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Ich glaube an den Zufall
Ich glaube an den Zufall

Interview A. F. Grazi mit HUS

BN: Kritiker werfen Ihnen vor, Sie seien ein Nestbeschmutzer, der ins eigene Nest pinkelt.

HUS: Scheisst hat derjenige gesagt! Das ist ein wesentlicher Unterschied! Ins Nest pinkelt, wer ein Problem hat.

BN: Gut, dann halt... Können Sie die Kritik annehmen?

HUS: Ja.

BN: Was heisst ja?

HUS: Ja ist eine kurze Antwort auf eine lange Kritik und Warhol hat uns gelernt die Länge zu messen und nicht den Inhalt.

BN: Das heisst, sie geht an Ihnen vorbei?

HUS: Nein.

BN: Was heisst nein?

HUS: Nein heisst, dass ich die Länge messe.

BN: Sie sind bekannt für schwierige Interviews, warum ist das so?

HUS: Das müssen Sie sich selber fragen.

BN: Gut, ich will mir Mühe geben. – Sind Sie ein gläubiger Mensch?

HUS: Ja

BN: An was glauben Sie?

HUS: An den Zufall.

BN: Was meinen Sie damit? Ist das nicht das Gegenteil von Glauben?

HUS: Nein das Gegenteil von Glauben ist Wissen und nicht etwa Unglauben wie man denken könnte.

BN: Was kann man denn wissen?

HUS: Ich unterscheide praktisches Alltagswissen, welches sich auf Praxis und Beobachterpositionen stützt als auch auf die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse der Gegenwart und andererseits das philosophische Wissen, welches im Grunde nur unscharfes oder negatives Wissen genannt werden könnte.

BN: Sie meinen mit Wittgenstein, über was man nicht sprechen kann, soll man schweigen?

HUS: Ja und nein. Man kann über etwas sprechen, dessen Wahrheit wir nicht kennen können. Wir können über Gott sprechen, da er primär ein Begriff ist, den wir selber konstruiert haben.

BN: Sie glauben offensichtlich nicht an sogenannte Offenbarungen?

HUS: Offenbarungen sind Behauptungen von Menschen, die uns übrigen verkünden, ihnen sei ein Engel erschienen, oder Gott habe mit ihnen gesprochen usw. Seit es Irrenanstalten gibt, sind diese voll von solchen Heiligen.

BN: Haben sie Angst, es könnte ihnen ein solcher Engel erscheinen?

HUS: Davor habe ich ungefähr die selbe Angst wie vor Krebs. – Nein falsch, etwas weniger, Engel sind nicht so schmerzhaft.

BN: Sind Sie ein Zyniker?

HUS: Mag manchmal den Anschein haben, gebe mir jedoch Mühe kein echter Zyniker zu sein.

BN: Was hat Kunst mit Philosophie zu tun?

HUS: Sie ergänzen sich wahrscheinlich.

BN: Es gibt ja sogenannte Philosophenkünstler, sind Sie einer?

HUS: Definitiv nein! Man müsste ja Philosoph in erster Instanz sein, und um dieses zu sein, müsste man meines Erachtens auch Physiker sein usw. Es ist aber unabdingbar für einen Künstler einige Positionen zu kennen, da ästhetische Theorie bekanntlich aus dieser Ecke kommt.

BN: Was möchten Sie unseren Lesern in Sachen Kunst sagen?

HUS: Danke, dass sie mich nicht fragen, was ist für Sie die Kunst. In Sachen Kunst? –
Die Kunst ist wie die Religion säkularisiert, dies wage ich zu behaupten. Ich stelle mich radikal gegen Versuche, die Kunst als Religionsersatz zu etablieren. Neuplatonisches Geflimmer ist mir suspekt und etwas für Befindlichkeitssekten. So handle ich mir denn auch oft den Vorwurf ein, ideologisch zu sein, obschon ich das Gegenteil bin. Ideologen sind für mich die Platoniker.

BN: Sind Sie Materialist?

HUS: Ich bin klar Agnostiker. Der Brachialmaterialismus eines Ludwig Büchners, welcher in “Kraft und Stoff“ über die Agnostiker als Feiglinge herfällt, welche sich nicht zu entscheiden wagten, liegt mir fern. Die Wissenschaft des 20. Jahrhunderts hat im Grunde ein agnostisches Weltbild hervorgezaubert.

BN: Wie meinen Sie das?

HUS: Es sieht so aus, als würde uns die Natur mit ihrer Unschärfe in die Schranken weisen.

BN: Sie sind also nicht der Meinung von Einstein, der da sagte: “Gott würfelt nicht“.

HUS: Wenn schon würde ich ihm mit Niels Bohr antworten: “Schreiben Sie Gott nicht vor, was er zu tun hat.“ Für mich ist das ein typisches Beispiel für eine religiöse Aussage und eine philosophische. Bohr sagt im Grunde mit Wittgenstein, sprich nicht über etwas, über das man nicht sprechen kann.

BN: Man sagt aber auch, dass Wittgenstein das Ende der Philosophie sei.

HUS: Dann bin ich das Ende der Kunst (lacht). Ich glaube, dass mit dem oft besungenen Ende der Philosophie das Ende der Metaphysik gemeint ist.

BN: Ist für Sie die Metaphysik am Ende?

HUS: Nein. Die Philosophie muss sie nur in Schranken halten. Metaphysik, die das Korsett der Philosophie verlässt, ist Theologie. Wenn Metaphysik als Sandkastenspiel betrieben wird, ist dies meines Erachtens legitim. Man spricht dann bewusst über etwas, über das man nicht sprechen kann. Wenn daraus sich ein Glaube entwickelt, ist dies ebenfalls legitim. Für mich ist die Philosophie ein Gericht, welches die “Teilvorstellungen“ in sogenannte Passionskisten verbannt. In diesen Kisten darf geglaubt, gesungen und zelebriert werden was das Zeug hält. Für mich gehört auch die Kunst in eine solche Kiste. Doch die Kunst hat einen Heimvorteil. Sie besteht ihrerseits aus “unendlichen“ Passionskisten, welche sogar sich selber zum Thema machen können. Die Möbiusschleife der Kunst durchstreift alle Denkrichtungen, das hat sie mit der Philosophie gemein. Oder anders gesagt: Die Religion gibt es nicht, es gibt nur Religionen. Hingegen die Philosophie und die Kunst gibt es, da diese nicht alleinseligmachend auftreten.

BN: Aber das könnte man doch auch der Religion oder besser den Religionen zubilligen. Künstler hingegen treten doch oft auch alleinseligmachend auf.

HUS: Wenn Sie sagen, den Religionen, dann haben Sie recht. Aber das ist es ja gerade. Philosophie seit Wittgenstein hat ein Korsett bekommen, welches sagt, wie man über etwas sprechen kann. Mit Philosophie sind ja nicht die esoterischen “Lebensphilosophien“ von Gurus gemeint. Was die Künstler angeht, natürlich treten die so aus ihren Kisten hervor und ziehen ihre Show ab, das ist in der Regel Marketing. Es gibt natürlich Kombinationen. Das habe ich ja eingangs erwähnt. Wenn die Absolutheit von Ideologien und religiösen Ansichten Kunstwerke dominieren, so werden diese zu “Werbeplakaten“ dieser Ideologien. Dies ist aber im Passionsboxensystem der Kunst legitim, die Kunst lebt durch ihre Vielfalt, die Religionen sehen im anderen die Häresie.

BN: Was halten Sie von der Ökumene?

HUS: Sie ist hoch philosophisch geprägt. Sie geht in Richtung Passionskisten und ist natürlich hoch zu halten. Persönlich sehe ich aber den Konflikt, den die Fundamentalisten offen zu Tage treten lassen sehr klar. Eine absolute Gottesangelegenheit ist schwer teilbar. Die drei auf das alte Testament zurückgehenden Weltreligionen dulden im Grunde keine andern Götter neben sich.

BN: Sie selber glauben also an den Zufall, an einen würfelnden Gott?

HUS: Ich habe nie gesagt, dass ich an Gott glaube, ob würfelnd oder nicht. Ich weiss schlicht nicht, ob es etwas wie Gott gibt. Es könnte im übrigen auch einen Gott geben, der sich gar nicht um uns schert, dem das einzelne Individuum im Grunde nichts bedeutet. Für mich ist “das Überhaupt“ das Mysterium. “Dass überhaupt Etwas ist und nicht lieber Nichts“ (Scheler, vom Ewigen im Menschen).
Dieses Aufleuchten aus dem Nichts, um wieder zu verschwinden ins Nichts, ohne je zu wissen warum, das ist doch eine unerhörte Herausforderung. Ein Weihnachtsbaum mit Paketen, die wir nicht öffnen können/dürfen. Aber wir neigen nun mal dazu, uns dauernd etwas vor zu spiegeln.

BN: Sind Sie ein Aufklärer?

HUS: Was mich selber angeht ja, ich versuche mich laufend aufzuklären. Was indes die Welt angeht? - Sehen sie, da sagt einer, dieser Punkt ist grün und ein anderer behauptet er sei rot. Was ist zu tun? Zehn unabhängige Beobachter werden gefragt, welche Farbe der Punkt nach ihnen denn habe. Sie sagen alle grün. Um dem ganzen noch etwas Würze zu geben, fragen wir noch einen Zen-Meister. Dieser antwortet: “Am Ende des Weges ist der Anfang, welcher am Anfang des Weges schon blau war.“ Ich will damit nur sagen, dass ich die Nerven für einen Aufklärer nicht habe. Der ZEN-Meister hat aber genug Nerven um ZEN-Meister zu sein.

BN: Was ist für Sie die Seele?

HUS: Sie fragen mich sicher, ob für mich die Seele eine vom Körper unabhängige Entität ist. Ich bin Agnostiker und weiss es nicht. Doch ab und zu steige ich hinunter in ein Passionskästchen und neige dazu zu glauben, dass sie mit dem Menschen verschwindet, sich also nicht irgendwohin absetzt. Ich glaube, sie ist mit meiner körperlichen Existenz unmittelbar verbunden. In diesem meinem Körper bin ich Welt geworden, bin das geworden was ich bin, geprägt durch meine Umwelt. Wenn der Mensch anfängt solche Gedanken zu haben, hat er bereits sein Ich entwickelt und kann sich nicht mehr adäquat zurückdenken. Unter Seele versteht man doch im Grunde die Summe dessen, was in uns Welt geworden ist. Dass auch der Alzheimerpatient sein Gedächtnis im Himmel zurück erhält, ist zwar zwingend notwendig für das jüngste Gericht, für mich ist aber ein jüngstes Gericht als solches nicht zwingend notwendig.

BN: Steigen Sie nicht auch ab und zu in ein Passionskästchen, in dem Sie sich nicht vorstellen können eines Tages überhaupt nicht mehr zu existieren.?

HUS: Dieses Kästchen flimmert natürlich aus meiner Kinderstube in mein Dasein. Ich steige dann immer schnell in ein anderes Kästchen um, in dem ich mir die Frage stelle: Wie stellst du dir denn so etwas vor? Ich denke dann ein, zwei, drei Runden und bin dann für lange Zeit geheilt. – Wieso fragen Sie mich eigentlich diese Sachen, der Bischof von Berena könnte Ihnen da sicher besser helfen?

BN: Ich bin der Meinung, dass man Ihr Werk besser versteht, wenn man diese Fragen von Ihnen beantwortet bekommt.

HUS: Sind Sie sich da sicher?

BN: Nein, Besten Dank für das Interview.























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