Bolar-Rede Peking

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15. Juli. 2008

Vom Teufel besessen, Wahrheit oder Wahnsinn?

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3-4 Mausklicks im Photoshop und fertig ist das Angesicht

Satan ex Machina

Angela Seslo

Clubsendung DRS1 Dienstag den 8.7.08

Heike K. (22) liess sich den Satan durch römisch-katholische Priester in der Schweiz austreiben. Nach Auffassung des Papstes befällt das Böse die Menschen in Gestalt des Teufels. Die Besessenen leiden unter grossen seelischen Qualen. Wenn alle Psychiatrie nichts hilft, rücken die Exorzisten der Kirche dem Satan mit Gebet und Weihwasser zu Leibe. So auch bei Heike K. Die Nachfrage nach Austreibungen wächst, Rom und die Schweizer Bischöfe fordern deshalb mehr Exorzisten.



Man hat mit Recht gesagt, dass die Theorie,
wird sie nicht durch die Pforte der empirischen Wissenschaften eingelassen, wie ein Geist durch den Kamin kommt und die Möbel in Unordnung bringt.

(Erwin Panofsky)


Einst fuhr ein Anthropologe mit einer Filmkamera nach Indien, um den indischen Seiltrick photographisch zu dokumentieren. Eine Menschenmenge hatte sich auf der Strasse versammelt, um zuzusehen, wie ein alter Mann und ein Junge das Kunststück vorführten. Der alte Mann warf das Seil in die Luft, und es blieb senkrecht auf einem Ende stehen. Der Junge kletterte das Seil hinauf und verschwand vor aller Augen. Nun nahm der alte Mann einen Krummsäbel zur Hand, kletterte hinter dem Jungen her und verschwand ebenfalls vor aller Augen. Man hörte Geräusche und Geschrei als ob jemand zerhackt würde und die Glieder des Jungen fielen zu Boden. Der alte Mann kam wieder zum Vorschein, kletterte herab und warf die Glieder des Jungen in die Luft, wo sie vor aller Augen verschwanden. Ein Augenblick verging, und der Junge kam gesund und wohlbehalten das Seil herabgeklettert. Der Anthropologe, der das Geschehen filmte, hatte durch den Kamerasucher zugeschaut. Als er jedoch den Film entwickelte, war dort etwas anderes zu sehen. Das Seil fiel zurück auf den Boden und der alte Mann und der Junge standen etwa zehn Minuten daneben.

Die Aussage der Heike K: „Ich bin doch nicht verrückt“ ist wahrscheinlich der Schlüssel zum Problem der Besessenheit. Der/die Besessene, sowie all diejenigen, die Besessenheit als eine Tatsache annehmen, glauben, dass wir es mit einer exogenen Erscheinung zu tun haben. Etwas also, das von aussen einfährt in eine Person und so von ihr Besitz nimmt. Heike K. erzählte, dass sie “vom Bösen“ mit aller Wucht aus dem Bett geschleudert wurde. Ich bin doch nicht verrückt, meint also nichts anderes, als dass der eigene Körper und sein Gehirn dieses Phänomen nicht selber produziert, denn dann wäre man ja per Definition geisteskrank. Durch Zuhilfenahme des Satans, oder sonst eines Geistes, spricht man sich selber von dieser Variante frei. Interessant ist, dass Heike K. wie der Anthropologe ihre Erfahrungen auf Video aufgezeichnet hat. Der Beweis, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen ist, scheint somit erbracht. Sicher ist, Heike K. wurde aus dem Bett gestossen. Wenn nun ein Schauspieler in der Lage ist aus eigenem Antrieb die Videoszene nachzuspielen, wäre der Beweis erbracht, dass ein menschlicher Körper ohne Fremdeinwirkung in der Lage ist, ebenso aus dem Bett zu fallen. Ein Ausflug in das Gebiet der Neurowissenschaften zeigt das Ganze unter einem etwas anderen Blickwinkel. Dank der Bildgebenden Technologien wissen wir heute, wo religiöse Empfindungen im Gehirn ihren Sitz haben. Man kann sie mittlerweile sogar künstlich erzeugen. Natürlich ist auch das Gegenteil möglich. Die Gesamtheit der vom Zentralnervensystem kontrollierten bewussten Bewegungen des Körpers wird als Willkürmotorik bezeichnet. Im Gegensatz stehen einerseits unwillkürliche Reflexe des Körpers, physiologische Mitbewegungen wie die Pendelbewegungen der Arme beim Gehen und andererseits die Mimik, die im Wesentlichen auf der Tätigkeit der mimischen Muskulatur beruht und zum größten Teil unbewusst gesteuert wird. Der “Teufel“ nistet sich irgendwo in diesem System ein und löst ein Bettrauswurf-Programm im Hirn aus. Der Tritt in den Hintern, als Auslöser identifiziert und schmerzhaft empfunden, wird ebenfalls im Gehirn konstruiert. Die Besessene fühlt sich gepackt, gestossen und rausgeworfen. Das Gehirn ist in der Lage optische, haptische und akustische Halluzinationen zu generieren. Während optische und akustische Halluzinationen im Hirn selber vorstellig werden, können haptische Eindrücke (Inputs) auf die Motorik weitergeleitet und manifestieren sich so als für externe Beobachter (Videokamera) sichtbares Phänomen (Outputs).In unserem Kulturkreis sind die meisten Leute christlich erzogen worden. Sie sind mit dem alten und dem neuen Testament mehr oder weniger vertraut. Viele haben sich im Erwachsenenalter von der Religion entfernt, glauben ein persönliches Restderivat davon oder einen Mix aus verschiedenen anderen Vorstellungswelten, andere mitunter gar nichts mehr. Sich kritisch mit seinem anerzogenen Kinderglauben auseinanderzusetzen heisst immer einen Konflikt mit dem Über-Ich auszutragen. Oft sind im Unterbewusstsein “Gesetze“ in Marmor gemeisselt, die für die erwachsene Ratio bewusst keine Bedeutung mehr haben. Solche Konflikte werden im Unterbewusstsein, in der Traumwelt oder in psychosomatischen Störungen etc. ausgetragen. Das Über-Ich ist ein Begriff aus der Psychoanalyse Sigmund Freuds. Welche Kräfte zum Beispiel verletzte Tabus bewirken können, beschreibt Freud in “Totem und Tabu“. Hier sei nur folgendes Beispiel genannt: „Wer aus dem Napf des Königs (eines Eingeborenendorfes) isst, fällt tot um. Ein Dorfbewohner isst aus dem Napf, ohne zu wissen, dass es sich um den das Essen des Königs handelt, und erst als man ihn aufklärt, erleidet er einen Herzstillstand.

In seiner Metapsychologie ("Das Ich und das Es" 1923) unterscheidet Freud drei Instanzen des psychischen Apparats:

Das Es, die naturnahe Triebinstanz,

das Ich,

und das Über-Ich

Das Über-Ich kann im Freud'schen Drei-Instanzen-Modell vereinfacht als die moralische Instanz oder auch das Gewissen angesehen werden und stellt den Gegenspieler für die elementaren Lusttriebe des ES dar. Es wird in der frühen Kindheit (bis zum 6. Lebensjahr) gebildet und enthält die (moralischen) Normen und verinnerlichten Wertvorstellungen der kulturellen Umgebung, in der das Individuum aufwächst (insbesondere die der Eltern). Das Über-Ich entsteht durch Angleichen der eigenen Person an andere, mit denen sich dieser Mensch identifiziert. Dieser Prozess wird fachsprachlich als Introjektion bezeichnet. Der Sehnaher Psychiater Samuel Bernstiner ist jedoch der der Überzeugung, dass das Über-Ich auch später, bis hinein ins Erwachsenenalter z.B. durch Indoktrination beeinflusst werden kann. Wenn ein Mensch zu denken beginnt, geschieht dies bereits unter dem Einfluss des Über-Ichs, und der darin enthaltenen grundsätzlichen Wertvorstellungen. Da er diese als seine ureigenen empfindet und er seine persönliche Identität aus ihnen bezieht, kann er sich durch rationales Denken nur sehr bedingt von ihnen distanzieren oder emanzipieren. Bernstiner hat seine Erkenntnisse in der Begleitung von Sektenopfern gefunden, die einen regelrechten Entzug durchmachen mussten. Das Über-Ich fungiert in der menschlichen Psyche nach Freud als eine Kontrollinstanz, deren Ziel es ist, durch Selbstbeobachtung das eigene Verhalten in Übereinstimmung mit dem Idealbild zu bringen. Bei - durch die Erfüllung der Lustbedürfnisse des ES - bedingten Abweichungen von diesem Ideal wirkt sich das Über-Ich auf den Menschen in Form des Verspürens von Schuldgefühlen aus. Im Normalfall führt ein solcher Über-Ich Konflikt nicht unmittelbar zu einer “Besessenheit“ oder Psychose. Oft liegt jedoch in schweren Fällen, welche nicht endogener (Infektion, Epilepsie, Tumor Gehirnverletzung etc.) Natur sind, der Verdacht nahe, dass tiefer gehende Verletzungen in der Psyche Befallener vorliegen, deren Ursachen unter keinen Umständen ans Tageslicht gezerrt werden “wollen/sollen“. Sexueller Kindsmissbrauch kann eine der Ursachen sein. Dieser kann schon im Säuglingsalter stattgefunden haben und liegt verborgen und verdrängt im Unterbewusstsein eines Opfers. Da oft “geliebte“ Bezugspersonen aus dem Umfeld der Familie oder aber auch Autoritäten wie Pfarrer, (Sport) Lehrer, Jugendgruppenleiter als Täter in Frage kommen, ist das Über-Ich bereits negativ belastet. Wenn es dann auf das Erwachsene aufgeklärte Ich trifft beginnt der Konflikt, bricht die Krankheit aus. Da die Täterperson nicht befleckt werden darf, wird die Tat ausgelagert auf einen Ersatztäter, ein Ersatzböses. Die Vorstellung des Satans als Verführer ist weit verbreitet, aber auch diese der Besetzung durch den Teufel. Jesus als Idealmensch hat den Verführungen des Satans widerstanden und ist somit gesetztes Vorbild im Über-Ich-Modell, ist moralische Instanz. Das missbrauchte Kind wollte unter Umständen gefallen und hat, so ihm denn nicht Schmerz zugeführt worden ist, gar Gefallen an der Berührung gefunden und hat erst später erfahren, dass es in eine unmoralische Handlung verstrickt war, also verführt wurde. Wenn das Unbewusste mit bewusstem Wissen kollidiert, manifestiert es sich in Schulgefühlen deren Ursprung ihm nicht bewusst sind. Verführung wird dann mit Besessenheit vertauscht, im Sinne von, der Satan sitzt als Stellvertreter auf dem Opfer. Im christlichen Kontext wird die Besessenheit im Neuen und Alten Testament beschrieben. Die Evangelien berichten von zahlreichen Heilungen Besessener durch Jesus im Sinne einer „Austreibung” (Exorzismus) in der geistigen Tradition des Judentums. Ursachen der so verstandenen Besessenheit sollen Verfluchungen und Teufelspakte, aber auch „widernatürlicher Sexualverkehr” sein. Der Zürcher Psychiater Daniel Hell berichtet in der Talk Show, dass es heute sehr oft Menschen mit einem Migrationshintergrund seien, die sich als verflucht oder besessen bezeichnen. Anders als im deutschsprachigen Raum sei in osteuropäischen, afrikanischen und südamerikanischen Ländern der Dämonenglaube sehr verbreitet. Man müsse diese Menschen ernst nehmen. Aber ihnen mit einer Teufelsaustreibung helfen zu wollen, sei der falsche Weg. Denn ein Exorzismus würde den Glauben an den Teufel erst recht bestärken und die Besessenheitserfahrung intensivieren. Mit anderen Worten ist der Exorzismus nichts weiter als das Austreiben des Teufels mit dem Belzebuben. Die Christliche Geisterwelt von Engeln, Teufeln und Heiligen unterscheidet sich phänomenologisch nicht wesentlich von dem Geisterglauben Eingeborener. Man könnte hier ebenso von einem Migrationshintergrund sprechen. Dieser Hintergrund ist der mittelalterliche Katholizismus und seine Mythen. Bedenklich ist, dass Universitätsprofessoren vom Range eines Dr. Ratzinger solchen Zauber für bare Münze nehmen und daran glauben. Dass eine Kirche, die von Priesterskandalen rund um den Globus gebrandmarkt ist, lieber einen Exorzisten aus dem eigenen Haus, einen Insider auf die armen Opfer losschickt als einen “Aufklärer“, versteht sich nun von selbst. Ob mit diesem Gebets-Hokuspokus dem Opfer, als auch einem möglichen Täter geholfen werden kann, ist höchst fragwürdig. Aber eben, es ist ja Gott selber, der den Teufel losgeschickt hat uns Menschen zu versuchen, wie wir im Buche Hiob nachlesen können. Wer also an einen Satan ex machina glaubt, wie es wohl Herr Ratzinger tut, der glaubt konsequenterweise auch an einen Deus ex Machina. Wo aber war dieser Gott, als in Auschwitz die Schornsteine rauchten?