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Das Jenische – eine „sonderbare“ Sprache? von Giuseppina Greco
Das Jenische – eine „sonderbare“ Sprache?


Die Schweiz bekennt sich zur Mehrsprachigkeit und zur kulturellen Vielfalt, im Gegensatz zu jenen zentralistischen Staatsgebilden, die, auf die herdersche Philosophie zurückgreifend, von einem „natürlichen“ Zusammenhang zwischen Volk, Nation und Sprache ausgehen. Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch sind als Landessprachen in der Bundesverfassung verankert. Neben diesen vier Sprachgemeinschaften bereichern zwei weitere, nicht-territorial gebundene, Kommunikationssysteme die heterogene Sprachlandschaft der Schweiz, das Jiddische und das Jenische. Europaweit zählt die jenische Gemeinschaft schätzungsweise 350'000 Angehörige, davon leben 30'000 in der Schweiz. Die jenische Bevölkerung setzt sich aus einer sesshaften und einer nomadischen/halb-nomadischen Komponente zusammen (ca. 3000 Personen) . Das Geheimnis um die Herkunft der Jenischen scheint auch nach Jahrzehnten eifriger Forschungsarbeit nicht geklärt worden zu sein. Grundsätzlich lassen sich zwei Hauptthesen herauskristallisieren: Die eine behauptet, dass die Jenischen die Nachkommen von europäischen, vorwiegend deutschsprachigen, Nomaden seien; eine weitere, hingegen, dass sie die Sprösslinge von europäisch-indischen Paaren darstellen.


Grammatikalische Eigenschaften und Klassifizierung der jenischen Sprache

Unklarheit herrscht auch bezüglich der gegenwärtigen Anzahl Sprecher dieses, im deutschsprachigen Raum entstandenen, linguistischen Systems. Hierbei handelt es sich vorwiegend um eine gesprochene Sprache, die ausschliesslich von den Fahrenden Jenischen gepflegt und weitergegeben wird. Ihre Verwendung setzt einerseits voraus, dass keine Puure anwesend sind und andererseits, dass der verbale Austausch in einem familiären und informellen Rahmen stattfindet. Das Zurückgreifen auf die Sprache ihrer Vorfahren ermöglicht es dieser Schweizer Minderheit, ihre kollektive Identität hervorzuheben. Daraus lässt sich ableiten, dass das Jenische die Funktion einer Gruppensprache erfüllt. Syntaktisch, phonologisch und zu einem grossen Teil auch morphologisch, bedient sich das Schweizer Jenische, welches in der Regel als Zweitsprache erlernt wird, entweder des (Schweizer)Deutschen oder, seltener, des Französischen. Es verfügt somit über kein vollständig autonomes grammatikalisches System, sondern seine Besonderheit liegt vielmehr im Wortschatz, der nebst Elementen aus dem Deutschen, auch vom Jiddischen, den romanischen Sprachen, dem Romani und dem Latein geprägt worden ist. Dank eines gemeinsamen Kernvokabulars scheinen sich die Angehörigen dieser Gemeinschaft, auch wenn sie unterschiedliche Nationalitäten aufweisen, verständigen zu können.

In der Fachliteratur wird das Jenische in der Regel als Soziolekt definiert. Der Anerkennung des Jenischen als eigenständige Sprache, hingegen, stehen die meisten Autoren kritisch gegenüber. Max Weinreich fasst den Unterschied zwischen einer Sprache und einem Dialekt wie folgt zusammen: „A language is a dialect with an army and a navy“. Auffallend ist, dass der ausgebildete Linguist kaum auf sprachwissenschaftliche, sondern vielmehr auf politische Argumente zurückgreift, um die beiden Begriffe auseinanderzuhalten. Und dennoch blieben die Bemühungen einiger Jenischer um die Anerkennung des Jenischen als fünfte Landessprache erfolglos. Können wir daraus schliessen, dass die effektive Macht der jenischen „Armee“ und „Flotte“ sich immer noch als ungenügend erweist, oder bestehen weitere Argumente, um diesem Kommunikationssystem den Status einer unabhängigen Sprache abzuschlagen? Seine nicht-standardisierte und vorwiegend mündliche Natur, sowie seine, von einer zweiten Sprache abhängigen, grammatikalische Struktur, erschweren dem Jenischen den Weg zur linguistischen Autonomie. Zudem wird die fahrende Gemeinschaft mit einer weiteren Herausforderung konfrontiert: Im Gegensatz zu den helvetischen Landessprachen kann ihre Sprache keine territorialen Ansprüche geltend machen.


Der steinige Weg zur Anerkennung

Der Bundesrat hat sich durch die Gutheissung am 18.12.2002 des zweiten Berichtes zur europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen dazu verpflichtet, das Jenische zu fördern und gemeinsam mit den Fahrenden mögliche Handlungsstrategien in diese Richtung zu entwerfen. Die Revitalisierung einer gefährdeten Sprache kann auf unterschiedlichen Ebenen und mit diversen Instrumenten vorgenommen werden. Eine sesshafte Annäherung dazu würde möglicherweise die schriftliche Festhaltung und Standardisierung einer gesprochenen Sprache vorsehen, mit der Absicht, nicht bloss deren Konservierung zu gewährleisten, sondern auch ihren Einsatzradius auf zusätzliche Bereiche zu erweitern. Solche Vorstellungen scheinen jedoch gegen den mobilen Geist des Nomadentums und der mündlichen Sprachüberlieferung zu gehen.

Föderalismus und Diversität stellen grundlegende Elemente der Schweizer Gesellschaft, der die Jenischen angehören, dar. Um ihre kulturelle Besonderheit hervorzuheben, unterstreicht diese einheimische Minderheit sowohl ihre ursprünglich nomadische Lebensweise, wie auch ihre Gruppensprache. Empirische Studien und Projekte zur Revitalisierung dieses linguistischen Systems erweisen sich als dringende Notwendigkeit. Diesbezüglich sind die geplante Herausgabe eines jenischen Wörterbuchs seitens der Radgenossenschaft der Landstrasse, wie auch das Projekt Jenisch Tibern zur transnationaler Sprachförderung des Vereins Schäft Qwant , als Ergänzung zum Werk von Hansjörg Roth, als äusserst positiv zu bewerten. Falls die jenischen Sprache zusätzlich zu ihrer identitären Funktion als kulturelles Kapital auch sozio-ökonomischer Nutzen bringen könnte, würde sie möglicherweise „die Selbstverständlichkeit der Strasse“ (Nobel 2003: 116) zurückgewinnen. Denn Sprachen werden nicht ausschliesslich aus sozio-politischen Gründen aufgegeben; vielmehr sollten sie ihren Sprechern auch professionnelle Tore eröffnen und nicht zu wirtschaftlicher Marginalisierung führen.


Roth (2001: 23).
Jenischer Sammelbegriff für nicht-Jenische, Sesshafte (Roth 2001: 214).
Gewisse Personen scheinen das Jenische als Muttersprache erworben zu haben (Roth 2001: 101).
Matras (1998) ; Roth (2001)
Zitiert in Romaine (2000: 13).
(Roth 2001: 104).


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