europa gelingt dies nur schlecht, weil die einzelnen Staaten an einem stark ausgereiften Nationalismus "kranken". Nehmen Sie nur mal die Schweizer. Oft hat man das Gefühl, die seien grössenwahnsinnig. Im Grunde sind sie einfach Schlawiner. Sie vertrauen darauf, dass, wenn ihre Rechnung einmal nicht mehr aufgeht, man sie einfach als arme Irre aufnimmt. Der Preis könnte aber höher ausfallen.



AFG: Aber ist nicht gerade die Schweiz ein Vorbild für die EU. Sie beweist doch, dass unterschiedliche Mentalitäten, Sprachen, Kulturen, zusammenstehen können?

KCB: So gesehen schon, doch ist es eben auch die Geschichte, die solche Unionen zusammenschweisst. Es dauert seine Zeit, bis alle Länder, in der Schweiz sind es die Kantone, sich unter einer Fahne, aber eben auch einer Nationalhymne zusammenfinden. Die USA ist ein kontinentales Staatsgebilde, in welchem sich bereits vor Jahrhunderten die europäischen Auswanderer zu einer solchen neuen Einheit zusammengefunden haben. Was sie zusammenschweisst ist der Mythos Kampf gegen die Wildnis, die Wilden - Genozid, Kampf gegen die Natur. Nicht von ungefähr ist die schweizerische Verfassung stark von der der USA, aber auch von der französischen Revolution beeinflusst.

AFG: Glauben Sie, dass es Europa gelingen wird, eines Tages zu einer grossen Nation zusammenzuwachsen?

KCB: Ich weiss es nicht. Das Überleben der Menschheit hängt, wie ich erwähnt habe, davon ab, dass sie sogar ein "irdisches Nationalgefühl" entwickelt. Eine Unmöglichkeit so zu sagen, um so mehr, als es ihr nicht einmal in Europa gelingt, wo es primär um das wirtschaftliche Überleben geht. Das beinahe noch grössere Problem sind die unterschiedlichen Religionen, die leider immer wieder Sand im politischen Weltgetriebe sind und die mitnichten die Ratio bedienen. Endzeit und Weltuntergang sind letztlich in diesen überkommenen grossen Erzählungen Gegenstand der Vorsehung.

AFG: Sie haben die Technik und die Umwelt, ich nehme an Sie meinen den Klimawandel, angesprochen. Das sind nach Ihnen weitere starke geschichtsbildende Faktoren.

KCB: Gerade weil die Technik so rasant fortschreitet, im Grunde den Menschen hinter sich lässt, nehmen Sie als Beispiel nur das internationale Finanzsystem, hier entscheiden Computer in Sekunden tausende von Transaktionen, ist eine Zukunftsprognose in Sachen Historie, sehr schwer. Aber auch in Sachen Klima ist man sich nicht einig. So gesehen befinden wir uns schon in einer Posthistorie. Nicht einzelne herausragende Köpfe wie Napoleon lenken die Geschichte, nicht einmal wir, die Menschen, lenken die Geschichte, sondern wir werden längst gelenkt, gelenkt von selbstgeschaffenen und als auch natürlichen Sachzwängen. Wir werden immer mehr nur noch reagieren, wenn überhaupt. Ein Programmfehler und ein Netz bricht zusammen, Systeme gehen in die Knie.

AFG: Wie sehen Sie Putin, ist er auch ein Nobody in Ihrer neuen Geschichte?

KCB: Nein, da haben Sie Recht, Putin trägt noch viel von der alten Geschichte in sich. Ich denke, er ist gefährlicher als Kim Jong-un, der in seiner hermetischen Märchenwelt lebt. Putin spielt auf zwei Ebenen, er braucht ein hohes Mass an Anerkennung, das sieht man in seinem ganzen Macht- und Machogehabe, oder in seiner Homophobie, er will Väterchen Putin sein und nicht Mütterchen Russland. In dieser Rolle will er zurück auf die ganz grosse Weltbühne. Die Kultur, die Linke, wenn Sie so wollen, flickt ihm am Zeug. Als Kapitalist kann er nicht zurück zu Stalin, bleibt ihm nur ein kryptofaschistisches Gehabe. Eine seiner Aufgaben als KGB Offizier zu Sowjetzeiten im damaligen Leningrad war die Unterdrückung von Dissidenten. Das sagt einiges über die Psyche dieses Menschen aus.
Ganz anders Obama. Auf seiner Seite kämpfen die "Guten", die Schauspieler, Künstler und Intellektuellen. Obama möchte der smarte moderne neue Mann sein, dessen Frau Michelle eine intelligente mütterliche Condolezza Rice abgibt. In den Südstaatenmythen der alten Rassentrennung ist oft die dicke alte schwarze Hausangestellte, denken Sie nur an die legendäre Hattie McDaniel, welche die Mammy in „Vom Winde verweht“ gespielt hat, die gute Mom der Herrenkinder, die Güte in Person. In Obama und Michelle leuchtet etwas von diesem Mythos hinein in die Utopie einer gerechten befreiten Welt, die an den Toren von Guantanamo leider brutal Halt macht. Der Westen möchte das Patriarchat überwinden, da man unbewusst bereits ahnt, dass dieses den Untergang, die Selbstzerstörung in sich trägt. Der westliche Wohlstand ist nun aber für die übrige Welt zum Standard geworden. Die wollen da auch hin, koste es was es wolle. Denken Sie nur an all die Chinesen, die sich einen "Auspuff" wünschen. Darum scheitern all die Klimakonferenzen. In der Technik indes wird der Vater zur "neuen Mutter" und sein Kind führt eines Tages ein Eigenleben, welches diese Vater/Mutter Eltern, oder das Patriarchat, wenn Sie so wollen, ermordet. Die alte Orestie kommt in neuer Inszenierung auf die Bühne der Weltgeschichte. Den Orestes von morgen erleben wir bereits in seiner pubertären Phase, in den Supercomputern, die unser Finanzsystem steuern.

AFG: Sie nennen den Menschen homo ludens, den spielenden Menschen, dies aber eher in einem negativen Sinne, Casinokapitalismus nur als Stichwort.

KCB: Ich frage mich, ob das Spielerische nicht aus der Natur zu uns herüber leuchtet. Die Natur ist sich gewohnt auszuprobieren, ob eine Strategie erfolgreich ist. Und hier genau ist der Unterschied vom Tier zum Menschen, wenn dieser überhaupt existiert. Das Tier passt sich seiner Umwelt an. Gerade gestern habe ich einen Film über ein Wolfsrudel im kanadischen Bisonpark gesehen. Der Filmer hat eindrücklich seine eigenen menschlichen Gefühle als Kommentar eingebracht. "Soll ich nun Partei nehmen für die Bisonmutter und das Bisonkalb oder für die Wolfsmutter, deren Kinder ohne das Kalb als Beute verhungern müssen?" Das ist die Kehrseite der Angepasstheit an die Natur auf der Ebene höherer biologischer Systeme. Auf der Ebene der Anpassungsmutationen spielt indes die Natur mit "Probanden". So waren beispielsweise die Elefanten, die einst auf Kreta gelebt hatten eine sehr kleine Art. Kleine Art deshalb, weil kleine Tiere weniger Futter brauchen. Die Kleinen haben überlebt, der Elefant hat sich selber klein gezüchtet. Wenn nun im Menschen diese ureigenen Kräfte der Evolution noch untergründig mitwirken, so verstehen wir, weshalb Menschen ihr Leben fahrlässig aufs Spiel setzen. In Ressorts für Freizeitverstümmelung, gehen sie an ihre Grenzen. Sie kennen meine Meinung über den Massensport und deren Vorbilder. Helden wie Schumacher und Co. sind das Gift für jede Gesellschaft. Sie kennen auch mein fehlendes Mitleid, wenn diese freiwilligen Gladiatoren umkommen.

AFG: Bitte erläutern sie mir den Zusammenhang Sport, historischer Prozess.

KCB: Ja die These ist etwas gewagt, aber auf einen einfachen Nenner gebracht. Der Schachspieler ist im Überlebenskampf der Spezies Mensch, der wichtigere Spieler als der Muskelprotz der Olympiaden. Athleten gehören ins Museum und mit ihnen die Kultur der Athleten. Daran können Sie im übrigen messen, wie weit wir von einer sinnvollen Überlebensstrategie entfernt sind. In Kulturbulimie habe ich mich ja ausführlich diesem Thema gewidmet.

AFG: Was sind denn Ihre "Helden". Mit Schachspieler meinen sie ja sicher nicht die amtierenden Schachgrossmeister.

KCB: Nein natürlich nicht, höchstens Marcel Duchamp (lacht), aber es kommt mir natürlich der Schweizer Hans Rudolf Herren in den Sinn. Er hat die Schmierlaus, welche die Maniokpflanze vernichtet, mit eingeführten Wespen erfolgreich bekämpft. Maniok ist Grundnahrungsmittel von 200 Millionen Menschen und liefert mehr als 50% der Nahrungsenergie. Hans Rudolf Herren hat soeben den alternativen Nobelpreis erhalten.
Ich brauche Ihnen nicht aufzuzählen, welche verhaltensabhängigen Umweltfaktoren alle als Zeitbomben ticken. Doch zwei lassen Sie mich erwähnen, die Abholzung der Regenwälder und die Zerstörung der Weltmeere. Wir vernichten grosse Biotope und die Tierwelt hat keinen Hans Rudolf Herren, der mit Wespen die Menschheit, ihren grössten Schädling, vernichtet,. Vielleicht gelingt ihr eines Tages ein Virus, das uns dahin metzelt, ohne dass wir die gebeutelte Sexualität bemühen müssen.

AFG: Vielleicht eines, das sich in der Gier einnistet. Das würde uns wohl dahinraffen.

KCB: Sie sprechen ja schon fast wie ich.

AFG: War auch ironisch gemeint. Sie benutzen gerne den Retrovirus als Metapher. Wie müssen wir das verstehen.

KCB: Nun gerne benutze ich diese Metapher nicht, aber ich sehe in der Tat Parallelen. Am Anfang des Gesprächs habe ich von den Selbstmordattentätern gesprochen. Sie sind solche Retroviren. Gegen sie kann unser "Immunsystem" nicht ankommen, es sei denn mit enormen "Pillenmengen".
Die Metapher des Retrovirus ist ein Selbstzerstörungsmechanismus, eine Immunschwäche des Systems, oder der Systeme. Ein System, das Anerkennung von einem selbstgeschaffenen System verlangt, muss in dieses mehr SELBST investieren, als es selber besitzt. Nur in der Differenz entsteht die Anerkennung. Der "neue Herr" ist nicht mehr auszumachen. Der Gott von einst, die alte Ordnung hat sich doppelt aus dem Staube gemacht. Mehrwertige Systeme kreuzen sich die Klingen. Die verlorene Herrschaft über die Systeme, die der Mensch selber geschaffen hat, ist analog der Funktionsweise eines Retrovirus. Der Programmierer hat sein Passwort zum Quellencode verloren. Die Wirtszelle welche die "Bomben" baut, wird als solche vom System nicht mehr ausgemacht, da sie selber Teil des Systems ist. Es wäre aber völlig falsch, das Problem im Islam zu verorten. Der Attentäter Breivik hat den Gegenbeweis erbracht. Nun sind aber nicht nur Menschen solche Viren. Auch in Technologien verstecken sich solche Immunschwächen, wenn Sie so wollen. Technologien, die unsere Habitate vital unterwandern, die sogar vor dem globalen Kollaps nicht Halt machen.
Sie sehen, da ich nicht an einen Konsens im intersubjektiven Raum glaube, und dieser muss eben heute nicht nur auf Staatsebene unter Politikern (früher Fürsten) stattfinden, sondern total, bin ich in der Tat Pessimist. Der Einzelne ist zum Problem für das Ganze geworden und das Ganze zum Problem für den Einzelnen. Ein anderes Beispiel - Der übermässige Einsatz von Antibiotika in der humanen Nahrungskette ist ein Overkill aus Gewinnsucht. Wir essen uns zu Tode. Der Unterschied, oder besser eines der Unterscheidungsmerkmale Tier/Mensch, ist die Möglichkeit global und vernetzt denken zu können. Unser Horizont ist, wenn leider auch nur bei wenigen von uns, global, um nicht zu sagen universell. Wir schauen zurück zum Urknall, aber auch in fernste Welten. Dies tun wir in beinahe friedlicher Koexistenz mit dem Unspunnensteinstossen. Auf der einen Seite trommeln wir uns auf die Brust und stossen Brunstschreie aus, auf der anderen Seite tippen wir uns an den Kopf und machen uns den Vogel. Unsere Wirtschaft, unsere Industrie produziert mehr Blödsinn als Sinn. Auf der anderen Seite planen wir unsere Zukunft, reden von unseren Kindern, was wir denen so alles hinterlassen. Geschichte ist immer auch die Geschichte danach, die Zukunft. Gewisse Tiere planen zwar auch eine Zukunft, instinktiv sammeln sie Nahrung für die kalte Zeit, aber das ist ein Programm, das ihnen auf den Leib geschrieben wurde. Das globale Denken beinhaltet aber auch globales Konkurrenzdenken. Dieses wird wohl verhindern, dass wir überleben. Im kleinen Habitat funktioniert die Strategie der Stärke, global ist sie ein Overkill, da sie sich nur noch gegen uns selber richten kann. Um zu überleben müssten wir mehr SELBST investieren als wir besitzen. Das ist leider nicht möglich und ein guter Nährboden für den lieben Gott und seine Ableger, die Retroviren. Der Künstler HUS hat einmal eine Collage mit dem Titel "Deal Emma" gemacht. Emma steht für die Mutter Erde, hat er mir erklärt.

AFG: Es sei denn, die Ausserirdischen kommen.

KCB: Genau, das ist der Grund, weshalb wir uns die so sehr erhoffen. Aber wir sollten uns bei der Nase nehmen. Denn wenn wirklich Ausserirdische bei uns ankommen, dann doch wohl nur, weil sie ihren Heimatplaneten zur Sau gemacht haben. Auch wir träumen ja schon von Terraforming, wenn hier mal alles abgeholzt ist.

AFG: Wo im All gibt es Holz, das ist die Frage?

KCB: Genau!

AFG: Ich freue mich auf den zweiten Teil unseres Gesprächs. Besten Dank Herr Broom.

KCB: Ich danke Ihnen.