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7. Januar 2016

Affolters zweiter Irrtum

Bild Berenanews 2005 - Kathedrale von Chipili

Anna Felizitas Grazi

Dr. Walter Affolters zweiter Irrtum fusst auf der Annahme, dass die Einwohner der Städte Chipili, Tollana und Lipoka, in der Provinz Tresata, die wahren Nachkommen der Habalukker seien. In der Tat haben die Einwohner dieser drei Dörfer grössten Teils dunklere Hautfarbe als der Durchschnitt der Sehnaher Bevölkerung. Der eher südliche Schlag der meisten Leute ist zwar durchaus vergleichbar mit anderen Mittelmeerregionen. Auffällig sind aber weitere Merkmale wie die blauschwarzen Haare und die markanten Gesichtszüge, vergleichbar mit denen indigener Völker Mittel- und Südamerikas. Da bestimmte Habalukkefiguren in der Tat am ehesten diesem Menschenschlag ähneln, hat Affolter in ihnen die Nachfahren der von ihm entdeckten Habalukkekultur gesehen.

Die Einwohner dieser Städte und Dörfer sind religiös fast ausschliesslich katholisch, mit einem sonderbaren Mix von animistischen Zutaten und Bräuchen, die nur dieser Region eigen sind. Nicht von ungefähr werden dem Sehnahreisenden diese Orte auf das Vorzüglichste empfohlen. So sind denn auch die Gottesdienste die in den Kirchen, welche nach dem grossen Erdbeben in einem seltsamen neubarocken Stil wieder aufgebaut wurden, häufig bis zum Bersten voll. Der Weihrauch, der in diesen Gotteshäusern verwendet werde, bringe auch atheistische Kulturinteressierte zuweilen in andere Welten. Aber davon weiter unten.

Der schwedische Ethnologe und Historiker Dirk Sörensen, welcher seit Jahren in der Region lebt und dort seine Feldforschungen betreibt, hat das Rätsel um die Sagen umwobenen Nachkommen der Habalukker aber schon in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts gelöst. Die ersten Archive welche Aufschluss über die Stammbäume der Bevölkerung geben, datieren in der Gegend um 1734. Auffallend sind die Familiennamen, doch vernahm man zu Zeiten Affolters in situ wenig über die Herkunft der Leute. Wie so oft in der Geschichte spielte der Zufall eine grosse Rolle. Sörensen sprach anlässlich einer Tagung von Seefahrts-Historikern mit einem spanischen Kollegen, welcher ihm von Sklaventransporten erzählte, die um das Jahr 1530 herum rege stattgefunden und die Menschen aus Mexico und anderen spanischen Überseeprovinzen nach Europa entführt hätten. Man habe insbesondere indigene Waisenkinder nach Europa verschifft und diese an verschiedene Gutshöfe als Arbeitskräfte für die Landwirtschaft verkauft. Aber auch junge Erwachsene seien darunter gewesen. Kinderlose Ehepaare hätten diese Kinder aufgezogen und den Grossgrundbesitzern zur Verfügung gestellt. Mit 25 Jahren konnten versklavte Familienmitglieder von ihren Zieheltern freigekauft werden. Diese durften in der Folge entweder wegziehen oder weiter auf den Gutshöfen arbeiten und eigene Familien gründen. So entstanden offenbar ganze Sippen in den Kleinstädten der Provinz Tresata. Sofort war es Sörensen klar, die Altvorderen dieser Leute waren mitnichten Habalukker, sondern vielmehr die Nachfahren einer weltweit viel bekannteren Hochkultur, nämlich die der Azteken. Dies war natürlich eine Sensation. Sörensen wollte es genau wissen, er forschte in der Hafenstadt Tresa, welche eine Bibliothek mit grösseren Archivbeständen besitzt und wurde nach aufwendigen Recherchen fündig. Sehnah war damals, zum Zeitpunkt der Sklavenschiffe, unter venezianischer Herrschaft. Der regierende Doge, Andrea Gritti, setzte den venezianischen Statthalter Alessandro Loredan ein, der im Palazzo Serafin in Tresa residierte.


Portrait des Statthalters von Tresa, Alessandro Loredan Porträt des Dogen Andrea Gritti von Tizian, 1540

Dieser, ein Grossneffe des berühmten Dogen Lorenzo Loredan, verlangte für spanische und portugiesische Schiffe hohe Hafengebühren, welche sorgsam verbucht werden mussten.

Ebenso sind damals Einfuhrzölle auf allen Frachten erhoben worden, welche für Sehnah bestimmt waren. Diese Gelder flossen weiter an die Serenissima San Marco.


Einfuhrverzeichnis des Hafens von Tresa um 1530 aus dem Archivio di Stato di Venezia

Neben den Sklaven wurde bald auch schon das braune Gold, der Kakao eingeführt. In den Analen des Statthalters stand geschrieben, dass die Indios ihren Herren zeigen mussten, wie man aus den sonderbaren Bohnen ein verführerisches Getränk herstellte. Der Versuch Kakao auf Sehnah anzubauen scheiterte indes, wie Sörensen an anderer Stelle zu lesen bekam. Die Spanier waren nicht zimperlich, wenn es um die Verschiffung von Eingeborenen ging. So kann es denn gut sein, dass zuweilen auch Schamanen, oder zumindest Eingeweihte, unter den Deportierten waren.

In den Tagebüchern von Dr. Walter Affolter lesen wir, dass er die Region eher gemieden habe. Er sei nie alleine in Tresata unterwegs gewesen. Eine unbestimmte Angst beschlich mich jedesmal, schrieb er, wenn ich diesem Menschenschlage zu nahe kam. Als ob ich deren Geheimnisse aus dem Boden geholt hätte. Die Leute von Tresata zeigten denn auch ein reges Interesse an den Ausgrabungen. Einmal ereignete sich sogar ein nie geklärter Übergriff auf eine kleinere Grabung in der Nähe von Chipili. Über Nacht wurden die Stiele der Schaufeln samt sonders angesägt und die Schnittstellen mit Dreck kaschiert. Als am Nächsten Tag der Aushub hatte beginnen sollen, seien diese natürlich alle gebrochen. Der einheimische Aberglaube war so stark, dass es den Grabungsleitern fast unmöglich war, neue Arbeitskräfte zu gewinnen. Man hatte welche aus der alten Equipe aus Berena herfahren müssen. Affolter war also der festen Überzeugung, dass hier der Geist von Habalukke im Spiel war und in diesen Leuten noch nachwirkte. Bekannt wurden indes schon vor der Entdeckung der Habalukkekultur kleinere Übergriffe auf Leute, die den Einheimischen der Dörfer zu nahe kamen. So erzählt man, dass sie zuweilen ungebetene Gäste kulinarisch aus dem Verkehr gezogen hätten. Ob nun im einen Falle Solanin angewendet wurde, indem man in der berühmten Sechsfachsuppe grüne Kartoffeln anstelle von Brot aufkochte oder ob man ganz einfach zur Hanfpflanze gegriffen hatte, war abhängig vom jeweiligen Gast. Hanf und Flachs wurden in dieser Zeit noch rege angebaut und das berühmteste Fest, neben dem Fest des rauchenden Spiegels, war das Brechfest, an dem die Fasern aus den Stängeln gebrochen wurden. Während die Frauen singend Hanf und Flachs brachen, tranken die Männer das mit Hanfblüten angereicherte gebraute Malzbier. Die alten Männer erzählten sich dann die Geschichten von Poca dem Hirten, der mit der Pupan, seiner grossen Panflöte, die Welt befruchtete. Wenn die Pupan erklang in den Hainen, so sagten sie, sei die Welt auf den Kopf gestellt und die Frauen bereiteten das Lager vor, tränkten die Laken mit Rosen- und Lavendelöl. Da der Hirte Poca auch im Fest des rauchenden Spiegels eine Rolle spielte, erweckte diese Tatsache wiederum das Interesse Sörensens. Nachdem ihm klar war, dass die Nachfahren von Azteken in Sehnah angesiedelt wurden, musste er nicht weit suchen. Tezcatlipoca, also Poca der Hirt, war der Gott der Nacht und der Materie der Tolteken und der Azteken. Er wird auch der „Rauchende Spiegel“ genannt, denn er wird mit seinem magischen Spiegel dargestellt, mit dem er in die Herzen und in die Zukunft blickt. Aus der Historia general de las cosas de Nueva España von Bernardino de Sahagún stammt folgender Text über Tezcatlipoca:

„Der Gott Tezcatlipoca, er galt als ein wahrer Gott, unsichtbar, mächtig, jede Stätte zu betreten, die Himmel, die Erde und den Ort der Toten. Man sagte, wenn er auf Erden war, hat er die Menschen zum Krieg angespornt, Feindschaft und Zwietracht gestiftet und viel Angst und Unruhe verursacht. Er hetzte die Völker gegeneinander auf, so dass sie Kriege führten, und darum ward er der 'Feind auf beiden Seiten' geheißen. Er allein verstand, wie die Welt regiert wird, und spendete allein Wohlstand und Reichtum und nahm sie nach seinem Belieben wieder fort; er spendete Reichtümer, Wohlstand und Ruhm, Tapferkeit und Herrschaft, Ehren und Würden und nahm sie wieder fort, wann es ihm gefiel. Darum ward er gefürchtet und verehrt, denn es lag in seiner Macht, zu erheben und niederzuwerfen.“

Sörensen war nun klar, dieser Gott stand in krassem Widerspruch zum Jesus des neuen Testaments. Nicht von ungefähr waren die berühmt berüchtigten Gottesdienste in den Kirchen der Region gespickt mit Predigten aus dem Alten Testament. Jahwe unsichtbar wie Tezcatlipoca hatte ebenfalls Zugang zu allen Stätten. Verkleidet als Hirte sei er auf die Erde gekommen um mit seiner Flöte den Rauch aus dem Spiegel zu blasen. Poca der Hirte wurde, so will es die Sage wissen, ebenso getötet wie Jesus von Nazareth, verschleppt nach Spanien und dort verbrannt auf dem Scheiterhaufen der Inquisition. Kein Wunder, dass der Bischof von Berena eingriff als ihm solches zu Ohren kam und so schickte er umgehend die Priester allesamt nach Rom, wo sich ein professioneller Exorzist um sie kümmerte. Einer so sagte man, habe der Kirche den Rücken zugekehrt und er lebte danach, im Konkubinat mit zwei Frauen, in einem alten Gutshof im Bergdorf Halfa, etwas südlicher. So geschehen in den fünfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Das letzte was Sörensen über ihn in Erfahrung bringen konnte war, er wurde in den sechziger Jahren verurteilt wegen Verstosses gegen das Betäubungsmittelgesetz.

Einmal mehr wird klar, wie extrem schwierig es ist, aus den teils widersprüchlichen Legenden echte historische Fakten herauszufiltern. Trotzdem ist eines sichergestellt worden, sagt Sörensen abschliessend: „Nachfahren der Habalukkekultur sind vielleicht dereinst mittels DNA Analyse zu bestimmen - wer weiss, gesichert ist aber, die dunkelhäutigen Bewohner der Region Tresata stammen ursprünglich aus Mittelamerika. Sörensen wurde zum Ehrenbürger der Kleinstadt Tollana gewählt. Er wurde mit einer Delegation aus den drei Ortschaften vom mexikanischen Präsidenten nach Mexiko eingeladen und ist Träger des Ehrenkreuzes der Akademie Berena.