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Feuilleton


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Nur lebendiges schwimmt gegen den Strom (Deschner)

Auf hohlen Köpfen ist gut trommeln
(Aus der Dankrede zur Verleihung des Alternativen Büchnerpreises, 1993)
...
Denn glauben Sie doch nicht, daß dieser Klerus das menschliche Leben schützt! Im Mutterschoß, ja; um es preiszugeben im Krieg; als sammelte er in Weiberbäuchen - Kanonenfutter.

Ausgerechnet der gefeierte Widerstandskämpfer Bischof von Galen war es doch, der 1938, just zu der Zeit des großen Judenpogroms, einen Fahneneid auf Hitler autorisierte:

"Was Frost und Leid!
Mich brennt ein Eid.
Der glüht wie Feuerbrände
Durch Schwert und Herz und Hände.
Es ende drum wie's ende -
Deutschland, ich bin bereit!"

Ausgerechnet Hitlers Vize-Armeebischof war es doch, der, hakenkreuzgeschmückt, katholische Kriegsdienstverweigerer - dank klerikaler Erziehungsarbeit im ganzen Naziheer nur sieben! - "ausgemerzt und um einen Kopf kürzer gemacht" sehen wollte. Der noch 1945 schrie: "Vorwärts, christliche Soldaten, auf dem Weg zum Sieg!" Und der dann wieder, in derselben Funktion, noch lange in der Bundeswehr wirkte, wie so viele und vieles. Und manches bis heute.

Und Papst Pius XII. selbst war es doch, der innige Verehrer Mariens, der Komplize von Massenmördern, von Mussolini, Hitler, der private Multimillionär (80 Millionen DM in Gold und Valuten), ja dieser Heilige Vater war es doch, der 1940 von den Naziarmeen sagte: "Sie haben geschworen, Sie müssen gehorsam sein!" Und wünschte Hitler selbst, wörtlich wieder, "nichts sehnlicher als einen Sieg"! Und so alle deutschen, alle österreichischen Bischöfe, und zwar "immer wieder", und "eindringlichst", wie sie Ende 1941 zusammen bekannten. Und nun lügt man uns schon fast ein halbes Jahrhundert das Gegenteil vor, freilich nach alter, alter Tradition.

Und wofür? Für einen "Wahn", sagt der auf unseren Schulen doch so geschätzte Schiller - seit seinem endgültigen Studium Kants jede Metaphysik (das ist Philosophie auf der Fahnenflucht), jeden Gottes- und Unsterblichkeitsglauben verwerfend - für einen "Wahn", sagt der deutsche Klassiker, "Der die ganze Welt bestach" - ja warum hört man davon auf unseren Schulen nichts?!

Wofür? Für "den einen unsterblichen Schandfleck", sagt Friedrich Nietzsche, "das Blatterngift der Menschheit", sagt Friedrich Hebbel, für eine Religion, die wohl mehr Menschen als alle Religionen zusammen verfolgt, gefoltert, gemordet hat, die Religion der Frohen Botschaft mit der Kriegsbemalung, die Liaison eines Gesangvereins mit einer Feuersbrunst: Millionen Heiden und Juden getötet, Millionen Indianer und Schwarze, Millionen Christen auch, "Ketzer" und "Hexen". Hat die Religion ja überhaupt die eigenen Gläubigen, von Generation zu Generation, geistig verkrüppelt, dualistisch zerrissen, wirtschaftlich geschröpft, ja, von Jahrhundert zu Jahrhundert die große Mehrheit buchstäblich versklavt, hat sie doch mehr als alles und immer wieder das Opfer gepredigt scheinbar für den Herrn, tatsächlich für die Herren selbst. Und für ihre Spießgesellen.

Helvetius wußte es: "Wenn man ihre Heiligenlegenden liest, findet man die Namen von tausend heiliggesprochenen Verbrechern."

"Im Opfer wirket ihr euer Heil", so der Bischof von Würzburg noch 1945, noch 1945 zu den "Pflichten gegen das Vaterland", zur "staatlichen Ordnung", zur Obrigkeitstreue aufrufend, kurz bevor die Stadt in Schutt und Asche sank. Ja, immer und immer stand und steht da im Mittelpunkt, wie der Altar, der Opferaltar, das Opfer, zentral symbolisiert durch das Kreuz, einem weiteren unserer Klassiker, Goethe, "wie Gift und Schlange" zuwider, "das Widerwärtigste unter der Sonne"! Ja, warum hört man denn davon auf unseren Schulen nichts?!

Weil man da zwar vieles lernt, viel Schlimmes auch, Schlimmstes, doch eines sicher nicht: Denken. Das hintertreibt man von Anfang an, schon bei der Geburt. Denn die Freiheit eines Christenmenschen beginnt bekanntlich mit der Zwangstaufe, mit einer geistigen Vergewaltigung auf Lebenszeit, wofür es eigentlich nur lebenslänglich geben sollte. Und dann: von der Taufe in die Traufe, in den katholischen, den evangelischen Kindergarten, freilich erst neueste Errungenschaften. Denn noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts waren mindestens zwei Drittel aller Deutschen Analphabeten, und der knappe Rest klärte sich zum größten Teil durch Bibel, Katechismus, Gesangbuch auf.

Noch um die Wende zum 19. Jahrhundert beschreibt man die "geistige Infrastruktur" in Bayern: "Niemand kann lesen und schreiben, und dicke Finsternis ruht über dem Lande..." Ein herrlicher Zustand für Herrschende, deren viele doch dem spanischen Unterrichtsminister der Rechten, Bravo Murillo, zuneigen dürften, der um 1930, als er für sechshundert Arbeiter eine Schule genehmigen soll, ganz offen gesteht: "Wir brauchen keine Menschen, die denken, sondern Ochsen, die arbeiten..." Und auch in Deutschland, so Bildungsforscher Blankertz, hat es in Wahrheit immer nur so viel Gebildete gegeben, wie es ökonomisch notwendig war.

Nein, nichts davon auf unsren Schulen, daß die Mehrzahl unserer Klassiker, Wieland, Lessing, Schiller, Goethe, ausgesprochen antikirchlich war. Hängt doch alles hier so gottverdammt zusammen, der Pfaffe mit dem Pauker, der Pauker mit dem Politiker, und der mit allen und allem überhaupt und ja nicht erst seit heute.

Wer hub es an? Wer brachte den Fluch...? Wirklich, sieht's nicht aus, als sei es seit je Ziel unsrer Schule gewesen, jedem Schüler zu ermöglichen, auch nach der Schule so dumm zu bleiben, wie ihn die Schule gemacht? Der beste Beweis für die falsche Erziehung der Menschheit, ist ihre Geschichte.

Die Korruption steigt ja in der Regel nicht von unten nach oben, sondern umgekehrt. Eine Regierung kann das Volk korrupt machen, und machte es häufig auch korrupt, ein Volk kaum die Regierung. So wenig wie, in der Regel, eine Klasse ihren Lehrer korrumpieren kann, aber der Lehrer die Klasse. Ganz besonders der Geschichtslehrer. Noch mehr der Religionslehrer.

Was aber all dies erst zusammenhält, ist weder der Glaube noch die Logik, weder die Macht noch das Geld, ja nicht einmal die Dummheit, sondern was all dies bemäntelt, ummantelt und einfach unantastbar macht, ist die Verbindung von grenzenloser Gleichgültigkeit und nicht minder grenzenloser Heuchelei. Vielleicht ist nichts entsetzlicher am heutigen Menschen, als daß er sich nicht mehr entsetzt. Vielleicht schafft nichts mehr Unglück, als die guten Gewissen, auf den sanften Ruhekissen, die guten Gewissen, die einer bösen Sache dienen im Glauben, daß es die gute sei. Vielleicht ermöglicht nichts mehr Verbrechen als Gleichgültigkeit. Gleichgültigsein heißt unablässig morden.

Ein einziger Aufwiegler taugt manchmal mehr als alle Abwiegler zusammen. (Büchner)

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