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11.01.2017

Denk ich an Amerika in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht

Youngstown’s Steel Mills circa 1919

Ein offener Brief unseres Amerika Korrespondenten Jeremy Wheeler Stone an Donald Trump


Ja Herr Trump, wir kennen Sie nicht persönlich. - Wir waren aber alle Zeugen ihrer endlosen Monologe, Ihrer demagogischen Rhetorik, aber auch Ihrer unverzeihlichen Verunglimpfungen. Sie sind das Original und John Di Domenico, Alec Baldwin und ‘last but not least‘ Meryl Streep sind Ihre Imitatoren. Um in den Genuss zu kommen, derart prominent parodiert zu werden, muss man selber leibhaftig Parodie sein, denn Schauspieler parodieren nur die Verpackung. Und wenn da Trump draufsteht, wird wohl auch Trump drin sein…

Wenn Sie nun Meryl Streep unterstellen, sie kenne Sie ja gar nicht, haben Sie nur bedingt Recht, doch lassen Sie mich das erläutern. Sie haben Frau Streep und auch uns einen tiefen Einblick in ihr Denken gegeben und verzeihen Sie uns, wenn wir uns nun anmassen, Sie ein wenig zu kennen. Vieles was Sie uns in Ihrem Wahlkampf zum Besten gegeben haben, hat uns, und damit meine ich nicht diejenigen die Sie gewählt haben, hellhörig gemacht. Uns, die wir selber über ein wenig Selbstvertrauen verfügen, haben Sie nicht überzeugt. Wir brauchen keinen Bauchredner. Wir brauchen aber schon gar keinen Führer, der uns wieder gross macht, denn die USA ist nun mal eine Grossmacht, daran werden auch Sie hoffentlich nichts ändern können. Und ja, Sie haben Recht, viele unserer amerikanischen Mitbürger wurden abgehängt und im Regen stehen gelassen. Nun, da Sie für einen Moment Ihren Golfplatz verlassen haben, um das höchste Staatsamt der USA anzutreten, haben Sie sich im Vorfeld der Ausmarkungen um diesen Posten urplötzlich dieser Leute erinnert. Wir denken, dass Ihre Berater Ihnen dieses Stimmenpotential eingeflüstert haben, denn der Rostgürtel kann unmöglich ein Thema im Alltag Ihrer palastoiden Wohnlichkeit gewesen sein. Auch Ihrer Frau Melania steht das “Gutmenschenimage“ nicht gerade ins Gesicht geschnitten. Ganz anders haben sich Künstler dem Thema schon mal angenommen, aber davon später. - Ganz anders stellen wir uns auch eine Michelle Obama vor, die selber in der Lage ist eine Rede zu schreiben und die wir uns sehr wohl als clevere Einflüsterin am Ohr ihres Gatten vorstellen können. Aber eben, Leute wie die Obamas sehen wohl zuerst den Menschen und dann den Amerikaner und müssen dann feststellen, dass das “yes we can“ nur funktioniert, wenn alle und insbesondere wir Amerikaner am selben Strick ziehen. Dieses Amerika gibt es nun nicht mehr, wir sind zwei Amerikas in einem Land.

Die USA, Herr Präsident, wird gerade im alten Europa gern als Land ohne Geschichte bezeichnet. Amerika sieht etwas anders aus, wenn man wie ich von Berufes wegen einige Seemeilen Distanz zu meiner Heimat haben darf. Der Mythos der Geschichtslosigkeit ist jedoch von nah ebenso falsch wie von fern, denn es ist banale Geschichtsklitterung, die, von wem auch immer, ganz einfach vor die Historie gestellt wurde. Südamerika und der Süden des Nordkontinents waren bis zur Entdeckung durch die Spanier durchzogen mit verschiedenen Hochkulturen. Der Norden der USA und Kanada sind analog der nordeuropäischen Kulturen nicht besiedelt mit Stadtstaaten wie sie in Anatolien, der Levante und im südlichen Halbmond vorkamen, jedoch gab es eine Vielfalt von Völkern und Kulturen. Hinterlassenschaften wie Teotihuacán in Mexico fehlen zwar, doch haben uns z.B. die Hügelbauer der Mississippikultur ihre imposanten Grabhügel, die sogenannten Mouds, hinterlassen. Ihre Nachfahren, die Muskogee, lebten eher im losen Bund als in einem geschlossenen Stamm. Die Muskogee siedelten in selbständigen Dörfern in Flusstälern in den heutigen Staaten Georgia und Alabama und bestanden aus vielen ethnischen Gruppen, die mehrere verschiedene Sprachen sprachen. Die indigenen Völker des Nordens wie des Südens mussten dann, wie allgemein bekannt, den weissen Europäern weichen. Eine Geschichte, die fast ausschliesslich auf der Ausrottung der Urbevölkerung aufbaut, ist wenig ruhmreich und man hält diese lieber unter dem Deckel oder aber man verklärt sie. Die weissen Europäer sahen sich Kraft ihrer Eroberungserfolge als Herrenrasse, der es zustand Sklaven aus Afrika einzukaufen, standen sie ja in guten Geschäftsbeziehungen zu ihren Herkunftsländern in Europa, die ihrerseits die koloniale Usurpation des afrikanischen Kontinents unter sich aufgeteilt hatten. Sklaven, die ihnen die Drecksarbeit erledigen mussten, hatten Konjunktur in der neuen Welt. Ein weiteres dunkles Kapitel betrifft die chinesischen Einwanderer. Von Anfang an waren sie dabei dem Rassismus der europäisch stämmigen Bevölkerung ausgesetzt, der in den 1870er Jahren in Massakern und der Zwangsansiedlung der chinesischen Migranten in Chinatowns gipfelte. Auch in rechtlicher Hinsicht waren Chinesen in den USA weitaus schlechter gestellt als die meisten anderen ethnischen Minderheiten. Sie mussten besondere Steuern zahlen, durften keine europäisch stämmigen Partner heiraten und konnten die amerikanische Staatsbürgerschaft nicht erwerben. Zusätzliches Leid brachte 1882 der Chinese Exclusion Act, durch den sich die amerikanischen Grenzen für chinesische Einwanderer für mehr als 60 Jahre schlossen. Mit diesem Gesetz, das bis 1943 in Kraft blieb, wurde nicht nur eine Neu-Einwanderung von Chinesen verhindert, sondern auch die Familienzusammenführung der bereits im Lande lebenden Chinesen blockiert, die meist ohne ihre Frauen und Kinder eingereist waren.

Diese europäische Vormachtstellung geistert bis heute in der weissen Bevölkerung herum und ist der Nährboden mit dem Ihre Reden, Herr Präsident, gedüngt sind. Es ist oft bezeichnend, wie ehemalige Einwanderer später zu denen gehören, die gerne mal die Türe hinter sich zuschlagen. Als Sohn einer schottischen Fischerstochter und eines Vaters, dessen Eltern aus der Pfalz, dem damaligen Königreich Bayern stammen, sollten Sie im Grunde doch etwas mehr Verständnis aufbringen für Leute, die ihre Heimat hinter sich lassen müssen, insbesondere wenn dies aus wirtschaftlicher Not heraus geschieht. Interessant ist auch Ihr biografischer Link zum ‘Theaterblut‘. Ich lese in Ihrer Herkunftsgeschichte: Friedrich Trump (Ihr Grossvater) war ein Vetter zweiten Grades des Ketchup-Unternehmers Henry John Heinz, dessen Großmutter Charlotta Louis eine geborene Trump war. Sie haben offenbar Tomatensauce im Blut, anders kann ich die Wichtigkeit dieses Querverweises nicht deuten. Bei Aussenminister John Kerry kommt das Ketchup auch vor, denn seine Frau ist eine geborene Heinz inklusive Aktienpaket. Im Gegensatz zu Ihnen sind die beiden Kollegen Kerry und McCain echte Veteranen in einem unseligen Krieg, der uns allen, die um die Mitte des letzten Jahrhunderts zur Welt kamen, noch in Erinnerung ist. Wenn schon, die beiden sind echte Helden und nicht ‘Drücksritter von und zu Fersensporn‘. Haben ihre Wähler womöglich einen Drückeberger gewählt und sind auf Ihre saloppen Sprüche und Lügengeschichten hereingefallen? Sie sind ein Zwitschervögelchen, das auf eine äusserst bewegende Rede einer mehrfach ausgezeichneten, international anerkannten Schauspielerin, nichts anderes zu twittern wissen, als dass sie „one of the most over-rated actresses in Hollywood“ sei. Schön für Sie, dass Sie auch in Sachen Film ein Fachmann sind. Amerika muss mit Ihnen wirklich das goldene Los gezogen haben.

Nein Herr Präsident, wir unterschätzen sie nicht! Wir wissen, –besser wir ahnen, was wir an Ihnen haben werden. Auch wenn Checks and Balances etwas aus der Balance geraten sind, müssen wir auf unsere Institutionen vertrauen, denn Ihr Kabinett gleicht eher einer Poker Runde in einem Trump Casino mit Ihnen, Mr. Präsident, als Geber.

Zurück zum Film. Nicht alles was aus der Traumfabrik in die Welt hinaus gelangt ist auch von Bedeutung. Einiges hingegen bleibt hängen. Dazu zähle ich folgenden Auftritt: Meryl Streep ist mir persönlich das erste Mal auf der Leinwand an der Seite von Robert de Niro begegnet, den Sie ja auch schon deklassiert haben. In Michael Ciminos Vietnamklassiker “Deer Hunter“ nämlich. Da ging es auch schon um diejenigen Amerikaner, die Sie nun hoffnungsvoll gewählt haben. Wie gross muss die Verzweiflung sein, dass anständige Arbeiter einen Pakt mit dem Teufel schliessen? Nicht nur Richard Rorty hat einen Leader Ihrer Sorte bereits vor zehn Jahren vorhergesagt. Vor zwanzig Jahren hat Bruce Springsteen in einer Hymne Aufstieg und Fall eines typischen Stahlindustrie-Standorts schon vorweggesungen. Springsteen sang 1995 mit „Youngstown“ auf dem Album „The Ghost of Tom Joad“: „My sweet Jenny, I'm sinkin' down, here darlin' in Youngstown“, aus der Perspektive eines (Vietnam-)Kriegsheimkehrers. Schon damals war wohl dieser Pakt vorausgeahnt als er am Ende des Songs sang: „I pray the devil comes and takes me, to stand in the fiery furnaces of hell.“

Doch der Teufel wäre nicht der Teufel, wenn er jenen, die nach seinem Feuer geradezu lechzen, nicht seinen eiskalten toten Hauch ins Gesicht blasen würde.