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28. Januar. 2009

Die Kunst des neuen Kapitalismus



Zunehmende Langeweile als Ergebnis der Ökonomisierung

von unserem Experten für Gesellschaftsentwicklung B. H. Lyron


Die Auswirkungen des neuen Kapitalismus zeigen sich nicht nur darin, wie sich Institutionen und Unternehmen organisieren und die Menschen in ihnen leben, wie dies der Soziologe Richard Sennett in seinem Standardwerk The Culture of the New Capitalism (New Haven London 2006) anschaulich beschreibt, sondern auch zunehmend in der Kunst. Der Versuch, kreatives Denken und künstlerisches Schaffen in eine ökonomische Logik zu packen, führt zu durchschaubaren Produktionsprozessen von «Ikonen» und zu Langeweile. Letztendlich scheitert die Vorstellung einer Ökonomisierung der Kunst am Verlangen der Menschen nach Werten, welche die Kultur formt und vermittelt. Dieses Verlangen nimmt im neuen Kapitalismus stetig zu.

Die Gesellschaft verlangt nach Kunst

Kultur im künstlerischen Sinne dient der westlichen Gesellschaft heutzutage als einen emotionalen Anker, mit dessen Hilfe die Menschen beurteilen können, was für sie gut ist und was nicht. «Kultur», so hält Richard Sennett richtig fest, ist nach wie vor der Nährboden der Arbeitswelt und der zwischenmenschlichen Beziehung und wurde zeitweilig von der Linken in den Siebzigerjahren zum Heilmittel für eine humanere Gesellschaft ernannt. Dieses Verlangen nach «Kultur» steht den Trends gegenüber nach mehr ökonomischem Denken im Kulturbetrieb und stemmt sich gegen die Versuche von Wirtschaftsführern, Einfluss auf die Produktion von Kunst zu nehmen. Denn langfristige Prozesse, Verzettelung und starre Strukturen wie sie der «Kultur» inhärent sind, lassen sich nicht mit den aktuellen Bedürfnissen der New Economy verbinden, wie sie Sennet beschreibt: kurzfristige Ergebnisse, flexible Organisationen mit Zeitarbeitern, aktive Einflussnahme der Investoren, Automatisierung und neue Formen der Zentralisierung, welche dank modernen Kommunikationstechnologien möglich werden. Zudem überfordern das sich im neuen Kapitalismus ausbreitende Phänomen der «nutzlos empfundenen Arbeit» und die Geringschätzung von handfestem Gewerbe zunehmend die Kunstschaffenden, die dem (Hand-)Werk verpflichtet sind.

Ein Rekordjahr im Museum

Die Unvereinbarkeit des globalisierten ökonomischen Systems mit dem Bedürfnis nach Kultur zeigt sich jedoch nicht nur in der Entstehung und Produktion der Ware «Kunst», sondern auch in der Vermittlung von Kunst, insbesondere bei älteren Kunstwerken, die von vorhergehenden Generationen geschaffen wurden. An dieser Stelle wird nur der Aspekt der Vermittlung behandelt, um die «Kunst des neuen Kapitalismus» darzustellen. Die Vermittlung von Kunst, als letztes Glied der «Verwertungskette», dient insofern als gutes Beispiel, da ihr messbarer Erfolg sich in der Handlungsweise des neuen Kapitalismus auf die Auswahl der Kunstwerke und damit auf die «Kultur» auswirkt. Das Schweizerische Landesmuseum in Zürich kündigte im Dezember 2008 ein Rekordjahr an (Neue Zürcher Zeitung, 27. Dezember 2008). Die Museumsleitung rechnete für 2008 mit 120'000 Eintritten, dies trotz Umbauarbeiten und widriger Umstände. Mit welchen Zahlen dieses Ergebnis verglichen wurde, geht aus dem Artikel leider nicht hervor, denn die Angabe der letzten vorangegangenen Jahresergebnisse mit 86'000 und 106'000 Eintritte reicht nicht als Begründung für einen «Rekord», umso mehr da es sich beim Schweizerischen Landesmuseum um eine über hundertjährige Institution zur Erhaltung und Vermittlung bedeutender Kultur- und Kunstobjekte der Schweiz handelt. Das Rekordjahr scheint eher auf das Bedürfnis von Anteilseignern nach einem unmittelbaren Gewinn des Unternehmens zu verweisen. Die Anteilseigner, die Aktionäre, sind in diesem Fall die gesamte Schweizer Gesellschaft, welche das Museum über Steuergelder finanziert. Zumindest wird durch die Meldung der Eindruck erweckt, dass das Museum ein profitables Unternehmen sei mit steigender Rendite, auf welches Investoren und Aktionäre direkten Einfluss und somit auch auf die Vermittlung der Kunstobjekte ausüben könnten. Dies lässt uns die Kommunikationsabteilung glauben, die sich der betriebsökonomischen Rhetorik im Sinne des neuen Kapitalismus bedient und mit Erfolgszahlen auf das Haus und auf die Ausstellung der Objekte aufmerksam macht, um damit die Besucherzahlen zu erhöhen. Doch wer geht in ein «besuchermaximierendes» Museum, bei dem alle Schweizerinnen und Schweizer mitreden können? Und, erfüllt das Museum seinen Auftrag, indem es den Gewinn maximiert, vermittelt ein solcher Betrieb überhaupt noch «Kultur»? Die Rekordmeldung verweist zumindest auf einseitige Tendenzen.

Beurteilung der Kunstobjekte nach dem Ikonenwert

Besucherrekorde sind nichts Verwerfliches an sich, im Gegenteil, nicht gezeigte Sammlungen und nicht vermittelte Kunstobjekte entsprechen keinem Bedürfnis der Gesellschaft. Deshalb ist es Auftrag jeder Museumsleitung, Besucher anzuziehen. Werden aber die Zahlen zum Mass aller Dinge erhoben, der Marktwert über den Inhalt gestellt und die Vermittlung «historischer» Sammlungsobjekte und Kunstwerke den neusten Ergebnissen der Marktsondierung unterworfen und auf die Interessen der Investoren und der Aktionäre abgestimmt, verkommen Sonderausstellungen zu höchstens künstlerisch dekorierten «Megaevents», die einer Veranstaltung irgendeines Unternehmens gleichen, und werden zum Selbstzweck. Nicht selten macht sich beim Publikum Leere breit. Die Grossanlässe in den historischen Repräsentationsräumen dienen dem Management dazu, in diesem Fall der Museumsleitung, Investoren und Aktionären den Nutzen und die Notwendigkeit von Massnahmen und Umstrukturierungen zu vermitteln im Hinblick auf die Maximierung des Gewinns. Dass dabei das künstlerische Werk und der Raum der Interpretation auf der Strecke bleiben und das Kunstobjekt nur noch nach seinem «Ikonenwert» beurteilt wird, versteht sich von selbst. Der Ikonenwert bezeichnet das aus der Medienbeobachtung hervorgegangene Potenzial eines Kunstwerks, welches mit Marketingmassnahmen angereichert werden kann, so dass sich dieses und seine Abbilder zu Longseller entwickeln. Der Ikonenwert steht in engem Zusammenhang mit der Revolution der Informations- und Kommunikationstechnologie, die das unmittelbare Verbreiten des Ikonenwertes und dessen exponentielle Steigerung überhaupt erst möglich gemacht hat. Museumsleiter suchen in diesem Sinne die Objekte in ihrer Sammlungen, denen sie einen Ikonenwert zuschreiben, um diese anschliessend in die Aufmerksamkeit der Gesellschaft zu heben, die nach genau diesen «Ikonen» verlangt, ähnlich dem Produzenten in der Musikindustrie, der das Werk nach dem «Hitpotenzial» beurteilt. Der Wunsch nach globaler Verbreitung oder breiter Anerkennung führt zusätzlich dazu, dass «sprachlose» Objekte grössere Chancen besitzen, ausgewählt zu werden. Sie verfügen über einen höheren Ikonenwert, da sie sich über mehrere Sprachräume hinweg vermitteln lassen ohne Übersetzung. Dies zeigt das Phänomen des englischen zwei Strophen Songs in der Popindustrie deutlich.

Medientaugliche Vereinfachungen

Die Massenmedien und der Umfang der Sendeformate führen dazu, dass das Kunstwerk oder -objekt zusätzlich vereinfacht werden und der Logik der Unterhaltungsindustrie unterworfen werden muss, um überhaupt vermittelbar zu bleiben. Wie bereits der Amerikaner Neil Postmann in den Achtzigerjahren in Amusing Ourselves to Death (New York 1985) feststellte, wirkt sich diese Umformung der Inhalte auf die Urteilsbildung der Gesellschaft aus und beschädigt den «Geist der Kultur». Orientiere sich die Kunst ausschliesslich am menschlichen Hang zur Zerstreung, behauptete Postmann, führe dies unweigerlich zum ihrem Untergang. Postmann hatte insofern recht, dass die vereinfachten und «beschädigten» Kunstwerke, die sich über Jahre im Fokus des Medienmarktes halten können, unweigerlich zur Langeweile führen. Auch wenn übrig gebliebene Feuilletonisten und die rasant wachsende Schar von Fernsehgelehrten noch so bemüht sind, diese Vereinfachungen mit einander zu vergleichen, mit Bedeutung aufzuladen und ihnen sogar Werte zu zuschreiben, bleibt am Ende die in der seichten Kunst innewohnende Belanglosigkeit und Wiederholung, welche die Gesellschaft auf Dauer ablehnt. Denn sie verlangt auch im neuen Kapitalismus und anders als Neil Postmann befürchtete nach wie vor nach «Kultur», nach einer Kunst, die nicht nur auf Vereinfachungen und «sprachlosen» Formaten beruht. Es ist genau dieses Verlangen nach «Kultur», das der neue Kapitalismus selbst hervorbringt. Und es ist dieses Verlangen, welches die Existenz des Museums rechtfertigt, nicht die Rentabilität des «Kulturunternehmens Museum», wie es der Artikel in der Zeitung vorzugeben scheint.

Kultur als Voraussetzung für New Economy

Das Verlangen nach Kultur ist verhängt mit den ewigen Fragen und dem Gefühl vom «Haben einer Kultur». Es ist zweifellos eine Grundvoraussetzung für die New Economy und nicht umgekehrt. Die Gesellschaft will die Orte wie das Museum, Orte der «Kunst vergangener Zeiten», welche ihr Verlangen nach Kultur stillen, genauso wie sie eine Produktion von Kunst will, die sich nicht am Konsumverhalten und am Ikonenwert orientiert. Sie braucht die Kultur und die Werte, damit sie sich im neuen Kapitalismus und in der zunehmenden «Nutzlosigkeit» zu Recht finden kann. Der neue Kapitalismus bringt demzufolge eine Kunst ausserhalb der von ihm geschaffenen ökonomischen Dimension hervor. Die Versuche, die Kunst den Handlungsweisen des neuen Kapitalismus zu unterwerfen, scheitern an der Langeweile. Dies nicht zuletzt auch deswegen, da inhaltsleere «Mega-Events» und Neunzigsekunden-Formate von Ikonenabbildern die Kunst auf die Ebene von belanglosen Alltagserlebnisse rückt, mit der uns bereits die Medienwelt ständig umgibt. Als Beispiel sei hier nur der Wetterbericht genannt. Langeweile und Vereinfachung stehen fernab vom Verlangen nach Werten, mit Hilfe derer die Menschen ihre Erlebnisse beurteilen können. Die Kunst des neuen Kapitalismus versteht sich nicht als Produktionszweig in der Informationsgesellschaft, viel eher ist sie die Negation all dessen, was als «ökonomisierte Kunst» bezeichnet werden kann, als Handelsware im globalen Markt. Gerade wegen der Unterwerfung immer mehr Lebensbereiche unter die Regeln der Ökonomie verlangt die neue kapitalistische Gesellschaft nach «Kultur» im künstlerischen Sinne, welche Raum für freie Entfaltung schafft sowie Werte formt, erklärt und vermittelt. Die Gesellschaft verlangt nicht nach der Abfertigung mit profillosen Kunst, welche wie das Soma im Sinne von Aldous Huxleys Schöne neue Welt dem Menschen helfen soll, seine Denkfähigkeit zu verlieren.


Richard Sennett, Die Kultur des neuen Kapitalismus (The Culture of the New Capitalism), Yale University Press, New Haven und London 2006.