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20. Februar 2009

Die friedliche Nutzung der Atombombe

Krisen sind in einer Demokratie mehrheitsfähig

Gespräch zwischen Dr. Anna Grazi Berenanews

und Dr. Galvo Signari, Professor für Soziologie an der Uni Berena.

AG: Leben wir, wie Peter Sloterdijk in der NZZ schreibt, in einer Frivolitätsepoche?

Artikel NZZ

GS: Ich bin mit fast allem einverstanden, was Sloterdijk da geschrieben hat. In einer Sache möchte ich jedoch etwas widersprechen. Vielleicht blenden Sie an dieser Stelle den Ausschnitt der Schiffbruch Metapher ein.

Viel Geld ist in den Untiefen der Derivate und Hypotheken versenkt worden.

Man darf bezweifeln, dass die Metapher des Schiffbruchs für das, was heute mit den Vermögen geschieht, noch plausibel ist. Seriöse Leute behaupten, dass von den realen Vermögenswerten gar nichts verschwunden ist. Es sind keine Schiffe gesunken, es müssen jetzt lediglich die surrealen Bewertungen revidiert werden, die während der letzten zehn Jahre die meisten ökonomischen Transaktionen verzerrt haben, insbesondere bei Betrieben, Immobilien und Kunstwerken. Die riesenhaften Pseudovermögen, die dabei «angehäuft» bzw. an der Börse fingiert wurden, sind auf einen sinnvollen Massstab zurückzukorrigieren. In der amerikanischen Hypothekenkrise sind ja die Häuser nicht verschwunden. Die berühmten Realwerte sind alle noch vorhanden. Es spricht vieles dafür, dass sich die Dinge nach der Anpassung des aufgeblähten Geldvolumens an die realwirtschaftliche Basis wieder einspielen. Es gab einfach zu viel Geld, das blosses Spielgeld war, daher gab es massenhaft illusorische Wertberechnungen und haltlose Reichtumseinbildungen


Nun natürlich hat er recht, wenn es um die “Wertberichtigungen“ geht. Dass die Blase einmal platzen würde haben auch einige vorausgesehen. Wenn nun bei Leuten, deren Vermögen 5-10 Milliarden geschätzt war, 2 Milliarden den Bach runter gegangen sind, ist das zwar ärgerlich, aber wie der Schweizer Uhrenbaron Hayek sinngemäss gesagt hat, auch nicht der Weltuntergang. Wenn aber Rentner, die ihr Erspartes, ihre Altervorsorge, von sagen wir mal 60-80'000.- auf einen Schlag verloren haben, weil skrupellose (oder dumme) Anleger ihnen zu solchen Blasenpapieren geraten haben und dies immer noch tun, als sichere Anlage wohlverstanden, dann ist das ein Schiffbruch, da sind sehr wohl Realwerte vernichtet worden. Wer aber vormals das Wort mündelsichere Anlage in den Mund genommen hatte, war in den Augen dieser Abzocker ein Dummkopf, der die Vermehrungs-Möglichkeiten seines Geldes fahrlässig verspielt.

AG: Was ist Ihre Meinung zu den Realwerten, die nach P.S. noch da sind?

GS: Ich erinnere mich an die erste Hochkonjunktur nach dem 2ten Weltkrieg, wo das Beispiel einer Überproduktion von Kühlschränken die Runde machte. Da wurden Unmengen von neuen Kühlschränken auf eine Mülldeponie gekippt, weil die neuen Modelle schon da waren. Man hat so den eigenen Markt reguliert und Platz für die neuen Modelle geschaffen. Markt heisst nichts anderes, als eine anzunehmende Grösse von möglichen Käufern für ein Angebot. Dies nennt man Nachfrage. Jede Nachfrage, jeder Käufer muss im Grunde Kaufkraft vorweisen. Wenn diese eine Fiktion ist, wie bei dem Kreditkartenmodell amerikanischer Prägung - und zu grossen Teilen auch schon bei uns -, entsteht ebenfalls ein Vakuum. Dieses System implodiert eines Tages. Bei der Derivatenblase sind die Gelder nur fiktiv vorhanden gewesen. Dieses zu viele Geld wurde dann in Form von Krediten an Kreti und Pleti vergeben, welche damit reale Waren wie neue Autos, Häuser etc. kauften. Im Grunde war das eine Art schlaraffenländischer Zustand, eine Wirtschaft im Zustande der Masturbation. Mit anderen Worten - und das ist das Problem, - die Käufer haben den Gegenwert in Arbeit nicht leisten müssen und sie werden auch nie und nimmer in der Lage sein, diesen Gegenwert mit ihrer “Hände Arbeit“ jemals zu erwirtschaften. Die Dummen sind also die Sparer gewesen, die mit ihrem real erwirtschafteten Geld, den Irrsinn teilfinanziert haben. Deren Erspartes ist an vorderster Stelle mit-implodiert. Wie wir inzwischen wissen, erhalten die Banker die diese Vermögen so sorglos verplempert haben, nach wie vor ihre Boni in Milliardenhöhe. Noch im 19. Jahrhundert haben die Belgier jenen Kongolesen, die zu wenig Kautschuk eingesammelt haben die Hände abgehackt, unseren Bänkern gibt man für ihr Versagen Boni.

Kongo

AF: Heisst das, dass Sie der Ansicht sind, dass man den Verantwortlichen die Hände abhacken sollte?

GS: Natürlich nicht, wo denken Sie hin. Mir ist nur kürzlich, als auf arte der Film "Weißer König, roter Kautschuk, schwarzer Tod" kam, der Gedanke durch den Kopf gegangen, dass es schon wieder die Autozulieferer sind, die es trifft. Weil der Markt damals Kautschuk brauchte, das Auto war gerade auf dem Vormarsch und für die Vollgummireifen benötigte der Westen Unmengen an Kautschuk, wurden Tausende verstümmelt. Wer als Kongolese zu wenig sammelte, dem wurde eine Hand abgehackt, egal ob Kind oder Erwachsener. Dem Genozid der Belgier an den Kongolesen, unter ihrem damaligen König Leopold II, fielen zwischen 5-10 Millionen Menschen zum Opfer. Mit seinen Taten hat der Belgier das Haus Sachsen Coburg für immer entehrt, das war Raubrittertum und Massenmord und ist bis heute nicht gesühnt, sondern wird beharrlich unter dem Deckel gehalten. Sorry, nun zurück zum Thema.

Wenn wir uns nun von den Bankern anhören müssen, dass die variablen Lohnbestandteile in den Arbeitsverträgen verankert seien, so denkt man unweigerlich an all die Arbeiter der Autoindustrie sowie deren Zulieferer, die entweder bereits in den Genuss von Kurzarbeit gekommen sind, oder aber ihren eigenen Arbeitsvertrag in der Pfeife rauchen können. Dass all die Acker- und Ospelmänner, die das Desaster verusacht haben, weiterhin auf ihren Vermögen sitzen bleiben dürfen, ist im Grunde unerträglich. Die gehören für einen Harz 4 Lohn an einen Bankschalter zwangsverpflichtet, mal sehen, wie lange es geht, bis sie ein Burnout anmelden.

AF: Nun werden Sie aber ein wenig stammtischig.

GS: Mag sein, Stammtischler schauen aber in der Regel nicht arte. Nun zu den amerikanischen Immobilien. Natürlich sind diese real vorhanden. Zum einen stehen sie in der Wüste bei Las Vegas und kein Mensch will da noch wohnen, verschweige denn, kann sich heute noch jemand diese Paläste leisten. Diese waren für Schlaraffen gebaut, und Schlaraffen sind von einem auf den anderen Tag ausgestorben. Sie hingen am Tropf von Freddi Mac, Fanny Mae und co.

AF: Was passiert mit der Autoindustrie?

GS: Ja, darauf zielte ich mit meinem Kühlschrank Beispiel ab. Die Autoindustrie zeigt, wie festgefahren die Frivolität, um die sloterdijksche Metapher zu kolportieren gegangen ist. Seit Jahren tickt die Zeitbombe Klimaerwärmung. Aber weder die Deutschen noch die Amerikaner sind, wie wir alle wissen, und wie uns aus dem Topfe der real existierenden Dummheit (Bayerns Ex-Wirtschaftsminister Erwin Huber lässt grüssen) weisgemacht wurde, Kleinwagenfahrer. Grosse Wagen schlucken nun einmal viel und sind nur ein Markt, solange den Leuten das Geld nachgeworfen wird und diese an den ungebremsten Aufschwung glauben. Nun ist der Tropf weg und auch der Glaube. Plötzlich will keine “Sau“ mehr ein Auto kaufen. Plötzlich haben alle kalte Füsse. Ist das wirklich so? Oder hat sich der Markt schlicht und einfach überfressen? Müsste die Überproduktion von Offroadern und Spritschleudern nicht längst auf die Kühlschrankdeponie? Wer aber soll das bezahlen? Die Arbeiter, die man nun auf die Strasse stellen wird? Die Sozialämter? Der Staat, der sowieso immer zu viel Staat war? Und wo sind die neuen bezahlbaren Elektrokleinwagen? Wo die Infrastruktur für diesen Markt, wo sein Boom? Und nun der Gipfel der Frivolität. Die bürgerlichen Parteien und ihre pseudokapitalistische Wählerschaft, die diese Misere an vorderster Front mit gestaltet haben, tun plötzlich alle so, als hätten sie die grüne Politik erfunden und mit ihr die grüne Ökonomie. Dies ist eine Frechheit, ein Hohn. Das sind alles Wendehälse der schlimmsten Gattung. Bei so viel Verlogenheit kommt einem, verzeihen Sie meine Erregung, das kalte Kotzen. Da hat man die Grünen und Roten Jahrzehnte lang als Körnerfresser und Sandalenträger verschrien und nun schickt man sich an, ihnen in Nadelstreifen die Themen zu klauen.

AF: Aber die übrige Industrie hatte sich doch recht gut erholt und schien zu florieren?

GS: Grosse aufsteigende Märkte wie China Russland und andere sind arg abgebremst worden. Die Finanzierungsengpässe mussten allüberall von den jeweiligen Staaten abgefangen werden. Es ist zu hoffen, dass das Volk am gelben Fluss bald in den Genuss von CO2 armen Autos kommt, sonst werden wir schon bald die nächste Krise viel grösseren Ausmasses erleben. Auch wenn dieser Winter die nahende Klimakatastrophe etwas vertuscht, man darf nie vergessen, wir haben es mit einem globalen Phänomen zu tun. Gerade kürzlich kamen neue Studien auf den Tisch. Sie sprachen mitunter das altbekannte Problem Permafrost an. In der Erde lagert (z.B. sibirische Tundra) die X Fache Menge des von uns momentan ausgestossenen CO2’s, welche bei weiterer Erwärmung der Erde schlagartig freigesetzt werden könnte. Setzt dieser Prozess einmal ein, so ist er nicht mehr zu bremsen, es sei denn man provoziere ein künstliches global Dimming einen nuklearen Winter. Das wäre dann die friedliche Nutzung der Atombombe.

berenanews71

AG: Ein wahrhaft schauriges Szenario.

GS: Das kann man nicht laut genug sagen.

AG: Was kann man tun?

GS: Vielleicht ist Finanzkrise eine Chance. Vielleicht ist das Umdenken der bürgerlichen Parteien, so verwerflich die Vorgehensweise nun mal ist, auch eine Art List der Vernunft….

AG: Entschuldigen sie die Unterbrechung, aber was ist genau das Verwerfliche daran?

GS. Ganz einfach, die Bürgerlichen haben bis zum heutigen Tag weder für die Finanzkrise noch für das globale Klimadesaster die Verantwortung übernommen. Ewig gestrige wie z.B. die Schweizerische -, aber auch die Sehnaher Volkspartei, die SVP’s, leugnen noch heute die Klimaerwärmung. Diese von Menschen heraufbeschworene Katastrophe wird den Holocaust bei weitem überflügeln. Wie Erich Fromm, ich glaube es war in “Haben oder Sein“ geschrieben hat, ein erneuter Faschismus wird höchstens in einer technoid verkappten Variante wiederkehren. Die Rückstellung von Massnahmen in Sachen Umwelt zu Gunsten der Wirtschaft, wird ein Bumerang sein und letzten Endes einiges mehr kosten. Nun diese Leute sind demokratisch gewählt und für mich steht nach wie vor fest, jedes Volk hat die Führung die es verdient. Diese Krisen sind die meisten an der Urne entschieden worden. Auch Krisen sind offenbar in Demokratien mehrheitsfähig. Wer denkt, dass die Wirtschaft sich selber reguliert ist total naiv. Was sich selber reguliert ist der Markt, wenn er satt ist dreht er den Hahn zu, wenn er Hunger hat, frisst er bis er platzt. Aber wie wir wissen, werden neuerdings übergewichtige Fastfood-Kinder auf Apfelmus und Gemüse gesetzt. Also wie schon angesprochen, vielleicht ist die momentane Krise wirklich eine Chance.

AG: An dieser Stelle schnell die Denkweisen, die Erich Fromm 1976 in “Haben oder Sein“ formuliert hat:

1. die Produktion habe der Erfüllung der wahren Bedürfnisse des Menschen und nicht den Erfordernissen der Wirtschaft zu dienen

2. das Ausbeutungsverhältnis der Natur durch den Menschen wird durch ein Kooperationsverhältnis zwischen Mensch und Natur ersetzt

3. der wechselseitige Antagonismus zwischen den Menschen ist durch Solidarität ersetzt

4. oberste Ziele des gesellschaftlichen Arrangements seien das menschliche Wohlsein und die Verhinderung menschlichen Leids

5. maximaler Konsum ist durch einen vernünftigen Konsum (Konsum zum Wohle des Menschen) ersetzt

6. der einzelne Mensch wird zur aktiven Teilnahme am gesellschaftlichen Leben motiviert

GS: Mir hat der Schluss des Slotterdijk Artikels besonders gut gefallen, wenn Sie den hier noch einmal zitieren könnten, würde ich mich dem gerne anschliessen.

AG: Gerne, Besten Dank für das Interview.

P.S. (NZZ)…….Die Psychologie beschreibt den Menschen seit über hundert Jahren als animal irrational. Etwas Ähnliches zeichnet sich jetzt langsam in den Staats- und Wirtschaftswissenschaften ab. Auch dort porträtiert man den Menschen zunehmend als ein Wesen, das sich so gut wie nie als vernünftiger Langzeitrechner verhält. Der wirkliche Mensch, wie er ausserhalb der theoretischen Modelle erscheint, lebt durch die Leidenschaften, aus dem Zufall und dank der Nachahmung. Für aufklärerisch gesinnte Menschen enthalten diese Diagnosen starke Zumutungen. Wir wollen als vernünftig, organisiert, selbstdurchsichtig und originell gelten und sind in Wahrheit unberechenbar, chaosanfällig, trüb und repetitiv.