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Der Thor zur Hölle

9. Dezember 2009

We don't need no education


Andrea Curd Sauerberg

SVP-Nationalrat Oskar Freysinger ist wegen des Minarett-Verbots in einer Talkshow im arabischen Nachrichtensender Al Jazeera als "neuer Hitler Europas" beschimpft worden. Für Muslime im Abendland sei mit dem Verbot "das Tor zur Hölle aufgestossen" worden - alle anderen Länder würden nun das gleiche tun.

Wenn dem so wäre, hätte sich dieser "neue Hitler" einen weit aus grösseren Feind zugelegt, als dies beim Original der Fall war. Die Juden waren zudem nicht der Feind der Nazis, die Juden waren lediglich das designierte Feindbild der Nazis. Sie wurden zu einer beweglichen Masse im politischen Ungleichgewicht der Weimarer Zeit hochstilisiert, sie waren das Kalkül im Heilsgeschrei der arischen Hälse. Das Original hatte einen heiligen Krieg angezettelt, welcher in der Geschichte seinesgleichen sucht. Heilige Kriege an sich, das sind die wahren Tore zur Hölle. Sie produzieren grössere und kleinere Höllen. 9.11. ist eine davon, oder die Anschläge von Madrid oder Bagdad, kurz wo immer in der Welt Bomben Leid über Menschen bringen. Wer Abbilder dieser Höllen sucht, der muss sich heute nicht bei Hieronymus Bosch ins Bild setzen, der gibt bei Google Bombenanschlag ein und setzt oben auf Bildersuche. Leider kann man seit Stalin auch nicht mehr einfach sagen, die hervorragendsten Höllen würden von den Himmeln hüben und drüben produziert, denn Stalin hat die Aufklärung dahingehend auf die Spitze getrieben, dass Schuld und Sühne ausschliesslich auf den Menschen zurückfällt, mit anderen Worten in jeglichem stipulierten Jenseits ungehört verhallt.

Nun sind die Moslems auch nicht der Feind von Freysinger und seinesgleichen. Der momentane Siegeszug eidgenössischer Wähler gegen die Sakralarchitektur des Unbekannten hat ebenso politisches Kalkül. Man hat da ganz einfach eine Weltreligion beim Schwanz gepackt, um ein bisschen Stimmenfang zu betreiben und siehe da die Rechnung ist einmal mehr aufgegangen. Nun kocht man die Suppe bei gut 100 Grad, bis sie dick genug ist. Und unter uns gesagt, die Suppen dieser Schweizer Bauernlümmel können gar nie dick genug sein. Die haben es auch sonst faustdick hinter den Ohren. Freysinger, unser Nationaldichter, muss sich ja mächtig vorgekommen sein, als ihn Al Jazeera als Schweizer Intellektuellen vorstellte, als ob ein Pferdeschwanz per se den schweizerischen Intellektuellen auszeichnen würde, oder sind wir da mitunter gar unbemerkt zu einem heimischen Foucault oder Adorno gekommen? Nun gut, in der Schweiz ist der Dorfarzt, der Pfarrer oder eben der Lehrer der Intellektuelle, da kommt das schon irgendwie hin. Aber Höllenpforten stossen die in der Regel nicht auf, die bringen im äussersten Falle ihre Familien um, weil der Haussegen so schief steht, dass er vermeintlich nie mehr wie ein Minarett gerade in den Himmel ragen kann. Zurück zum Feind oder Feindbild des Oskar Freysinger: Liebe Moslems, er meint es ja nur gut mit euch. Er will doch nur, dass die Kirchen in jenen Dörfern bleiben, wo sie hingehören. Aber auch die Menschen, liebe Moslems. Das Freysingersche Bild vom Moslem ist sicher geprägt von jenem Islamexperten, der den Kara Ben Nemsi schuf. Sein Islambild wurde wie das der meisten Mitteleuropäer geschaffen und der Bombenterror der Al Kaida hat dem romantischen Bild jenes legendären Hatschi Halef Omar Ben Hatschi etc. dermassen einen schmutzigen Turban verpasst, dass der mit allen weissen Riesen dieser Welt nicht mehr sauber zu kriegen ist. Dieser Turban ist zum Schreckgespenst jeder Waschmittelreklame und zum Mahnmal nicht nur rechtspopulistischer Politik geworden.
Für Freysinger und seinesgleichen sollten die verschleierten Leute in jenen Wüsten bleiben wo sie heimisch sind. Liebe Moslems, ihr seid doch hier bei uns gar nicht richtig wohl, ihr gehört doch zurück in die Idylle von 1000 und eine Nacht, was wollt ihr denn da in Wollishofen oder Rüfenacht? Und dann Moscheen neben alten Bauernhäusern mit ihren Buchsgärten und Geranien. Liebe Moslems, geht doch einmal an ein Schwingfest oder an ein eidgenössisches Jodlerfest. Stellt euch vor, die an solchen Anlässen allüberall anzutreffenden verkleideten Leute, mit ihren Sennenkäppis und Trachten, würden in Scharen eure Marktplätze heimsuchen und würden wie es eben ihre Leitkultur vorgibt vor euren Moscheen losjodeln, ihr würdet denen doch kurzum die Hände, um nicht zu sagen die Schreihälse, abhacken, ihr würdet das Wort Parallelgesellschaft gar nicht erst mal bemühen.
Liebe Moslems, Freysinger meint es ja nur gut mit Euch, er will verhindern, dass dies nie so weit kommt. Zu Hause muss beginnen, was leuchten soll im Vaterland, heisst es bei uns. Und es heisst auch Kleider machen Leute. Aber was für Leute, denkt Freysinger, wenn man vor lauter Stoff nicht einmal erkennen kann, ob ein Terrorist oder eine Frau unter der Burka steckt.
Mutig ist er alleweil dieser Freysinger. Ein lebendes Schutzschild sozusagen. Wie Winkelried ist er vorgeprescht und hat der Al Kaida sein Konterfei zur Verfügung gestellt, als wollte er denen sagen, seht her ihr bärtigen Gotteskrieger aus dem wilden Kurdistan, ich bin euer Tor zur Hölle, durch mich kommt ihr zu euren 77 Jungfrauen. All die Jungs von der Al Kaida haben sofort die obligaten Fatwa-Steckbriefe auf ihren ungläubigen Laserprintern ausgedruckt. Die offizielle Schweiz ist natürlich inoffiziell dem Herrn Freysinger dankbar. Dankbar, dass er den Terror mit seinem Auftritt in eine Randregion wie dem Wallis abdelegiert hat. Besser es fliegt ein vollbesetztes Gymnasium im Wallis in die Luft, als eine Bank am Paradeplatz, das versteht nun jeder, der etwas von Politik und Wirtschaft versteht.
Liebe Moslems, da es Herr Freysinger im Grunde gut meint mit euch, seid ihr im Grunde nur pro forma Feindbild, billig Feindbild so zu sagen. Dies sei mitnichten diskriminierend gemeint, dies müsst ihr ganz einfach pragmatisch nehmen. Da das gemeine Volk in Bildern denkt und der Schrift eher weniger zugetan ist in ländlichen Gegenden,wird auch hieruzulande, wie etwa im besser bekannten Kosovo, von den einheimischen Bauernlümmeln eher dem Herumrasen mit lautstarken Motorfahrzeugen gehuldigt, als dass man sich besinnlich einem Buche hingibt, diesem ist man eher abhold. Die Kulturleistung des Lesens wird von den weitgehend bildungsresistenten Ureinwohnern des Landes zunehmend als Indiz für eine mögliche Parallelgesellschaft geortet. Das Motorrad ist da viel präsenter in einem Hier und Jetzt, als die Buchstaben aus einem diffusen Hüben und Drüben. Es muss für halbwegs gebildete Leute wie Prof. Dr. Mörgeli und Herrn Freysinger bei etwas ehrlichem Hinsehen wohl eher schwer erträglich sein, fast ausschliesslich von solch bildungsfernen Schichten gewählt zu werden. Die SVP ist bekanntlich nicht gerade die Partei der guten Schulnoten. In den beiden genannten Fällen (andere SVP Intellektuelle sind der Redaktion keine bekannt) handelt es sich um Lehrer. Nun kommt man nicht umhin anzunehmen, dass hier ein beinahe schon klassischer postmoderner Duktus am Werk ist und dass das Phonem "goge" dem geschulten Ohr natürlich nicht entgeht. Der Päda- und der Dema- reichen sich hier unter dem Stammtisch die Hand und das Phonem goge rundet das Ganze lediglich ab, macht es zum Gleichen. Schon in der Leitreligion der drei Weltreligionen spielt das Phonem goge eine wesentliche Rolle. Aus dem Tempel wurde die Syna-goge. Synago heisst griechisch versammeln. Und so versammeln eben Mörgeli und Freysinger ihre Schäfchen um sich und unterrichten diese. Demos und agein, Volk und führen, das hatten wir schon beim Original, ohne nun wieder eine unnötige Wertung vorzunehmen, oder einen unzulässigen Vergleich zu bemühen.
Aber nichts läuft ab in dieser unserer Welt, ohne die Feindbildmaschine Fernsehen. Ohne das Schweizer Fernsehen hätten wir keinen Mörgeli und ohne Al Jazeera hätte die Al Kaida kein Feindbild von Freysinger, unserem Walliser T(h)or zur Hölle.